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Die Welt · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Article
Der Ritualmord-Junker
Date
1900-05-18
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 »Die s> Welt' Nr. 20 lässlichen Zeugen für den protestantischen Junker. Gut Aber der protestantische Kirchenhistoriker Neander, der protestantische Bischof Dräpke, die desgleichen gethan haben! Auch die lässt offenbar der Junker nicht gelten. Für ihn ist der Ritualmord als „jüdische Institution" einfach eine ausgemachte Sache, er krebst mit den „weiten Volkskreisen % von denen doch er und seinesgleichen sonst nur etwas wissen wollen, wenn es sich um die Erhöhung der Getreidezölle und um ähnliche Liebesgaben für die „nothleidende" Landwirthschaft handelt. Es kann aber selbst bei diesem durchtriebenen Junker die atavistische Ignoranz sich nicht verleugnen. Er faselt von „jüdischen Geheimschriften''. Gibt es denn solche? Haben nicht christliche Gelehrte das gesammte jüdische Schriftthum, den kabbalistischen Sohar mitinbegriffen, durchforscht? Hat nicht die preussische Regierung im Jahre 1893 durch den „Staats-Anzeiger - erklären lassen, dass infolge einer Denunciation eine amtliche Revision von 551 dem israelitischen Religionsunterrichte gewidmeten Lehrbüchern stattgefunden habe, welche ergab, „dass keine der in der Presse gegen die jüdischen Religionsbücher erhobenen Anklagen begründet ist"? Und sind nicht die badischen und die sächsischen Kammern, ja einmal sogar auch dasselbige preussische Herrenhaus, das die Ehre hat, den Junker v. Hertzberg- Lottin zu seinen Mitgliedern zu zählen, über Petitionen wegen Untersuchung und Uebersetzung des Schulchan- Aruch zur Tagesordnung übergegangen? Ein richtiger Junker von. dieser Hertzberg-Lottin'schen Sorte fühlt sich aber so wenig, wie etwa Gregorig, der Portierssohn, dazu vorhanden, um sich seiner Unwissenheit zu schämen, und noch weniger fühlt er sich berufen, sich des Makels zu schämen, den die Ritualmordlüge der Gesammtheit und ihrem Culturstande angeheftet Ein Junker von Hertzberg-Lottin'schem Caliber und ein "Volksmann vom Schlage Gregorigs sagt einfach: „G'lernt hab" i nix, aber arrogant bin i word'n." Wir wiederholen, es ist schade, dass die Ritualmord- Interpellation des preussischen Junkers im Berliner Herrenhause nicht zur Discussion kommt Es wäre eine drastische Illustration der Errungenschaften geworden, an welche die jüdischen Parteigänger der Assimilation noch immer zu glauben sich den Anschein geben. Und auch eine recht erbauliche Illustration der gepriesenen modernen Gulturarbeit, die ihre Ergebnisse den Juden vorenthält. Kein Zweifel, die preussische Regierung ist durch eine Welt von Bildung und Verstand von dem Ritualmord-Junker und seinesgleichen geschieden. Aber diese sind ihr eine wertvolle Hilfstruppe in der täglichen Mühsal des Regierens. Daher kommt es, dass man den Ritualmord-Junker nicht als eine Caricatur nehmen kann, sondern als eine beschämend-ernste Zeitfigur betrachten muss. Die Ritualmord-Interpellation unterbleibt, jedoch die Ritualmord-Hetzer und die Ritualmord-Glauber sind in erschreckender Fülle vorhanden, und diese ist der Massstab für die immer dringender werdende Notwendigkeit, dass alle Juden auf dem Wege sich zusammenfinden, auf dem ihnen der Zionismus zu ihrer Erlösung und zu ihrem Heile voranschreitet Eine zeitgemässe Betrachtung. Von Dr. Rülf-Bonn. Wessen das Herz voll, dessen fliesst der Mund über, pflegt man zu sagen; selbstverständlich nicht bloss der Mund, sondern auch die Feder, sobald man sich ans Schreiben begibt. Wir haben, seitdem der neuzeitliche Antisemitismus sein Haupt erhoben und die Rundreise durch die gesammte civilisierte