Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Article
- Das Wiener Judenviertel
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 ,Die 3$ Welt" Ni. 22 Rathsamstc sein dürfte, sich ein offenes Geständnis abzulegen. Eigesteht sich zerknirscht seine Schuld, überschüttet sich mit grausamem Hohn ob seiner Unbedachtsamkeit, schleudert sich zornige Flüche ins Gesieht, und nur seine bewundernswerte Selbstbeherrschung und der Milderungsgrund des offenen Geständnisses halten ihn davon ab, sich Ihätlich an sicli zu vergreifen. Die zweite vielgeübte Art des Selbstgespräches ist die Discussion mit Abwesenden. Der Passant geht einsam durch die Glockengasse und hält einem Freunde, der zuhause in der Schrcigasse im Fauteuil sitzt, eine Strafpredigt. Es kann vorkommen, dass gerade um dieselbe Minute der Freimd in der Schreigasse mit dem Glockengasse-Pa« sanien auf Grund eines Selbstgespräches in einen Disput verwickelt ist. Infolge der räumlichen Verhüllnisso Int aber dann die Debatte, wenn auch das Gesprächsthema ein gemeinsames ist, einen etwas verworrenen Charakter. Diese Art dos Selbstgespräches zeichnet sich durch einen aussergewöhnlichen Reichthum an Ehrenbeleidigungen aus, die dem abwesenden Gegenüber verabreicht werden, Mangel an Zeugen, Straflosigkeit. — Es kann sich ereignen, dass man unversehens in der Glockengasse mit einer ehrenrührigen Bezeichnung angeredet wird. Ein wildfremder Mensch steht auf dem Troltoir und schaut einen mit geistesabwesendem Blicke an. — Er unterhält sich eben mit seinem Freunde in der Schreigasse. Die dritte Art des Selbstgespräches ist der eigentliche Monolog, während die beiden ersten Arten doch gewissermassen noch immer Zwiegespräche sind. Der Redende ficht weder mit sich, noch mit einem Abwesenden eine Polemik aus, er stellt bloss hörbare Betrachtungen über das Wesen und den Lauf der Dinge an. Die Zweitheilung des Ichs fehlt. Die Rede ist mehr beschaulicher Natur, leidenschaftlos, der Gesprächsstoff hat einen Stich ins Philosophische. Die Passanten, die diese Art des Selbstgespräches pflegen, tragen zumeist Brille, Cylinder und langen schwarzen „Salonrock", das Znnftcostüm der Leopoldstädter Gelehrtenkaste. Auch durch die gemessene, bedachtsame Gangart unterscheiden sie sich von den eilfertig dahinhastenden Anhängern der beiden eisten Selbstgespräch- Sorten. Die Neigung zum Monolog beruht wohl auf der grösseren Lebhaftigkeit des jüdischen Temperaments. Der Gedanke wandelt sich behender in das Wort, die Bahn zwischen Gehirn und Zunge ist leichter erregbar und fahrbar. Und gerade die Grossstadt ist ein sehr günstiger Boden für die Pflege des Selbstgespräches. In kleinen Städten findet man die Leute, die, in ein eifriges Gespräch mit sich vertieft, über die Gasse gehen, weitaus seltener. Der Einwohner der Kleinstadt, der auf Schritt und Tritt Bekannte antrifft und sich aufmerksamer beobachtet fühlt, legt sich mehr Zwang auf. Jüdische Gedanken. Von Max Rotter. IV. Es gibt eine Art der Verteidigung der Juden, die viel bedenklicher ist als alle Angriffe. * Ein Volk, dem als Ideal die Forderung hingestellt wurde: „Ihr sollt alle Heilige sein!- — konnte naturgemäss zu keinem Heiligen-Cultus gelangen. Solange hat man den Juden unverdient den Vorwurf der Vaterlandslosigkeit gemacht, bis sie sich endlich auch ihros ersten Vaterlandes erinnerten, das sie wirklich vergessen hatten. * Eine Lüge, zehnmal wiederholt, findet oft hundert Gläubige: eine Wahrheit muss hundertmal verkündet werden, bevor sie zehn Bekenner gewonnen. Osternschmerzen: Acht Tage im Jahre haben die ärmsten Juden keine Brotsorgen; aber die Judenfeinde haben schon vorgearbeitet, dass sie in dieser Zeit von noch quälenderen Sorgen bedrückt werden. In den Irrenhäusern trifft man oft Patienten, die sich für gesund und die Aerzfe für verrückt halten. Zeitigt der Antisemitismus nicht auch an anderen Stätten ähnliche Erscheinungen V * Widerspruch: Einen „Ausnahmsjuden" kennt selbst jeder Antisemit. Da es nun so unendlich viele Antisemiten gibt, müssen wohl die ,. Ausnahmsjuden K — die Rogel bilden. Man verbraucht immer so viele Kräfte, um die Gleichberechtigung auf dem Papiere zu erkämpfen, dass keine Kraft mehr übrig bleibt, sie auch in der Wirklichkeit durchzusetzen. * Wer Herr über die Vorurtheile wird, heisst — Judenknecht. Derjenige, dem man bei einem Tausche draufzahlen will, besitzt in der Regel das wertvollere Object. Vielleicht rührt daher allein schon das grosse Misstrauen der Juden gegenüber den Bekehrungsversuchen. * Nur die Juden, die die Vergangenheit ihres Volkes nicht kennen, zweifeln an der Zukunft desselben. Wer die Juden wegen ihrer Fehler hasst, der ist vielleicht noch zu bekehren. Was soll man aber mit jenen anfangen, die ihnen ihre Vorzüge nicht verzeihen können. Spenden. Reisefond für rumänische Juden : Dr. Carl Löwy in Reichenberg K 40. Für die hungernden Bergarbeiter in Boryslaw: Sigmund Fleischer in Reichenau als Dank für die von Horm Max Norflau ertheilte Erlaubnis zur Verwendung seines Porträts als Vignette K 50. Für die hungernden Juden in Bessarabien: \V. Rauch in Galveston K r>.:iö, Collecte durch M.Gordon in Galveston K <>.7. Zusammen K 11.4"2. Briefkasten. J. Wohl, Triest. Besten Dank. Selbstverständlich sehr g»rne gesehen. M. N.. Swatow, Jul. Schönwetter, Krakau. Taubes. Besten Dank. G. B., Lemberg. E. p. Z. demnächst. R. G—sler, Lodz. Sachkundige theilen uns mit. dass nirgends in der Schweiz oder Süd-Fi ankreich billigere Bedingungen existieren. S—d, Tiefer Graben. „Volk von . leider nicht geeignet. J. Sch.. Krakau. Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Was Sie schreiben, ist bekannt. P. B., Bielitz. Vielleicht die „Sippurim", die in der „Jüdischen Universal-Bibliothek" der Buchhandlung Jacob B. Brandeis in Prag erschienen ist. D. M., Zarszyn. „ Hameliz" in St. Petersburg. „Hazefirah" in Warschau.