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Die Welt · 1900-06-01 · 22 (1.6.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
22 (1.6.1900)
Article
Hohe Politik
Date
1900-06-01
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., TQrkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 DolL 40 Gt_ Nr. 22. Wien, I. Juni 1900. 4. Jahrgang Der diesjährige Congress findet in London statt. Eröffnung am 13. August. Hohe Politik. Auch eine P f ingstb etrachtung. Von 0. Erter. Es ist ausser Mode gekommen, den publicistischen Betrachtungen, welche dem Pfingstfeste gelten, das Motto von den „feurigen Zungen" vorauszusetzen. Das Motto, einst ein so beliebter Zierat geistiger Production, ist überhaupt aus seiner Herrlichkeit gestürzt und unmodern geworden. Wir reden heutzutage so schmucklos wie möglich, und wenn wir etwas zu sagen haben, so befolgen wir das Beispiel des Erzvaters Jacob, als er um Rahel freite und bei deren Vater schlicht und bündig die Werbung vorbrachte: „Ich begehre Rahel, Deine jüngere Tochter." Man könnte glauben, es sei der Reflex schwerer, mühevoller Zeit, dass wir in unserer Ausdrucksweise so unfigürlich, so zweckbewusst und so herb geworden sind. Es ist aber noch etwas anderes dabei wirksam: wir haben keine Illusionen mehr. Das gilt von allen, von Christen und Juden; es ist jedoch leicht, eine Unterscheidung zu machen. So im allgemeinen ist es wohl eine Folge des Ueberganges von der Herrschaft der Geisteswissenschaften zur Herrschaft der exacten Wissenschaften, dass die Sprache der Menschen sich nach dem trocken Sachlichen hin verändert hat Bei uns, den Juden, aber gesellt sich dazu die wachsende Erkenntnis der vollkommenen Isolierung, des unerbittlichen Aufsichselbstangewiesenseins, zu der wir gelangt sind und immer mehr gelangen, nachdem keiner von den Blütenträumen des civilisatorischen Mendelssohn'schen und dann des staatspolitischen Assimilations-Gedankens gereift ist. Wir feiern unser Pfingsfest mit grösserer Inbrunst als die beiden vorangegangenen Generationen, aber die Helligkeit der Frühlingsstimmung haben wir nur in uns; von draussen her ist sie uns bitterlich vergällt§§| Wie kann es anders sein? Von allerwärts klingen die Seufzer und Wehklagen der Unserigen zu ergreifendem Nothschrei zusammen, und wenn wir uns für einen Moment in den Wahn einspinnen wollen, dass die Cultur mit ihren erlösenden Wirkungen doch nicht gerade an unserem Geschicke spurlos, „mit unzurückgewandtem Auge", vorübergehen könne, so schrillt ein Jammerschrei aus Rumänien oder ein Misston des Hasses aus der norddeutschen Bildüngs-Metropole an unser Ohr, um uns grausam aufzurütteln aus lässlicher Selbsttäuschung. Da hat in Deutschland seit zwei Jahrzehnten mehr und mehr bei den Juden der Unfug platzgegriffen, dass diejenigen, deren Namen auf ihre Zugehörigkeit zum Judenthum hinweisen, diese Namen mit Genehmigung der Behörden verändern. Diese Veränderungen sind kein Zeichen von Tapferkeit und Treue; feineren Seelen kann es sogar scheinen, dass sie fast eine Verleugnung des Andenkens der Eltern, eine Verunzierung ihrer Gräber sind. Aber nicht etwa deshalb ereifert sich die „Berliner Kreuzzeitung" über die drei Schwestern Schmuhl in Berlin, die diesen Namen mit einem anderen vertauscht haben, oder über die Familie Josephsohn, die jetzt Möllhausen heisst. O nein, sie geifert darüber, dass die Behörden sich überhaupt dazu hergeben, jüdische Wünsche zu erfüllen. Die Juden haben einst den gelben Fleck getragen, und nun nehmen sie sich gar heraus, nicht mehr Schmuhl oder Kohn oder Levi heissen zu wollen! Da fuhr der jüngst verstorbene Münchener General-Musikdirector Hermann Levi, ein hellstrahlender Künstler aus dem Kreise Richard Wagners, einmal im Eisenbahn-Coupe mit seinem Bruder, der als Schauspieler sich Lindeck nannte, und in einer Station gesellte sich zu ihnen ein hoher bayrischer Amtokrat, der zu den vielen Verehrern Levis zählte. Dieser, der damals noch nicht zum Christenthum übergetreten war, stellte seinen Bruder vor. «Mein Bruder Lindeck." — „Ihr Bruder Lindeck?* fragte der Aristokrat. — „Ja," lautete die lächelnde Erwiderung, „früher habe ich auch Lindeck geheissen, jetzt heisse ich Levi." Es ist nur ein Symptom, dass das Organ der preussischen Mucker, aus deren Mitte ja auch der neuliche Ritualmord-Interpellant Heitzberg-Lottin hervorgegangen ist, selbst die jüdischen Namensänderungen dazu benützt, um seinen Judenhass auszuschütten. Doch Symptome können bisweilen sehr lehrreich sein, und dieses hat seine besondere Bedeutung, weil es in einem Centrum moderner Bildung und Aufklärung zutage kommt Wenn derartiges in der Berliner Wilhelms-

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