oder, vielleicht besser gesagt, uneivilisierte Welt gemacht hat, viel zu erdulden gehabt, keine von allen den nichtswürdigen Beschuldigungen, mit welchen man das jüdische Volk zu belasten und zu belästigen sucht, hat die Herzen der denkenden und fühlenden Volksgenossen gewaltiger ergriffen und aufgeregt, als diese dem jüdischen Volkscharakter so widersprechende, so viel Ekel und Abscheu einflössende Blutbeschuldigung. Wie wäre es, wenn wir nun einmal den Spiess umkehren und ihn den Feinden und Gegnern entgegenschleudern wollten? Die Geschichtsforscher haben berechnet, dass 9,000.000 Juden im Laufe der Zeiten durch Christen hingemordet wurden, zumeist ganze Gemeinden — Männer. Frauen, Kinder mit einemmale; waren das vielleicht auch lauter Ritualmorde? Ferne sei es von uns, solches behaupten zu wollen. Weder das Judenthum, noch das Christenthum kennt einen Ritualmord, obschon das Märtyrerblut von neun Millionen unschuldiger, durch Christenhand ermordeter Menschen eine unleugbare Thatsache ist, während die Ermordung auch nur eines einzigen Christen durch Juden aus Glaubenshass oder einem anderen Glaubensgrunde niemals hat erwiesen werden können. Auch die Judenschlüchtereien waren keine Ritualmorde; es waren, wenn wir der Sache auf den Grund gehen wollen, nicht einmal Opfer des Glaubenshasses, des religiösen Fanatismus, sondern Greuelthaten der Roheit, der Barbarei, der blutwüthigen Bestialität halbcivilisierter Menschen; und wer da glaubt, dass in unserem soeben begonnenen neuen Jahrhundert, das man so gerne als das erleuchtete, durch Milde und Menschlichkeit, durch Bildung und Gesittung hervorragende bezeichnen möchte, jene Roheit und Barbarei ausgestorben, jene blutwüthige Bestie gebändigt und gesittigt. der Menschheit und Brüderlichkeit dienstbar gemacht wäre, der irrt gewaltig. Die Ketten und Schranken zur Niederhaltung der Bestie sind leider noch gar zu schwach, und so ist es denn möglich geworden, dass sie in unserer Zeit wieder ausbrechen und so grosse Verwüstungen anrichten konnte, wie in der Vorzeit Tagen. Die Blutbeschuldigung, welche man den Juden "entgegenschleudert, ist nichts anderes und nichts weiter, als der eigene Blutdurst der losgelassenen Bestialität, derselben Bestialität, der bereits neun Millionen unseres Volkes hingeschlachtet worden sind. O, diese neun Millionen brennen furchtbar auf der Seele eines jeden denkenden und fühlenden Juden, und es wäre wahrlich nicht zu verwundern, wenn aus jedem Juden ein Shylock geworden wäre, der mit Wollust auf seinem Scheine bestünde und dem Feinde und Gegner ein Pfund Fleisch aus lebendigem Leibe zu schneiden verlangte. Der Jude ist aber kein Shylock geworden; er ist trotz aller Verfolgungen und Abschlachtungen der milde, menschenfreundliche, blutscheue Mensch geblieben, wozu ihn seine Religion und seine Erziehung gemacht haben. Dieser Shylock des Dramas ist eine sehr wahr und sachgemäss construierte Figur echt künstlerischer Intuition. Ja, so hätte der Jude werden müssen, wenn er sich der erfahrenen Behandlung gemäss entwickelt hätte; sein Glaube und seine Volkserziehung haben ihn davor bewahrt; er ist Mensch geblieben und hat die bestialen Triebe niemals aufkommen lassen. So ist gerade dieser Shylock die höchste und schönste Apologie des Juden und Judenthüms-geworden. Jetzt hat nun auch, wie die Tagesblätter berichten, einer von den „Berufenen" des preussischen Herrenhauses, der Conservative Herr v. Herzberg-Lottin, eine die Blutbeschuldigung betreffende Interpellation eingebracht, die mit allem Raffinement, womit die blutwüthige Bestialität der Neuzeit ihre Auslassungen so geschickt zu umkleiden versteht, gefasst und begründet ist

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