Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 21 (25.5.1900)
- Article
- Mit Genugthuung
- Date
- 1900-05-25
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt" Nr. 21 Sequenzen ziehen. Dieser fühlbare Mangel der weinerlichen Accente ist's offenbar, was als „Genugthuung" bezeichnet wird. Man scheint zu glauben, dass die Zionisten quasi aus Recht- oder gar Liebhaberei die Erfolge des Antisemitismus fleissig verbuchen: „Hurrah, wir Zionisten haben doch recht mit unserer Schlussfolgerung, schon wieder ein Judenexcess, Bravissimo!" Es hat sich einmal eine einschlägige Geschichte ereignet: Mann und Frau sitzen in der Stube. Plötzlieh dringt durch die Nebenstube aus dem Hofe das Geräusch eines dumpfen Falles herauf. E r: „Mir scheint, unser Kind ist aus dem Fenster in den Hof gefallen.- Sie: „Aber, keine Idee." E r (hartköpfig): „Ich glaub', ich hab' doch recht." Sie (gereizt): „Ja, Du willst immer rechthaben." E r (noch hartköpfiger): „Und ich glaub', ich hab' doch recht" Sie (erbittert): „Und ich glaub', Du hast nicht recht." — Er eilt ins Nebenzimmer und kommt freudestrahlend zurück: „Hurrah! Ich hab' doch recht. Unser Kind ist wirklich vom dritten Stocke in den Hof gefallen." Dieser Mann war offenbar nicht sehr bei Verstand, und die Zionisten fühlen wahrhaftig keineswegs das Bedürfnis, ihm nachzugerathen. Sie haben mit dem Zionismus recht, weil fast täglich irgendwo ein Kind Israels infolge des Judenhasses in ein Unglück hineinstürzt Aber sie sind nicht so wahnsinnig, solche Unglücksstürze herbeizuwünschen, um recht zu behalten. Der Antisemitismus schert sich leider wenig um die Wünsche oder Verwünschungen der Zionisten, er schreitet überall rüstig und erfolgreich vorwärts. Auch ohne dass die Zionisten dies wünschen. Und die Zionisten könnten andererseits eine Schlappe, die sich der Antisemitismus etwa irgendwo im Wiener Wahlkampfe zuzöge, mit aufrichtigem Wohlwollen begrüssen. Die Prämissen für den Zionismus werden ja leider durch eine solche Schlappe durchaus nicht in Frage gestellt Gibt es doch in Rumänien, Paris, Algier, Galizien leider noch massenhaft Prämissen. R. Paul Naschauer. Sonntag den 20. Mai ist plötzlich Herr Paul Naschauer, Herausgeber der »Welt«, im Alter von 34 Jahren infolge Herzschlages verschieden. Die Trauerkunde, der man anfangs gar nicht Glauben schenken wollte, hat überall tiefste Theilnahme hervorgerufen. Der Zionismus verliert in dem Verblichenen einen treuen ergebenen Anhänger. Seinem gedrückten Volke war der Verblichene ehrlich zugethan, und schon diese Liebe zum Judenthum hob ihn weit hinaus über die Kreise der Wiener Judenschaft., denen er angehörte. Im persönlichen Verkehre erschlöss er sich als liebenswürdige, sympathische Natur, der man aufrichtig geneigt sein musste. Neben der liebenswerten Herzensbildung besass er eine schöne, universelle Bildung, eine reiche Belesenheit. .Seine solide Bildung war umso schätzbarer, als er sie nicht ständig auf der Zunge trug; er hat vielleicht eher sein Licht unter den Scheffel gestellt, und bei näherem Verkehre konnte man nicht selten überrascht sein über das sehr achtenswerte Wissen, das er offenbarte. Er hat sich in unser aller Herzen einen dauernden Platz gesichert, unsere Erinnerung wird oft und oft bei ihm verweilen. Das Wesen des Zionismus. Von Professor M. Mandelstamm-Kiew. Unser ausgezeichneter Gesinnungsgenosse, der bekannte Kiewer Professor M. Mandelstamm, hat an seine Tochter einen Brief über das Wesen des Zionismus gerichtet, den die Petersburger Wochenschrift „Zukunft" in ihrer jüngsten Nummer zum Abdruck bringt, Der Brief lautet in wortgetreuer Uebersetzung: „Dein Zionismus, mein armes Kind, versetzt mich in Verlegenheit und Dich sehr oft in eine unangenehme Lage! Kaum richtet an Dich jemand aus dem Lager des Gegners eine Frage, dia Du nicht genügend beantworten kannst, beginnst Du an den Grundprincipien des Zionismus selbst zu zweifeln, ohne in Erwägung zu ziehen, dass die an Dich gerichtete Frage vielleicht überhaupt nicht beantwortet werden kann; sagt doch ein Sprichwort, dass ein Narr mehr Fragen stellen kann, als zehn Weise beantworten könnten. Der Zionismus darf nicht als Sport betrieben werden; man muss ihm viel Zeit und alle Gedanken widmen, um ihn allseitig zu erforschen. Je tiefer Du Dich in den Sinn dieser socialen Erscheinung versenken wirst, desto mehr Actenstücke wirst Du finden, welche sie rechtfertigen. Dir wird unter anderem unablässig das Wort „Kosmopolitismus" zugeflüstert: man sagt Dir, dass der Kosmopolitismus die höchste Form der Entwicklung der Menschheit bildet die wir anstreben müssen; dass der Zionismus, welcher auf dem Nationalismus basiert, eine engherzige, rückschrittliche Bewegung sei, welche die Abgeschlossenheit anstrebt und die die Gegensätze zwischen den Juden und den anderen Völkern noch mehr verschärfen könnte. Hier birgt sich ein grosses Missverständnis. Der kosmopolitische Traum ist nicht im geringsten neu; seit sehr langer Zeit spukte dieser Traum in der Phantasie der edelsten Träumer und Idealisten herum. Schon der Prophet Jesaia träumte von einer Zeit, wo Lamm und Wolf nebeneinander werden friedlich leben können. Der Kosmopolitismus ist eine durch den Weltschmerz geschaffene Weltanschauung; er entspringt instinetiv der gequälten Menschenseele, welche nicht gleichgiltig zuschauen kann, wie Menschen, welche alle nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen wurden, einander verfolgen, würgen, hassen, wie sie einen Rassen- und Glassenkampf heraufbeschwören, einen Kampf, der Bäche menschlichen Blutes und Meere von Menschenthränen kostet . . . Das XVIII. Jahrhundert hatte diese Wellanschauung unter der Formel: ..Freiheil, Gleichheit und Brüderlichkeit" zusammengefasst. Diese Formel klingt natürlich sehr schön und süss; man braucht aber nur die Ereignisse des aufgeklärtesten XI_X. Jahrhunderts zu betrachten und sich davon zu überzeugeni