Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Article
- Ein Rückblick
- Date
- 1900-06-08
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die & Welt' Nr. 23 von unseren Reichen — die haben sich, wo alles hinströmte, um die wandernden Brüder zu begrüsseu und ihnen Muth zuzusprechen, nicht nur nicht blicken lassen, sondern nicht einmal mit einem Franc beigetragen zur Erleichterung ihrer Reise — nein, von den Armen, die sich das Brot vom Munde absparten, um den Brüdern zu hglfen. Wenn wir in kurzem noch einmal zusammenfassen wollen, so finden wir: die Existenz der Juden in Rumänien ist, so weit vorauszusehen, für immer vernichtet; die Reichen sind degeneriert; alle anderen sind fast an den Bettelstab gebracht, und folglich bleibt für sie kein anderes Mittel, als ihrer alten, berühmt gewordenen Devise treu, den Wanderstab zu ergreifen und einen Ruhepunkt für ihre müden Füsse zu suchen! Wenn wir im vorigen Jahre mit angstvoll zitternder Seele der kommenden Dinge harrten,haben wir jetztdie ganze Grösse unseres Unglückes, die zahllose Menge vernichteter Existenzen begriffen, aber nicht um nutzlos die Hände in den Schoss sinken zu lassen, sondern macht- und kraftvoll einer neuen Zukunft entgegenzugehen, die uns in ihrem Endziele das Ideal eines freien jüdischen Volkes zeigt. Und der jüdische Optimist, von dem der Talmud erzählt, dass er, wie grässlich auch das Unglück gewesen sein mochte, das über ihn hereinbrach, doch bei seinem : „Auch dies zum Guten" blieb, mag auch hier recht behalten: Garn su letobah! Zur Geschichte der menschlichen Dummheit. (Eine zeitgemässe Reminiscenz.) Polna und Könitz erheben sich gegenwärtig als zwei Denkmäler menschlicher Dummheit und — Niederträchtigkeit. Die Dummheit der Menge einerseits, die Niederträchtigkeit der Judenfeinde andererseits haben diese zwei beschämenden Denkmäler errichtet. Man hat in Polna die verwerflichsten Mittel geheiligt, um „Beweisea für den Ritualmord bei Juden zu erbringen, man unterlässt nichts, was aus Könitz ein zweites Polna machen könnte. Wie jedoch diese-Beweise" ausschauen, mag ein Fall berichten, der sich vor, beinahe fünfzig Jahren im fernen Russland zugetragen hatte. Auch dort, im fernen Russbnd, hatte die menschliche Dummheit einen .untrüglichen Beweis" für den Ritualmord unter den Juden schon erbracht zu haben geglaubt, auch dort aber hatte die Wahrheit den Sieg über diese Dummheit davongetragen. Das Material zur Illustration dieses Falles hat mir der bekannte Professor dt-r theologischen Akademie zu Petersburg, Staatsrat.h D. Chwolson geliefert, der in der Ritualmord-Aflaire von anno dazumal eine hervorragende Rolle gespielt hatte.*) Das war im Jahre 1854. In Saratow wurden zwanzig Juden unter der schweren Beschuldigung, zwei Christenkinder zu religiösen Zwecken geschlachtet zu haben, verhaftet. Auf Befehl Nikolaus" I. wurde eine besondere Commission eingesetzt die den Auftrag erhielt, die bei den verhafteten Juden beschlagnahmten jüdischen Bücher, Manuscripte und Briefe sorgfältigst zu prüfen, vielleicht enthalten dieselben irgendwelche Beweise für die Stichhältigkeit der Beschuldigung. Andererseits wurde die Commission angewiesen, die Frage, ob die Juden oder irgendeine jüdische Secte Christenblut zu irgendwelchen Zwecken benöthigen, genau und allseitig zu erforschen. Zum Vorsitzenden in der Commission, welche aus vier Mitgliedern, dem bekannten russischen Bischof Gerassim Pawskij, dem geistlichen Censor Feodor Sidonskij und den Professoren Wassilij Lewyson und Daniel Chwolson bestand, wurde Staatsrath Alexander Giers, späterer Adlatus im Finanzministerium, ernannt. Die mit Beschlag belegten gedruckten Bücher bestanden aus allgemein bekannten jüdischen Gebetbüchern, die