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Die Welt · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Article
Eine zeitgemässe Betrachtung
Date
1900-05-18
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 ,Die s£ Welt" Nr. 20 Erreichung unserer Ziele, sehen wir bereits die Erlösung, nach welcher unser Volk schon über achtzehnhundert Jahre geschmachtet hat. Die „Allianz". Sonntag, 13. Mai, fand die .27. Generalversammlung der Israelitischen Allianz in Wien statt. Sie glich bis auf einen Zug den früheren sechsundzwanzig. Der Vorstandstisch war reich besetzt, weil die Herren wenigstens einmal im Jahre etwas für das Judenthum thun wollen, und zwar besteht dieses Thun darin, dass sie erscheinen. Sie reden nicht einmal, sie hören nur zu, wenn der Secretär seinen Bericht verliest. Aus diesem Berichte erfahren sie, was sie das Jahr über gethan haben. Die armen Juden sind wirklich arm, da sie auf die Hilfe dieser Herren angewiesen sind. Es wird verlesen, wieviel Geld eingegangen und ausgegangen ist. Dann beantragt ein Herr aus dem spärlichen Plenum, den Bericht mit Dank zu genehmigen. Es geschieht natürlich. Die Herren würden sich ja sonst gekränkt zurückziehen und ihre Kräfte nicht mehr in den Dienst der Allianz stellen. Meiner Treu, ich glaube, mancher von ihnen, vielleicht alle, wären froh, wenn man ihnen einen schönen Abgang bereitete. Sie würden einer Opposition, die sie absetzte, innerlich zujauchzen. Sie könnten mit einigen schmerzlichen Worten über die Undankbarkeit das Feld, auf dem sie so wenig geerntet haben, räumen. Nun, so gut soll es ihnen nicht werden. Sie müssen im Vollgenusse des Vertrauens von 17 oder 27 Plenarmitgliedern weiterwirtschaften, hilflos, rathlos, machtlos, und sich an ihren Früchten erkennen lassen. Sie müssen sich selbst ad absurdum führen. Insoferne war die Generalversammlung vollkommen gleich den früheren. Der eine Zug, in dem sie sich unterschied, war der, dass man vom Zionismus sprach. Man sprach eigentlich nur vom Zionismus, obwohl clor zionistische Redner, der die Debatte eröffnete, erklärt hatte, er wolle nicht den hoffnungslosen Versuch machen, den Herren nochmals auseinanderzusetzen, was unsere Bewegung vorstelle und erstrebe. Dieser Redner wünschte nur eine Erklärung des Vorstandes darüber, was in der gegenwärtig brennendsten Nothfrage, in der Frage der verzweifelnden rumänischen Juden, von der Allianz unternommen worden oder für die nächste Zukunft geplant sei. Darauf nahm ein Wiener Cultusvorsteher das Wort und erzählte die Wahrnehmungen, die er kürzlieh in Palästina gemacht habe, lieber den , sogenannten Zionismus" fällte er ein abfälliges Urtheil. Er war aber dann sehr gekränkt, als ihm ein Zionist antwortete, die Urtheile eines Touristen, der mit einem Cook-Billet das Land flüchtig durcheilt habe, verdienten nicht viel Beachtung. Sehr gereizt entgegnete er, dass er nicht mit einem Cook-Billete gereist sei. Nicht mit einem Gook'schen Rundreise-Billete — darin sah er die Hauptsache. Dann kam ein anderer Herr und machte einige faule Witze über den Zionismus, den er nicht versteht, und zankte sich ein bisschen mit dem Vorstande der Allianz, weil diese nicht genug für Rechtsschutz und „Abwehr gegen den Antisemitismus" thue. Kurz, kleinliche Reibereien, Vereinsmeierei, Ausweis von Almosen und Klagen über die Theilnahmslosigkeit der Judenschaft — das ist die „Allianz". Mit der „Theilnahmslosigkeit", über die der Jahresbericht klagt, hat es seine eigene Bewandtnis. Das erinnert an die Klage einer alten Dame, die findet, dass die Herren nicht mehr galant sind und sich um sie nicht mehr kümmern. Die Erklärung, dass sie alt und hässlich geworden ist, kommt ihr natürlich nicht in den Sinn. Der Eindruck dieser Versammlung war komisch und kläglich. Und doch braucht man es nicht zu bedauern, dass man zwei