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Die Welt · 1900-06-01 · 22 (1.6.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
22 (1.6.1900)
Article
Das Wiener Judenviertel
Date
1900-06-01
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr.- 22 „Die j£x Welt" Seite 13 Feuilleton. Das Wiener Judenviertei. Von Erwin Rosenberger. I. Der judenreichste Wiener Bezirk ist die „Leopoldstadtt In der Leopoldstadt fühlt sich der fremde Jude, der aus irgendeiner Ostprovinz einen Ausflug nach Wien gemacht hat, am heiniischesten. Man betrachte doch einmal solch einen Fremdling, etwa bei seinem Durchzuge über die Stephanie - Brücke, welche die Verbindung zwischen „Innere Stadt" und „Leopoldstadtherstellt In dem Augenblicke, da er den Fuss auf die Brücke setzt, kommt allsogleich in sein Antlitz ein eigenartiger Zug zufriedener Behaglichkeit. Seine Bewegungen werden freier, ungezwungener. Mit beschleunigtem Schritte eilt er über die Brücke, und wenn er den eigentlichen Boden der Leopoldstadt betritt, dann athmet er förmlich auf. Land! Land! Was den Schritt des Brückenwanderers zu grösserer Eile anspornt, sind nicht so sehr die Wässer des Donaucanals, die da unten bedrohlich hinrauschen, als die bekannten „Wogen der judenfeindlichen Hochflut", die in den Strassen Wiens ihr Unwesen treiben. In der Leopoldstadt ist der fremde Jude, der in den anderen Wiener Bezirken mancherlei Behelligung erdulden muss, so ziemlich geborgen. Die kleinen oder grossen Buben mustern hier minder häufig mit höhnischen Blicken die mehr oder weniger schwärzliche Toga, die den gebeugten Leib des Fremdlings umschliesst, spärlicher ertönen hinter ihm die Spottworte, und wenn er hier, des Ortes unkundig, jemanden nach dem Wege fragt, so wird er wohl seltener von einem böswilligen Berather just nach der entgegengesetzten Richtung gewiesen. Zum mindesten drei Viertel der Leopoldstädtei Passanten sind ja Juden. Es ist manchmal ein seltsamer Anblick: da geht ein greiser Hausierer in ärmlicher, abgeschabter Kleidung, über der Schulter trägt er ein Bündel mit abgelegten „Effecten", und er hat einen hochintelligenten Gelehrtenkopf, der jedem Universitäts-Professor Ehre machen würde. An der Strassenecke steht ein Dienstmann, er gleicht im Gesichtsausdrucke aufs Haar den chaldäischen Königsbildern, die man in den Ruinenstätten Mesopotamiens ans Tageslicht gefördert. Nur ist sein Barthaar nicht so kunstvoll gekräuselt, und statt der Königsmitra trägt er auf dem Haupte eine rothe Kappe, darauf zu lesen steht: „Wiener Dienstmann". Ich erinnere mich eines steinalten Bettlers, der vor etwa zwei Jahren in den öffentlichen Localen der Leopoldstadt sein Handwerk auszuüben pflegte; das war eine Prachtgestalt Ein Modell für einen Ahasver. Aber ein trotziger Ahasver, der kerzengerade und ungebrochen unter der Last von Jahrtausenden einherschreitet. Der eisgraue Alte trug, als hätte er absichtlich die Illusion vervollständigen wollen, einen langen Krummstab, nach Patriarchenart. Und die Almosen nahm er mit einer stolzen, überlegenen Miene in Empfang, als hätte er dem Spender mit der Entgegennahme eine Huld erweisen wollen. Ein herablassendes, .leicht spöttisches Lächeln zuckte ihm dabei um die Mundwinkel. Der Alte wollte die Menschen demüthigen, indem er zu ihnen als Bettler kam. Der gewisse intelligente Gesichtsausdruck fällt insbesondere bei Juden auf, die in der heimatlichen Tracht der galizischen oder transgalizischen Gefilde durch die Strassen wallen. Der Bart, dem keine Schere zu nahen pflegt, und