sogar von der russischen Censur appro- *) Siehe die vor 20 Jahren in russischer Sprache erschienene Broschüre von Chwolson: „Brauchen Juden Christenblut?" biert waren. Die beschlagnahmten Manuscripte bestanden aus wenigen Blättern in jüdisch-persischer Sprache, welche bei den verhafteten kaukasichen Juden saisiert wurden, die das Unglück hatten, zu jener Zeit in Handelsangelegenheiten nach Saratow zu kommen. Alle diese Sachen wurden von dem Untersuchungsrichter Durnowo mit der weitestgehenden Sorgfalt geprüft, er fand jedoch darin nicht einmal den Schatten eines Beweises für die Stichhältigkeit der Beschuldigung. Mit einemmale aber wechselte die Scenerie. Der Untersuchungsrichter Durnowo hatte den untrüglichen Beweis dafür entdeckt, dass die Juden Christenkinder morden, um deren Blut zu religiösen Zwecken zu gebrauchen. Dieser „untrügliche Beweis" war ein unter den beschlagnahmten Büchern entdecktes Büchlein mit Illustrationen, das in Amsterdam gedruckt worden. Und eine der Illustrationen dieses unglückseligen Büchleins hatte sogar die Skeptiker von der Wahrheit der Blutbeschuldigung gegen die Juden überzeugt. Diese Illustration, unter welcher sich eine in spanischer Sprache, aber mit jüdischen Buchstaben gedruckte Inschrift befand, lieferte ein vollständiges Bild von dem Gebrauche des Christenblutes unter den Juden. Auf den Gang der Untersuchung übte das kleine Büchlein den verhängnisvollsten Einfluss. Obwohl der bekannte russische Historiker Kostomarow, welcher sich dazumal in Saratow befand, den wahren Sinn der Illustration errieth, so wurde sein Urtheil dennoch ignoriert, weil er die verhängnisvolle Inschrift nicht enträthseln konnte. Das unglückselige Büchlein wanderte auch zum Erzbischof von Saratow, Afanassij, der ein Kenner der hebräischen Sprache war, doch auch er vermochte nicht das Bild zu erklären und die Inschrift zu übersetzen. Nur soviel verstand er, dass das Büchlein Gebete für die zwei. Seder-Abende enthalte. Inzwischen hatte die Illustration sogar in den unparteiischen und hochgebildeten hohen Beamten die Ueberzeugung wachgerufen, dass die Juden Christenblut zu religiösen Zwecken benöthigen. Und wie sollte es auch anders sein! Man findet ein in Amsterdam gedrucktes Büchlein, das für die Seder- Abende bestimmt ist, das ein Bild enthält, welches klar und deutlich die Art und Weise darstellt, in der die Juden Christenkinder am Passahfestc morden I Dazu ist das Bild mit einer geheimnisvollen Inschrift versehen, die von als „gelehrt" geltenden Persönlichkeiten nicht entziffert werden kann! Dank diesem verhängnisvollen Bilde hatte der Untersuchungsrichter Durnowo die moralische Ueberzeugung gewonnen, dass die Juden Christenblut zu religiösen Zwecken benöthigen, was ihm die Möglichkeit nahm, die weitere Untersuchung objectiv führen zu können. Nach langen Irrfahrten traf das Büchlein mit dem geheimnisvollen Bilde in Petersburg ein, um der von Nikolaus I. eingesetzten Commission unterbreitet zu werden. Und ein oberflächlicher Blick auf das Bild hatte genügt, um die Commissionsmitglieder in lautes Lachen zu versetzen. Die Mitglieder waren verblüfft, dass man in diesem unschuldigen Bilde, dessen Sinn jeder beliebige Judenknabe erklären könnte, einen Beweis tür den Ritualmord unter den Juden erblicken konnte! Was die unter dem Bilde stehende Inschrift in spanischer Sprache betraf, so war sie nur eine deutliche Erklärung des Bildes, welche jede andere Deutung völlig ausschloss. Die Angelegenheit klärte sich sehr einfach auf. Das geheimnisvolle Büchlein war ein illustriertes Hagada-Buch, das bekanntlich Gebete für die zwei S^der-Abende enthält. Nur fanden in dieser in Amsterdam gedruckten Hagada auch einige jüdische Legenden Auf-