Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Article
- Hohe Politik
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 22 Strasse geschieht, so mag es manchem gar nicht so himmelschreiend vorkommen, wie die Juden von den Bojaren in Rumänien behandelt werden. Eine Viertelmillion Juden wohnt in Rumänien, und davon sind es nicht ganz 200, denen das Parlament die Naturalisation zugestanden hat Die Übrigen sind Fremdlinge im Lande ihrer Geburt und müssen hohe Fremdengebüren bezahlen, wenn ihnen die Begünstigung zutheil wird, ihre Kinder in den öffentlichen Schulen unterbringen zu dürfen. Die Auswanderung ist eine herzbrechend traurige Auskunft; es ist immer so schrecklich, wandern zu müssen, hier aber wandert das nackte Elend, und nirgends in dem ganzen grossen hochcivilisierten Europa rührt sich eine Hand, um dieser Schmach Einhalt zu thun. Fürst Bismarck war kein Judenfreund, aber als grosser Staatsmann, der er war, bestand er darauf, dass Rumänien den ihm durch den Berliner Vertrag auferlegten Verpflichtungen nachkomme und seine Juden nicht länger von den angeborenen staatsbürgerlichen Rechten ausschliesse. Es war vergebens, aber man ersieht es zum mindesten mit Genugthuung aus dem jüngst erschienenen vierten Bande der Memoiren des Königs Carol von Rumänien, dass dem mächtigsten Staatsmanne des 19. Jahrhunderts bei dem Gedanken an das Schicksal der rumänischen Juden die Schamröthe in die Wangen stieg. Wenn aber selbst ein Bismarck nicht helfen konnte, wie darf man sich der Illusion hingeben, dass überhaupt von aussen her den Juden Hilfe kommen werde? Es ist gar kein Zweifel daran gestattet, dass auf den mächtigen Thronen gute Wünsche für das Geschick der Juden gehegt werden. Aber die hohe Politik hat ihre gewiesenen Wege, und auf diesen liegt der Gedanke einer wohlthätigen Initiative zugunsten der Juden nicht. Die Initiative muss von den Juden selbst ausgehen, Aide toi et dieu t'aidera. Wann werden wir so weit sein, dass diese Erkenntnis zum jüdischen Gemeingute wird? Dieser Pfingsten harren wir mit schmerzlicher Sehnsucht. Und sie werden kommen, so trüb und schwer auch die Wolken auf uns niederhängen mögen. Näher sind wir doch dem neuen Frühlinge gekommen, seitdem es wieder Rufer in Israel gibt, welche der niemals erstorbenen, aber so oft verleugneten Hoffnung auf Erlösung den Muth und die Ausdauer einflössen, deren sie zur Verwirklichung bedarf. Unsere Jugend hat sich zum Werke aufgethan, und Jugend ist Frühling. Der vierte Zionisten-Congress in London. Tagesordnung: I. Tag. Montag den 13. August. Vormittag-Sitzung: 10 Uhr. I. 1. Eröffnung des Congresses durch den Präsidenten des Actions-Comites. II. 2. Wahl des Legitimations-Ausschusses, des Congress-Bureaus und der übrigen Ausschüsse. III. 3. Geschäftsordung. IV. 4. Allgemeine Lage der Juden. Referent Dr. Max Nordau, Paris, 34 Avenue des Villiers. Nachmittag-Sitzung: 4 Uhr. V. 5. Discussion über die allgemeine Lage der Juden. II. Tag. Dienstag den 14. August. Vormittag-Sitzung: 10 Uhr. VI. 1. Rechenschaftsbericht des Acüons - Comites: a) Allgemeiner Theil. (Referent wird später bezeichnet werden.) b) Cassabericht. (Referent: Dr. O. K o k e s c h, Wien. I.. Tuchlauben 17.) VII. 2. Discussion über den Rechenschaftsbericht. Nachmittag-Sitzung: 4 Uhr. VIII. 3. Organisation und Agitation. (Referent: Doctor Bodenheim er, Köln, Richmondstrasse.) IIT. Tag. Mittwoch den 15. August. Vormittag-Sitzung: 10 Uhr. IX. 1. Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden. a) Der körperlichen Hebung. (Referent: Professor Dr. M. Mandelstamm, Kiew.) b) Der geistigen Hebung. (Referenten : Doctor L. Kahn, Wien, VII., Lindengasse 11, und S. S o k o 1 o w, Herausgeber der „Hazephirah" in Warschau.) c) Der wirtschaftlichen Hebung. (Referenten: Dr. Isidor M a r m o r e k. Wien, II., Rothe Sterngasse 25, und Leo Motzkin, Berlin, Passauerstrasse 41.) Nachmittag-Sitzung: 4 Uhr. X. 2. Discussion über die Jüdische Colonialbank. (Referent: Professor Dr. Bflkows k y, St. Petersburg, Bassenaja 29.) IV. Tag. Donnerstag den 1«. August. Vormittag-Sitzung: 10 Uhr. XI. 1. Bericht der ständigen Ausschüsse. Nachmittag-Sitzung: 4 Uhr. XTI. 2. Wahlen des Actions-Comites und der Commissionen. XIII. 3. Initiativanträge. XIV. 4. Eventualia. Auferstehung. Von Emil Leimdörfer. Nun feiert sie fröhliche Urständ, die Affaire, und macht alle Weisheit der Regierenden und Regierten zu Schanden. Man hätte nicht vermuthet, dass wenige Monate nach dem Urtheile von Rennes diese ungelöste Frage neuerlich die innere Politik Frankreichs beherrschen, den Bestand des Ministeriums, welches den Bankerott der Gerechtigkeit liquidieren sollte, bedrohen und in ihren letzten Folgen die auswärtige Politik empfindlich beeinflussen würde. Umsonst versuchte das Ministerium, wie mit einem Schwämme die Erinnerung an das Geschehene zu tilgen, umsonst versprach es, alle Mittel zur Beruhigung der allgemeinen Erregung aufzuwenden, umsonst beschwor man das Land, das Culturfest nicht zu stören, welches die Welt der Arbeit im Herzen Frankreichs feiere. Gestern war die Affaire das Schibboleth der Wähler, heute spricht sie vor den Schranken der Gerichtshöfe und von den Tribünen der gesetzgebenden Körper, morgen huscht sie gespenstisch durch die Gänge der Ministerien, immer von neuem die Meinungen theilend und verwirrend, mit explosiver Gewalt, einem Naturereignis vergleichbar, dort hervorbrechend, wo man es nicht geahnt, die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen erregend und fesselnd. Es könnte uns Juden mit wahrhafter Genugthuung erfüllen, der ewige Gährstoff der Geschichte zu sein. Allein diese „Mission" ist bitter. Wir ernten Undank und Leid und, wie wiederholt bemerkt wurde, die Moral der Ereignisse geht an uns selbt spurlos vorüber. Welches immer Ursprünge und Ziele der dem Ministerium Waldeck-Roussefiu feindlichen Parteien sein mögen, ihnen allen haftet, mindestens in ihrem heutigen Auftreten, die Judenfeindschaft als gemeinsames Merkmal an. Es wurde bei früherer Gelegenheit erwähnt, dass die französischen Juden sich über ihre Haltung nicht klar waren und eher, so paradox es klingt, das Pele-Mele der Nationalisten unterstützten. Anatole France hat in seiner köstlichen satirischen Weise dies Treiben gezeichnet; wie der hochmögende jüdische G^ldaristokrat dem