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Die Welt · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Article
Cultur- oder Machtfrage
Date
1900-06-15
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ,Die & Welt" Nr. 24 gelernt hat, die Gegensätze zwischen den Mächten für sich auszunützen, und weil zweitens die Culturfrage, um die es sich handelt, durch die verschiedenen Machtinteressen in den Hintergrund gedrängt ist. Die Situation erinnert, was ihre diplomatische Seite anlangt, ein wenig an die in der Türkei. Unter der Fahne der europäischen Cultur ist man nach Kiaotschau und Port Arthur, nach Weihawei und Hain an gegangen, dann aber ist von den Vertretern der europäischen Mächte im Pekinger Kaiserpalaste intriguiert und miniert worden, bis natürlich die Chinesen, die bekanntermassen sehr schlaue Leute sind, begriffen, dass die grosse Gulturliga doch eigentlich etwas ganz Zerklüftetes ist, was bei jeder neuen Goncurrenz um eine Eisenbahnconcession oder um eine Bankgründung immer wieder zutage trat. Man ist daher vollauf berechtigt, zu sagen, die Grösse der Gefahr der Boxer-Revolution sei bedingt durch die Frage, ob die Entschliessungen der Mächte mehr von dem Cultur- oder mehr von dem Machtinteresse gelenkt sein werden. Einstweilen ist diese Frage noch nicht beantwortet und deshalb lässt die gemeinsame Action der Mächte auf sich warten, so dass man fast an den Ausspruch erinnert wird: Roma deliberante Saguntum perit. Wir würden indessen unsererseits keinen unmittelbaren Anlass haben, über die chinesische Politik irgendwelche Betrachtungen anzustellen, wenn nicht gerade jener Gegensatz zwischen Cultur- und Machtinteressen darin im Spiele wäre, der auch uns in so hohem Masse angeht Niemand wird leugnen, dass die zionistischen Bestrebungen einem grossen Culturinteresse dienen, und zwar einem solchen ganz allein. Es wäre gewiss trivial, die Fremden in China, die jetzt von den Boxern so arg bedroht werden, mit den Juden zu vergleichen, denen in dem civilisierten Europa die Existenz verleidet wird. Aber keineswegs trivial ist es, zu sagen, dass der Erfüllung des zionistischen Ideals nicht am wenigsten die Durchsetzung des Culturinteresses mit dem Machtinteresse im Wege steht. Nur ist in den chinesischen Vorgängen diese verhängnisvolle Verquickung bis zu einem gewissen Grade verständlich, während sie in Hinsicht auf die zionistischen Bestrebungen durchaus willkürlich ist. Die Culturträger sind in dem chinesischen Falle die Mächte selbst, und dass sie auf ihrem Wege nicht vereint marschieren, hat seinen Grund in dem Antheile, den sich jede von ihnen an der Frucht der künftigen Culturarbeit sichern will. Aber mit dem Zionismus und seinen Zielen verhält es sich durchaus anders. Er ist der Culturträger, der sich den Mächten zur Verfügung stellt, und alles, was er erstrebt und erreichen will, soll allen, vornehmlich der Türkei, zustatten kommen. Dass Palästina durch jüdische Pionnierarbeit dem Verkehre, dem Handel, der Industrie erschlossen werden soll, ist doch gewiss kein Macht-, sondern ganz ausschliesslich ein Culturinteresse. Nichtsdestoweniger begegnet der Zionismus einera misstrauischen Indifferenlismus, für d^n es kaum t_.