Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Article
- Ein Rückblick
- Date
- 1900-06-08
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 23 „Die 2$ Welt" Seite 3 Stadt schritt, mochte glauben, dass es die Zeit der Cholera- und Pestgefahr von lSGfi war, so öde, so wüst, so düster war alles, was man hier traf. Jeder Verkehr stockte: die Juden hatten sich in die innersten Winkel ihrer Häuser zurückgezogen, und wer es sich etwa einfallen liess, die Strasse zu betreten, wurde blutig und mit verstümmelten Gliedern „in seine Schranken" gewiesen. Und durch die Strassen zogen durch Hetzreden aufgestachelte Saufbolde, alles, was sich ihnen in den Wecr stellte, zertrümmernd und vernichtend;• von dem Hufe: „Ted den Juden!" erzitterte die Luft, und man brauchte nicht furchtsam zu sein, um vor dioser grässlichen Entfaltung menschlicher Barbarei zu erblassen. Die Hefe der menschlichen Gesellschaft, aufgehetzt von der sogenannten Intelligenz, verübte Greuelthaten, die man gerne mittelalterlich nennen möchte, wenn es nicht eine traurige Wahrheit wäre, dass sie an der Wende des neunzehnten Jahrhunderts von einem sich civilisiert nennenden Volke gegen wehrlose Bürger ins Werk gesetzt wurden. In den Kriegsgeschichten der ältesten Völker, wie niedrig der Grad ihrer Cultur auch war, finden wir eine Norm, die, wenn auch oft überschritten, aber doch einfür allemal festgestellt ist, dass Wehrlose geschont wurden. Jetzt haben wir es hier so weit gebracht, dass Männer mit allen Mitteln gehindert werden, irgendwelche Abwehr- und Vertheidigungsmittel zu ergreifen, und dass dann die entfesselte Meute auf sie losgelassen wird, der sie, ohne Widerstand leisten zu können, erbarmungslos preisgegeben sind. Und wer es sich einfallen liess, sich seines Lebens zu wehren, wehe ihm, er büsst jetzt in schwerer Kerkerhaft das „ Verbrechen", während das blutbefleckte Gesindel zum grössten Theiie auf freiem Fusse umherläuft, und die geistigen Urheber der Greuel völlig straflos ausgegangen sind. Wer jetzt noch durch den sogenannten „Schulhof" (den Complex der fast nur von Juden bewohnten Strassen) wandert, der kann sich eine Vorstellung von den hier verübten Greueln machen. Alle Eingänge sind zertrümmert, die Fensterscheiben sind entweder aus Furcht vor einer Wiederkehr der „Steinwerfer" oder aus Mangel an Mitteln nicht wiederhergestellt, mit Brettern oder Pappdeckeln vernagelt, die während des Tages meist entfernt werden und so einen Einblick in das düstere Innere der ärmlichen Häuslein gewähren. Jeder, der daran vorbeigeht, murmelt unwillkürlich zähneknirschend: der sechzehnte Mai. Seit jenen sturmbewegten Tagen ist eine allgemeine Stagnation im rumänischen Handel und Verkehre bemerkbar. Der jüdischen Klein- und Grosskaufleute bemächtigte sich eine ungeheure Panik, und schreckensvoll malte sich auf jedem Gesichte die schwere, schwere Sorge um die Zukunft. Als ob ein Blitz alles gelähmt, der Donner alles betäubt hätte, so stockte jeder Handel und Wandel. Welcher Dinge musste man noch hier gewärtig sein: „Sie hofften und harrten auf's Narrengeläut', es müsse doch kommen die bessere Zeit." Und sie sahen, wie sehr sie Narren gewesen! Da zeigte sich die so lange verdeckte und vertuschte Geldkrise, die Rumänien an den Rand des Abgrundes gebracht hat. Und nun brach alles zusammen. Täglich nahm die Zahl der beschäftigten Arbeiter ab, scharenweise giengen die Handwerker arbeitslos umher, die den gesündesten und besten Theil unserer jüdischen Brüder hier darstellen, in den Läden keine Käufer, und die Zahl der Bettler wurde Legion. So liegt jetzt alles darnieder; Arbeiter, die frühtr 200 Francs oder noch mehr monatlich verdienten, gehen jetzt brotlos umher, sie weinen förmlich um Arbeit, aber der Pfennig ist jetzt theuer, und wer ihn hat, der hütet sich wohl, ihn auszugeben; die Häuser mögen zerfallen, die Kleider in Stücken vom Leibe, die Stiefel zerrissen von den Füssen fallen, was thut das, wenn es an Nahrung gebricht. Die Früchte, die dieses Elend zeitigt, sind von der grässlichsten Art; eine Frau mit zahlreichen Kindern, die keinen Ausweg mehr sah, um die Bedürfnisse der kleinen, hungernden Würmer zu befriedigen, steckte eines Abends den Ofen voll mit Holz, Kohlen, Schuhwerk . . . ., liess die Flammen sich entwickeln, steckte die Klappe zu, legte sich schlafen, um so freiwillig ihrem elenden Leben ein Ende zu machen: aber das Kohlengas war unbarmherzig genug, sein Werk nur halb zu verrichten; sie sollte weiter dieses elende Dasein fristen und vielleicht eines Tages eines qualvollen Hungertodes mit ihren kleinen, unschuldigen Würmern sterben. Es ist keine Phrase, die Armen sterben hier buchstäblich vor Hunger, u:>d die Grossen sehen kalten Auges auf dieses Elend herab, ohne mit der Wimper zu zucken, und einer der Reichsten hier, dem man Vorstellungen darüber machte, erklärte, „er fühle nichts mehr für diosesVolk, das