Stunden in dem feierlichen Sitzungssaale der Wiener Cultusgemeinde verbracht hat, der geschmückt ist mit Bildern verstorbener Vorsteher, deren Nachkommen vom Judenthum abgefallen sind. Denn man konnte eine immerhin merkwürdige Beobachtung machen. Vom Zionismus wurde gesprochen, die Fahne der jüdischen Nation flatterte einen Augenblick über den weisen Köpfen der Allianz-Leute — und welchen Eindruck machte das auf sie? Der eine ärgerte sich nur über die Cook-Biliets, die man ihm zumuthete. Der andere machte abgestandene Witze. Die dritten balgten sich in ihrer Vereinsmeierei herum. Von der Grösse der Idee überflog sie nicht einmal eine ferne Ahnung. Und die rumänischen Juden können weiterhungern, weiter verzweifeln. Arme, arme Juden! Ein Zuschauer. Eine zionistische Anthologie. Die russisch - zionistische Gedichtsammlung „J e wrejskie motivy" (, Jüdische Melodien") *) die soeben erschienen ist. theilt sich in zwei Theile: Originale und Uebersetzungen, von denen die ersteren den bei weitem grösseren Theil einnehmen. Da finden wir das Beste sorgsam zusammengetragen, was die zionistisch-nationale Kunst bis jetzt aufzuweisen hat. Als Motto ist den Gedichten der Vers vorangesetzt: T!T"C DS* "Q HIS— S"TG 5<S ■<h nnat) Mit Genugthuung muss constatiert werden, dass mit der grössten Anzahl von Gedichten der vorzügliche J. G. Frug vertreten ist. Eine Schar Jünger, Dilettanten und Gelegenheitsdichter gruppieren sich um ihn, wiewohl dessen Persönlichkeit lange nicht markant genug ist, um eine Schule bilden zu können. Wenn man sich durch die Sammlung durchgelesen hat und das Buch zuklappt, kann man sich in den Eindrücken nicht mehr zurechtfinden, da kommt es einem vor. als hätte man ein langes, unendliches Gedicht eines einzigen Dichters gelesen in vielen Variationen, aber mit immer denselben Worten; und als Leit- und Grundmotiv bleiben die ern-ten Lieder des alle anderen bei weitem überragenden Frug! Frugs Poesie ist ernst und reif, seine Sprache erhebt sich oft zur Grossartigkeit, sein Palhos ist wahr und die Form vollendet. Bei den anderen zionistischen Dichtern und dichtenden Zionisten ist viel Liebe und viele Begeisterung, viel Erbitterung und viel Kampfesmut, — aber auch viel Worte . . . Angenehm fallt unter den Jüngern Frugs der junge L. Jaffe auf, der nächst Frug verdientermassen mit der grössten Anzahl von Gedichten vertreten ist. (Fast alle anderen sind mit je einem Gedichte vertreten.) Seine Verse sintl blank, auch verräth er viel Sinn für Klangwirkungen. In seiner Liebe zum Volke, seiner Begeisterung für die gute Sache ist er echt, wie nur irgend ein Zionist. Geradezu wohlthuend wirkt seine feste Zuversicht und sein unerschütterlicher Glaube an die Aufgabe und den Erfolg. Er ist frei von Bedenken und Zweifeln, und sein Sinn ist so naiv, wie der eines Kindes. Auch als Uebersetzer lernen wir ihn in diesem Buche kennen, und es scheint mir, auf diesem Gebiete haben wir von ihm noch viel Gutes zu erwarten. Dieser junge Dichter ist für die Zionisten so typisch, dass es sich verlohnen dürfte, sich mit ihm eingehender zu beschäftigen, sobald uns seine Gedichte gesammelt vorliegen. Neben L. Jaffe ist Ch. Singer besonders zu nennen, dem wir öfters in Zeitschriften und Journalen begegnen. Seine Sprache wirkt einfach, warm und oft inbrünstig. Wenn er nur nicht immer wieder so furchtbar salbungsvoll würde! Es muss auch bemerkt werden, dass einige nichtjüdische von den bekannteren russischen Dichtern darin vertreten sind, so B. Lebedew, A. Majkow, J a s y k o w, Fr. O-Tschümina u. a. Ein Gedicht Abramovitsch' Nachahmung Heines", worin Heines „Ein Fichtenbaum steht einsam" allen Ernstes und recht sentimental auf das „unglückliche, vergessene und gottverlassene *)JewrejskieMotivy, Verlag B. Joffe, Grodno, 1900. 104 S.

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