*e andere Erklärung gibt, als dass heutzutage noch immer die Uneigennützigkeit der reinen Culturbestrebung so selten auf guten Glauben stösst Die Thorheit, nach Macht zu streben, wird man den Juden schwerlich im Ernste suggerieren; sie wären mit persönlicher und bürgerlicher Sicherheit schon sehr zufrieden. Warum aber ist man so schwer dazu zu bringen, sie ohne Hintergedanken in den Dienst der Cultur zu stellen und dadurch ihr Schicksal ohne Gefährdung der anderen zu bessern? Auf dieses Warum gibt es nur die einzige Antwort, dass in die Psychologie der Cultur noch immer der Zug des Machtinteresses hineinspielt. Jedoch immer mehr auch emaneipiert sich die Cultur von diesem fremden Ingrediens, das ihre Bewegungsfreiheit hemmt, und in China wird, wenn nicht alles täuscht, diese Emancipation einen weiteren Fortschritt machen, denn der Erfolg im Kampfe um China hat zur Voraussetzung, dass dieser Kampf im Namen der Cultur geführt wird. Je mehr aber diese Voraussetzung zu Ehren kommt, desto zuversichtlicher darf der Zionismus auf seinem Wege fortschreiten. Er ist selbst eine Culturfrage und eine solche idealster Art; es ist nur nöthig, dass man in ihm nichts anderes erblicke als er ist, damit er sein Ziel erreiche. Muskeljudenthum*) Von Max Nordati. Vor zwei Jahren sagte ich in einer Ausschuss- Berathung des Baseler Congresses: „Wir müssen trachten, wieder ein Muskeljudenthum zu schaffen." Wieder! Denn die Geschichte bezeugt, dass es einst ein solches gegeben hat. Lange, allzu lange haben wir die Fleischabtödtung geübt Ich drücke mich eigentlich ungenau aus. Die anderen haben die Fleischabtödtung an uns geübt, mit dem reichsten Erfolge, den hunderttausende von Judenleichen in den Ghettos, auf den Kirchenplätzen, an den Landstrassen des mittelalterlichen JEuropa bezeugen. Wir selbst hätten auf diese Tugend recht gern verzichtet. Wir hätten unseren Leib lieber gepflegt als abgetödtet oder — bildlich und unbildlich — abtödten lassen. Wir wissen von unserem Leben einen vernünftigen Gebrauch zu machen und schätzen es nach seinem Werte. Wohl ist es uns weniger als den meisten anderen der Güter höchstes, aber es ist uns ein hohes Gut, und wir umgeben es gern mit Sorgfalt Jahrhundertelang konnten wir es nicht thun. Alle Elemente der aristotelischen Physik waren uns knickerig zugemessen: Licht und Luft, Wasser und Boden. In der Enge der Judenstrasse verlernten unsere armen Glieder sich fröhlich zu regen; im Dämmer ihrer sonnenlosen Häuser gewöhnten unsere Augen sich ein scheues Blinzeln an; in der Angst der beständigen Verfolgung erlosch die Kraft unserer Stimme zu einem bangen Flüstern, das nur dann zu einem mächtigen Jauchzen anzuschwellen pflegte, wenn unsere Blutzeugen auf dem Scheiterhaufen das Sterbegebet ihren Henkern ins Gesicht schrieen. Aber jetzt ist ja der Zwang gebrochen, man gönnt uns den Raum, uns wenigstens körperlich auszuleben. Knüpfen wir wieder an unseren ältesten Ueberlieferungen an: werden wir wieder tiefbrüstige, strammgliedrige, kühnblickende Männer. Diese Absicht des Zurückgreifens auf eine stolze Vergangenheit findet in dem Namen, den der jüdische Turnverein in Berlin gewählt hat, einen starken Ausdruck. „Bar Kochba" war ein Held, der keine Niederlage kennen wollte. Als der Sieg ihn verliess, da wusste er zu sterben. Bar Kochba ist die letzte weltgeschichtliche Verkörperung des kriegsharten, waffenfrohen Judenthums. Sich unter Bar Kochbas Anrufung zu stellen, verräth Ehrgeiz. Aber Ehrgeiz steht Turnern, die nach höchster Entwicklung streben, wohl an. Bei keinem Volksstamme hat das Turnen eine so wichtige erzieherische Aufgabe wie bei uns Juden. Es soll uns körperlich und im Charakter aufrichten. Es soll uns Selbstbewusstsein geben. Unsere Feinde behaupten, wir hätten dessen ohnehin schon viel zu *) Aus der Juni-Nummer der „Jüdischen Turnzeitung".

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