ihn gar nichts angehe". Es ist eine Barbarei, noch schlimmer als die des elenden Pöbels, der uns mit Steinen beworfen hat. und wohl verstehe ich den Hass, der sich gegen diese Parasiten in weiten Volkskreisen bemerkbar macht. O, dieses jüdische Solidaritätsgefühl, von dem unsere Gegner so viel schwatzen und von dem wir, was unsere entarteten Grossen anbelangt, so blutwenig spüren. Sie haben Rechte und Freiheiten, was kümmert es sie, dass Brüder ihres Stammes, ihres Blutes, von denselben Leuten, deren Freundschaft sie mit schweren, materiellen und ideellen Opfern erkauft haben, in den Staub getreten werden! Da fiel ein Wort wie ein Funke in die Massen. Es war bekannt, dieses Wort, das mit einemmale alle Seelen und alle Köpfe erfüllte: oft hatten sie es von wutschnaubendem Munde heulen hören, oft hat es ihren Schlummer ruhelos, ihren Gang unsicher gemacht: Hinaus! Jetzt riefen sie es selbst, jetzt erfüllte ihre Seele nur der eine glühende Wunsch: Wohin es auch sein mag. nur weg von hier! Und wie ein Lauffeuer gieng es von Mund zu Mund, von Stadt zu Stadt: wir wollen wandern: warum sollen wir unseren Charakter vorleugnen? Nomaden waren unsere Väter, bis sie in ihrem, ja. ja, ihrem eigenen Lande festen Sitz fanden, wo sie die in dem Volke verborgenen, reichen, culturellen Kräfte üppig entwickeln konnten! Hinaus aus dem Lande der Knechtschaft, dahin, wo Freiheit blinkend uns lockt. Haben deshalb unsere Väter so unsäglich gelitten, damit ihre Nachkommen so elendiglich untergehen oder wie jene Degenerierten, sich selbst verleugnend, ihren Widersachern sich anschliessen und somit zu Vorbrechern niedester Sorte hinabsinken. ..Und Dein Stab soi in Deiner Hand. Jude. Wandere hinaus in die weite Welt und suche Dir eine Ruhestätte, wo Du unbeengt Dein Dasein ausfüllen kannst, in der Seele Dir das Ideal bewahrend und mit allen Kräften darnach strebend, es zu verwirklichen, das Ideal eines einigen freien Judenthums, das sich stolz der Reihe der anderen Völker anschliessen kann: das soll dann Deine Rache sein." Und eine fieberhafte Hast bemächtigte sich aller Volksschichten, „Sauve qui peut" war der Ruf, der alle durchdrang! Amerika, Argentinien, Palästina, Cypern. Anatolien. alle diese Worte schwirrten und summten in der Luft, und in die Ferne war selmsüchtig der Blick des Volkes gerichtet. Wohl demjenigen, der aus dem Schiffbruche so viel hatte retten können, um die Reisekosten für sich oder gar für seine Familie nothdürfeig bestreiten zu können, was sollten aber die unzähligen Unglückseligen thun. die selbst das nicht hatten und doch, von Lebens- und Schaffenslust durchdrungen, nicht zugrunde gehen wollten? Auswanderungsvereine schössen wie Pilze aus dem Hoden hervor, um den Volksgedanken zu verwirklichen : und bald verliessen unzählige Scharen unserer kräftigen, gesunden Jugend das ungastliche Land. Ein Schauspiel, erschütternd in seiner Art, bietet sich unseren Augen dar; da trennt sich der junge Sohn von der alten Mutter und vorspricht ihr, sie in kurzem in sein neues, freies Heim herüberzunehmen : da der Mann von der eben angetrauten Gattin, da ein Vater von den noch nicht erwachsenen Kindern: und alles, was zurückbleibt, hat nur den einen heissen Wunsch, sich den Davonziehenden möglichst bald anschliessen zu können. Das Düstere, das gewöhnlich derartige Auswandererzüge an sich haben, scheint hier geschwunden, Kraft, Muth, Trotz erfüllt eines jeden Brust; mitThränen nimmt man Abschied, und doch athmet die Brust wie von einem Alp befreit auf, wenn man all diese Scharen die Grenze dieses Landes verlassen sieht: nur um die Zurückbleibenden, die gerne hinaus wollten, aber nicht können, thut es einem leid. Nur wenn 7nan all dieses in Erwägung zieht, kann man es verstehen, wie hunderte von jungen Leuten, denen die Mittel fehlen, um die Reise per Bahn zu machen, zu Fuss von ihrem Heimatsorte aufgebrochen sind, um gegen Hamburg hin ihre Schritte zu lenken. Wenn man von einem solchen Ereignisse in einem Romane lesen sollte, würde man es für übertrieben halten und die Achseln zucken; aber jetzt vollzieht sich dieses Schauspiel vor unseren eigenen, Augen! Und alle diese Unternehmungen, in musterhafter Ordnung begonnen, weiden mit geradezu militärischer Disciplin durchgeführt, besonders die „Fusswanderer" (Drumctic) müssen den, der die hiesigen Verhältnisse kennt und der den Geist der Einigkeit, der Aufopferung und der Ordnung sieht, mit froher Zuversicht für die Zukunft erfüllen. Gerade bei der Gelegenheit der Drumetic zeigte sich die moralische Grösse unseres Volkes in noch kaum dagewesenem Masse. Wer die grässliche Armut der moldauischen jüdischen Bevölkerung kennt, weiss, was es hoisst, wenn für diese Wanderer in den Städten, die sie durchzogen, hier 200, dort 400, hier 50, da 100 Francs zusammengeschossen wurden, hier in Jassy sogar 1500 Francs, und es muss nochmals hervorgehoben werden, nicht etwa