Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 21 (25.5.1900)
- Article
- Mit Genugthuung
- Date
- 1900-05-25
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315873-3369543--19814-3369673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Preise der Anzeigen: Die viermal gespalten" Petitzoil«» 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. ganzjährig ' Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halhjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten _ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Gt Nr. 21. Wien, 25. Mai 1900. 4. Jahrgang „Mit Genugtuung." In Wien stehen die Parteien mitten im hitzigsten Wahlkampfe. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, dass der „Judenpunkt" den Brennpunkt der gesammten Wahlagitation bildet. Der Candidat für den Gemeinderath hat in der Wählerversammlung hauptsächlich darüber Aufschluss zu geben, ob er ein Freund oder ein Feind der Juden sei. Seine Chancen hängen ausschliesslich von der Haltung ab, die er den Juden gegenüber einnimmt. Das ist gewiss eine interessante Erscheinung. Eine Gruppe von Bürgern erwirbt sich durch den blossen Umstand, dass ihre Vorfahren vor etlichen Jahren in Asien sesshaft waren, das Recht, die Communalpolitik der Reichshaupt- und Residenzstadt machtvoll zu beinflussen. Moderner wahlrechtlicher Grundsatz: Die Sesshaftigkeit entscheidet über die passive und active Wahlfähigkeit des Bürgers, und zwar die allfällige Sesshaftigkeit seines entferntesten Ahnherrn. Der Zionist darf den Wahlrummel, wenn auch nicht gleichgiltig, so doch ziemlich leidenschaftslos betrachten. Er wird vor die Frage gestellt: Soll ich durch Ausübung meines Wahlrechtes die Niederlage antisemitischer Candidaten herbeizuführen trachten oder nicht? Leichtfertige Betrachter haben dem Zionismus gelegentlich vorgeworfen, dass er die Fortschritte des Antisemitismus „mit Genugthuung* zur Kenntnis nehme und in seinen Organen registriere. Ja die kritischen Beobachter Hessen nicht selten in feiner Weise durchschimmern, dass die Zionisten in Wahrheit versteckte, aber glühende Freunde der antisemitischen Abgeordneten Schneider und Gregorig seien. Der Zionismus hat angeblich ein Interesse am guten Gedeihen des Antisemitismus. Nun, die meisten Zionisten werden wohl -ehrlich betheuern können, dass sie dem Abgeordneten Schneider niemals bei der Construction von Rituali'abeln freundschaftlich an die Hand gegangen sind, aber auch sonst ist die Brücke zwischen Zionismus und Antisemitismus eine sehr problematische. Gewiss, die Zionisten verfolgen mit grosser Aufmerksamkeit die Lebensäusserungen des allerorts regsamen Judenhasses, und wenn einem Zionisten in Neu- -Sandee das Haus demoliert wird, oder wenn man einem Zionisten in Podgorze einen christlichen Kindesleichnam in das Geschäftslocal hineinschmuggelt, dann pflegen die betroffenen Zionisten in Zuschriften aus Neu-Sandec oder Podgorze ihre Erlebnisse den zionistischen Organen pünktlich mitzutheilen, aber es ist uns nicht erinnerlich, dass derartige Berichte etwa folgendermassen stilisiert gewesen wären: „Sehr geehrte Redaction! Wie ich Ihnen „mit Genugthuung" mitzutheilen in der glücklichen Lage bin, wurde ich gestern total ausgeplündert. Dank dem Antisemitismus bin ich jetzt gottlob ein obdachloser Bettler. Mit Zionsgruss und aufrichtiger Schadenfreude Ihr etc." Man darf es aufs Wort glauben : Der Zionist ist ob dem Unglücke, das über sein eigen Haus oder über die Häuser seiner Brüder hereinbricht, sehr wenig erfreut, und es wird auch schwerlich einen Zionisten geben, der jemals bei einer Flasche Palästinawein mit dem Abgeordneten Schneider den Plan einer Ritualmordhetze besprochen hätte. Und die Excedenten, die in der Gegend von Polna antisemitische Ausschreitungen wochenlang ausgeübt haben, waren wohl auch keine in czechischer Nationaltracht steckenden, verkleideten Zionisten. Die zionistische Presse vermerkt pünktlich di<> Ausschreitungen des Antisemitismus, weil man die Missgeschicke der Judenheit nicht dadurch ungeschehen machen kann, dass man sie todtschweigt Die Chronik antisemitischer Geschehnisse besagt: Täglich, stündlich ereignen sich, wie Figura zeigt, antisemitische Ausschreitungen; es ist keine Aussicht vorhanden, dass die Sache in absehbarer Zeit besser wird: ergo müsst Ihr dieConsequenzen daraus ziehen. — Die zionistische Presse veröffentlicht thatsächlich, wie man ihr vorwirft, „systematisch" die Regungen des Antisemitismus; — „systematisch"! Man kann diesen Vorwurf ruhig auf sich sitzen lassen. Jawohl, es ist ein System. Aus unbestreitbaren Prämissen wird eine zwingende Schlussfolgerung gezogen. Und das ständige Vorhandensein der Prämissen, der judenfeindlichen Regungen, wird „systematisch" veröffentlicht. Die zionistische Presse begeht allerdings bei der Publication der antisemitischen Geschehnisse einen Fehler, der von anderen jüdischen Blättern geschickt vermieden wird. Sie winselt weniger. Die Berichte sind nicht im nothwendigen kläglichen Tone gehalten. Sie sagt nur -. ergo müsst Ihr die Con-