die Schläfelocken lassen Kopf und Gesicht umfänglicher erscheinen. Da der Kaftan sich eng an den Körper anschmiegt und für gewöhnlich der ausgiebigen Schulterwattierung entbehrt, die manchem modern gekleideten Jüngling ein so breitbrüstiges Aussehen verleiht, so erseheint der Kopf unverhältnismässig mächtig ausgebildet Es ist oft, als wäre der übrige Leib nur ein nebensächliches Anhängsel des Kopfes. Der Gegensatz zwischen der socialen Stellung eines solchen Juden und seinem Gesichtsausdruck muss die Aufmerksamkeit erregen. Der Berufsgenosse des jüdischen Hausierers ist der slovakische Wander-Händler, der mit Gemüse oder Drechslerwaren von Thür zu Thür geht Und welch ein himmelweiter Gontrast in der Physignomie der beiden Collegen. Man müsste den Slovaken ins Gymnasium geben, müsste ihn maturieren und die Hochschule absolvieren lassen, er müsste hierauf jahrzehntelang über tiefsinnige Werke gebeugt beim Studiertisch sitzen, und dann erst würde der Slovake vielleicht ungefähr halb so gelehrt ausschauen, wie der simple jüdische Hausierer. Vielleicht! Der Slovake kann allerdings zu seiner Entschuldigung anführen, dass er keinem alten Culturvolke entstamme, er kann sich darauf berufen, dass seine Ahnen schwerlich über die Räthsel des Talmud nachgegrübelt haben, und dass sie daher auch nicht in die Lage kamen, dem Enkel ein nachdenklicheres Antlitz als Erbe zu hinterlassen. Es wird auch nur wenige slovakische Gemüsehändler geben, die, gleich zahlreichen jüdischen Arbeitern und Kleinhändlern, eine nur allzu gründliche hebräische Vorbildung genossen haben. Es muss einem auffallen, dass in den Strassen der Leopoldstadt die Leute einen Brauch üben, der anderwärts in Wien eine weitaus geringere Zahl von Liebhabern hat: die Passanten führen lebhafte Selbstgespräche. Man kann da im grossen ganzen drei Gruppen von Selbstgesprächen beobachten: Zunächst die Selbstgespräche im engeren Sinne; der Redende spricht da ausschliesslich „mit sich". Es hat eine Zweitheilung des Ich stattgefunden, das eine Ich unterhält sich angelegentlich mit dem anderen Ich unter zwei Augen. Im Eilschritt eilt der Redner über die Gasse und macht sich hierbei heftige Vorwürfe über irgend* einen Verstoss, den er kürzlich begangen. Plötzlich bleibt er stehen und richtet an sich die erregte Frage: „Hab* ich das thun müssen?" Einen Augenblick ist er durch diese unvermuthete Frage ganz verblüfft, aber er fasst sich schnell und gibt die schlagfertige Antwort: „Hab' ich es vielleicht nicht thun müssen?" Er ist anscheinend von der glücklichen Erledigung dieser heiklen Debatte sehr befriedigt und eilt weiter. Doch der Frieden, den er mit sich geschlossen, ist nur von kurzer Dauer. Ha, es scheint ihm auf einmal, dass er sich soeben in der Debatte durch eine faule Ausrede, durch eine sophistische Wendung übers Ohr gehauen hat. Aber er ist nicht der Mann darnach, sich von sich ein X für ein U vormachen zu lassen. Mit einem energischen Oho! gebietet er sich wiederum auf der Strasse iialt und richtet noch einmal an sich die Frage: „Hab' ich das thun müssen?" Diesmal klingt die Frage rauh, unerbittlich, und der Befragte ist sich sofort darüber klar, dass der Frager jetzt keine faule Ausflucht mehr duldet Er geräth in schmerzliche Verlegenheit, stammelt erröthend eine Weile herum, senkt die Augen zu Boden, vielleicht um dem strafenden Blick des Fragers nicht begegnen zu müssen, und erkennt schliesslich, dass es wohl unter solchen Umständen das

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