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Die Welt · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Article
Eine zeitgemässe Betrachtung
Date
1900-05-18
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 20 „Die x> Welt' Seite 3 Man verstehe wohl, nicht im Abgeordnetenhause, denn da hätten sich doch wohl noch einzelne Männer gefunden, die solche Lügenbeschuldigungen zu kennzeichnen und auf ihre wahren Ursachen zurückzuführen Geschick und Willen in ausreichendem Masse besitzen. Diese Interpellation hat die merkwürdige Fassung: „Welche Schritte gedenkt die königliche Staatsregierung zu thun, um weiten Kreisen der christlichen Bevölkerung die Gewissheit zu verschaffen, dass die in den letzten Jahren vorgekommenen unaufgeklärten Morde an christlichen Jungfrauen und Jünglingen nicht von Juden begangene, sogenannte Ritualmorde sind?* Es gibt gar keine Bezeichnung, welche scharf genug wäre, um ein solches Vorgehen zu kennzeichnen. Die Statistik der Mordprocesse lehrt, dass überhaupt nur ein geringer Percentsatz unaufgeklärt und ungesühnt geblieben ist. Die zwei oder drei Fälle, bei welchen, wie es in der Begründung heisst, zufällig die ersten Spuren der Thäterschaft auf jüdische Thäter deuteten, sind vielleicht um deswillen unaufgeklärt geblieben, weil der Judenhass, durch antisemitische Hetze bis zum Wahnsinn aufgestachelt, den Ritualmord construierte und die Untersuchung auf falsche Fährte lenkte. Nach unserer jüdischen Anschauungsweise und Rechtspraxis — wir Juden haben nämlich, wie männiglich bekannt sein dürfte, ein sehr ausgebildetes, allumfassendes Rechtsgesetz — wäre jene Interpellation auf die unglüklichste Basis gestellt. In der jüdischen Rechtsfindung gilt der Rechtsgrundsatz der Chasaka. Das Wort ist in deutscher Ausdrucksweise schwer wiederzugeben, schon seiner mehrfachen Bedeutungen wegen. Bs bedeutet Voraussetzung, Besitzergreifung — wir verstehen darunter auch eine auf allgemeinem Sachverhalte beruhende, aber immerhin wohlwollende Beurtheilung von Personen und Sachen. Diesen Rechtsgrundsatz vorausgesetzt, wäre die Beantwortung jener Interpellation eine leichte, hätte sie der genannte Herr gar nicht stellen dürfen. Der allgemeine Sachverhalt spricht zugunsten des Juden; er ist an Mord und Todtschlag nur mit sehr geringem Percentsatze, kaum eins per tausend, an den vielen Lustmorden, begangen an Frauen und Kindern, worauf ja die Interpellation ganz besonders hinzielt, jedoch so gut wie gar nicht betheiligt. Auf welcher Seite die unaufgeklärten Morde zu suchen sind, ist damit klar genug ausgesprochen. Allein was wollen denn diese antisemitisch gestimmten und gesinnten Gegner und Feinde? Nicht Recht, sondern Verhetzung, nicht Wohlwollen, sondern Beschimpfung und Verdächtigung, nicht Wahrheit, sondern lügenhafte Beschuldigung, und die Massen sind nur allzu sehr geneigt, ihrem Wühlen und Wüthen Gehör zu schenken, und dem Drucke dieser Massen kann selbst die Rechtsprechung nicht widerstehen. Jetzt hat es sich ja herausgestellt, dass auch im Kuttenberger Mordprocesse ein schwerer Irrthum obwaltet. Der höchste Gerichtshof hat es auf Grund des Gutachtens der höchsten sachkundigen Gemeinschaft ausgesprochen, dass auch dieser Ritualmord nur ein Lustmord gewesen und dass man keine Mitschuldigen zu suchen habe, wo keine vorhanden waren. Aber wenn auch H ü 1 s n e r der Mörder gewesen — man soll immer nur den Mörder verurtheilen, nicht den Juden. Wir Juden verlangen Toleranz nicht nur für unser Gutes, sondern auch für unser Böses. Der Jude soll, wie jeder andere Mensch, Schlechtes begehen dürfen, ohne dass man die gesammte Judenheit dafür verantwortlich macht; sonst nimmt das ja fast den Anschein, als ob der Nichtjude das