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Die Welt · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Article
Cultur- oder Machtfrage
Date
1900-06-15
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Die ganze Welt spricht gegenwärtig von den Boxern. Unter diesem Namen war bisher der chinesische Geheimbund bekannt, der nun auch für Europa zu so merkwürdiger Bedeutung gelangt ist. Die Boxer machen Revolution, tödten die europäischen Missionäre, zerstören die Eisenbahnen und bedrohen alle Fremden. Man schätzt die Zahl ihrer Bewaffneten bereits auf 100.000, sie treiben ihr blutiges Unwesen bis hart unter den Mauern Pekings, der Hauptstadt des chinesischen Reiches, und bedrohen die grosse Hafenstadt Tientsin, den Sitz des fremden Handels. Um ihre Vertreter und ihre Staatsangehörigen in Peking und Tientsin zu schützen, haben die europäischen Mächte ihre in Ostasien stationierten Kriegsschiffe zu einer gemeinsamen Blockade vereinigt, Marinemannschaften gelandet, und da die chinesischen Truppen, die zur Niederwerfung der Boxer ausgesendet wurden, überall unterlegen sind, so kann es jeden Augenblick geschehen, dass Europäer und chinesische Boxer in blutige Kämpfe miteinander gerathen. Insoweit wäre die Situation, die sich infolge der europäischen Landnahmen in China ergeben hat, deutlich und verständlich, wenn auch keineswegs erfreulich. Die Boxer sind orthodoxe Chinesen, welche sich gegen die Invasion der Fremden zur Wehre setzen und der europäischen Cultur, von welcher sie fürchten, dass sie sich an die Stelle der uralten chinesischen Cultur setzen wolle, den Eintritt nach China zu versperren trachten. Der Fanatismus des Zopfes ist erwacht und kämpft gegen den Geist einer neuen Zeit, die auch für China anbrechen soll, nachdem es in seiner autochthonen Cultur den Europäern um Jahrtausende vorangeeilt war, allmählich aber in derselben verknöchert ist. Sind aber nur die Boxer die Repräsentanten des Alten im Kampfe mit dem Neuen? Oder steht hinter ihnen die ganze, nach hunderten von Millionen zählende gelbe Rasse? Handeln die Boxer auf eigene Faust oder empfangen sie Weisungen von der chinesischen Regierung und aus dem Kaiserpalaste in Peking? Wie wichtig diese Fragen sind, liegt auf der Hand. Wenn die Boxer nur eine isolierte Horde sind, die, sei es aus religiösen oder aus nationalen oder auch bloss aus materiellen Gründen, sich gegen allen fremden Einfluss in China erheben, so ist die Gefahr eine verhältnismässig geringe, denn im Vereine mit der chinesischen Regierung würden die inChina interessierten europäischen Mächte nebst Amerika und Japan zweifellos imstande sein, die Boxer zu bändigen, auch wenn sie noch mehr als 100.000 Mann stark wären. Aber im Kaiserpalaste zu Peking dominiert jetzt unter der Führung der Kaiserin-Regentin die reformfeindliche Partei, und es ist Anlass zu dem Verdachte vorhanden, dass die Boxer das Werkzeug dieser Partei sind. Dieser Verdacht ist natürlich geeignet, den chinesischen Vorgängen einen sehr gefährlichen Aspect zu verleihen. Und nun erhebt sich die andere Frage: Sind die Mächte einig in ihrem Vorgehen, stellen sie ihre Sonderinteressen, welche selbstverständlich Machtinteressen sind, dem gemeinsamen Culturinteresse nach, das sie anriefen, als sie sich in China festsetzten? Dem bisherigen Anscheine nach ist dies nicht der Fall. Mit ganz deutlichem Misstrauen sehen die Engländer den Russen, diese den Japanern und alle zusammen den Amerikanern auf die Finger. Dieses Misstrauen äussert sieh am stärksten in den Erörterungen über die Führung der Cooperation. Soll England führen oder Russland? Mit seinen Schiffen ist England der weitaus stärkste unter den Interessenten, aber Russland ist zu Lande am nächsten und schlagfertigsten; es hat längs der Eisenbahn durch die Mandschurei zahlreiche Kosaken- Detachements zur Verfügung und kann -von Port Arthur her rasch Militär und Kanonen gegen Peking zu in Bewegung setzen. Und an der Seite Russlands steht Frankreich. Vor vierzig Jahren war es anders. Da vereinigten sich England und Frankreich, um China gefügig zu machen, und der französische General Palikao rückte in Peking ein und dictierte der Dynastie den Willen der beiden Verbündeten. Damals gab man sich auch gar nicht die Mühe, die Culturfrage als das treibende Motiv vorzuschützen, sondern man machte kein Hehl daraus, dass das wahre Motiv in der Machtfrage zu suchen sei. Aus alledem ist zu entnehmen, dass die Boxer- Revolution nicht durch sich selbst eine Gefahr ist, sondern deshalb, weil erstens die chinesische Regierung

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