alleinige Privilegium beanspruche, Verbrechen zu begehen. Allein nicht genug, dass man die Schlechtigkeit des einzelnen Juden allen Juden aufbürdet, sucht man dieselben für alles Schlechte der Welt verantwortlich zu machen. So hat, wie wir lesen, ein österreichischer Pater eine Schrift veröffentlicht: „Aus dem Jahre 1920. Ein Traum." Auf die Frage: „Hängen Sie viele?" antwortete der Gemüthsmensch : „Jetzt ist's nicht mehr nothwendig. In der ersten Zeit der Staatsgründung war's anders. In Wien haben wir einmal 300 Juden und 20 Arier an einem Tage gehenkt." Das ist aber doch nicht der Traum eines ordentlichen Menschen, sondern eines Henkerknechtes. Dieselbe Henkergesinnung scheint jetzt auch unter den antisemitischen Genossen des Vorbezeichneten im österreichischen Parlament einreissen zu wollen. Dem Jungezechen Stransky haben sie einmal über das anderemal zugerufen : Henkt den Juden! Der Jude muss gehenkt werden! Doch lassen wir diese, bleiben wir bei unserem Pater und seinen Träumen. Träume sind ja bekanntlich nicht nur Schäume, sondern auch ein toller, verwirrter Abklatsch unserer Gesinnung, in diesem Falle des fingierten Traumes gar die Gesinnung selbst. So sagt er denn auch von den Juden : „Dieses Volk hat schlimmer als die Pest in den Ländern von weiland Oesterreich gehaust. Es hat Jung und Alt der ganz ordinären Unzucht zugetrieben, hat das Gefühl für Reinheit der Sitte systematisch untergraben; Syphilis und Scrophulose waren die Resultate, woran unser Volk ebenso sicher zugrunde gegangen wäre, als die Naturvölker der fremden Welttheile durch Schnaps und Unzucht, welche ihnen die Einwanderer stets zu bringen pflegen, damit dieselben umso leichter ausgenützt und ausgeraubt werden können, stets ausgerottet werden." Gewiss, Trunksucht und Unzucht sind grosse, verderbliche Laster, sind Schlechtigkeiten, die gar nicht genug bekämpft und verdammt werden können. Allein ich kenne noch eine Schlechtigkeit, die noch viel verdammenswerter ist Es ist die Schlechtigkeit aller Schlechtigkeiten, eine Schlechtigkeit, die nicht verziehen werden kann, weder im Diesseits noch im Jenseits, für die es keine Gnade bei Gott und keine Entschuldigung bei Menschen gibt. Es ist die Schlechtigkeit, für sein eigenes Laster, für seine eigene V'erderbtheit andere Menschen verantwortlich machen, sie anderen in die Schuhe schieben zu wollen. Anstatt reuevoll an die Brust zu schlagen und zu sagen : Mea culpa, mea maxima culpa! sagt man lieber: Wir wären ja gute Menschen, wenn nur die bösen Juden nicht wären. Schaut Euch doch einmal genauer um in den Häusern und Familien der Juden, da herrscht noch Gefühl für Sittenreinheit, für Mässigkeit und Enthaltsamkeit, für Familienanhänglichkeit und Gattentreue. Und eine Fürsorglichkeit für die Angehörigen herrscht da, für welche die Lebenshingabe noch den geringsten Einsatz bedeutet; O, von diesen bösen Juden könntet Ihr noch vieles Gute lernen, wenn Eure Herzenshärtigkeit, Eure Beschönigungssucht, Eure Selbstüberhebung, Euer Classen-, Rassen- und Massenhass es nur zuliesse. Es gab eine Zeit, da wir uns eine solche Betrachtungs¬ und Behandlungsweise sehr zu Herzen genommen hätten; es war die Zeit der Assimilationssucht, der gierigen Angliederung und Anbiederung. Das ist für uns Zionisten, Gottlob, vorüber. In unserem nationalstolzen Selbstbewusstsein verachten wir unsere Verächter noch tausendmal mehr als sie uns und haben ganz gewiss auch das Recht dazu. Und wollen sie uns los sein? — Wir sie noch weit mehr und weit eher. Das jüdische Land ist der Ort, der jüdische Staat der Staat unserer Sehnsucht; und in dieser Sehnsucht, verbunden mit der Möglichkeit und dem Streben der

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