Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 19 (11.5.1900)
- Article
- Der Mord in Polna
- Date
- 1900-05-11
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 „Die 2£ Welt** Seite 7 Als „höchstwichtig" geradezu bezeichnet die Anklage den Befund und das Gutachten der Prager Gerichtsärzte Professor Dr. Reinsberg und Dr. S 1 a v i k, wonach die an den Beinkleidern des Leopold H ü 1 s n e r constatierten Flecken aller Wahrscheinlichkeit nach von Menschenblut herrühren. Diese Annahme wurde durch das Gutachten der medicinischen Facultät nur insoferne abgeschwächt, dass die Facultät die Möglichkeit, dass diese Flecken von Blut herrühren können, auf Grund der chemischen Untersuchung mit voller Bestimmtheit nicht auszusch Hessen erklärt. üb die noch erübrigenden Verdachtsgründe, ihn der That zu überweisen, ausreichen, dies zu beurtheilen w i r d Sache der neuen Geschwornen sein. Mag daher auch eine Ergänzung etwa vorhandener Beweislücken im Wege des im § 'M-2 St.-P.-O. vorgesehenen Wiederaufnahms- Verfahrens nicht erforderlich sein, so steht doch so viel fest dass den Geschwornen das Beweismaterial, so weit es gerichtsärztlicher Wahrnehmung und Begutachtung unterlag, vielfach in schiefer'Beleuchtung vorgeführt wurde. Die Untersuchungs- Ergebnisse, ergänzt durch das Facultäts-Gutachten, den Geschwornen in der dem heutigen Stande ärztlicher Wissenschaft entsprechenden Beleuchtung vorzuführen, wird die Aufgabe der neuerlichen Verhandlung sein, die anzuordnen es das im Plus enthaltene Minus § 362 St.-P.-O. dem Cassationshofe gestattet. Dass eine neuerliche Prüfung der Beweisergebnisse die eventuelle Unterstellung der That als von Leopold H ü 1 s n e r unmittelbar verübten Mord unter die Strafnormen der §§ 134 und 135, Z. 1 St.-G., nicht ausschliesst, ergibt sich aus der Erwägung, dass das im § ü'JO St.-P.-0. aufgestellte Verbot der reformatio in pejus sich bloss auf die gegen den Angeklagten zu verhängende Strafe bezieht, der unmittelbare Mord aber ebensowohl als die unmittelbare Mitwirkung bei demselben im § 136 St.-G. mit Todesstrafe bedroht ist Durch die Anwendung des § 36-2 St.-P.-O. ist die vom Angeklagten gegen das Strafurtheil eingebrachte Nichtigkeits- Beschwerde gegenstandslos geworden. (N. Fr. Pr.) Isak Rabinowitz. (Geboren 1847 in Kowno, gestorben am 9. März 19U0 in New-York.) Unter der Masse der Emigranten, die im Jahre 1801 ihre Heimat zu verlassen gezwungen Avaren, um sich irgendwo eine neue Wohnstätte aufzusuchen, befanden sich viele talentierte Männer, die in ihrem Geburtsorte etwas gegolten haben und in der grossen Welt spurlos verschwunden sind. Die Glücklichen unter ihnen arbeiten heute in den Schneiderwerkstätten zu Londen und New-York, in den Diamantenschleifereien zu Amsterdam und Antwerpen oder sonst irgendwo in einer grossen Fabrik. Sie sind Sclaven der physischen Arbeit, Arbeite)-. Ihr Geist feiert. Manche von diesen intelligenten Emigranten konnten nicht die Strapazen des unsteten Lebens aushalten und haben ihr Dasein in den Hospitälern zu Paris oder New-York elendiglich beendet. Unglücklich im höchsten Grade sind nur jene geblieben, die sich keiner physischen Arbeit widmen konnten oder wollten und durch anderartige Beschäftigung ihr Auskommen zu finden glaubten. Als Muttersöhnchen auferzogen, als „Lernkinder14 (Talmudkenner) verheiratet, aller Nahrungssorgen enthoben, baben sich diese Leute, solange sie noch in ihrer Heimat waren, mit Literatur befassen können. Sie Ii essen sich öfter in den hebräischen Zeitungen, in Correspondenzen aus ihren Wohnorten oder sogar in grösseren Artikeln über verschiedene Zeitfragen hören. Selbst wenn sie später geschäftlich thätig sein mussten, waren sie nur sozusagen das .geistige" Haupt des Kramladens, den die Frau gewöhnlich allein führte. Auch dann konnten sie sich mit ihrer Lieblingsbeschäftigung weiter abgeben und Artikel oder Gedichte schreiben. Was konnte also aus derartigen Menschen in der Fremde werden? — In den Strassen der grossen Städte Englands und Amerikas begegnet man jetzt diesen Aermsten als Hebräisch-Lehrer, Koscherfleischbeschauer, Tempeldiener, Vorbeter, Schächter, Seelenandachtverrichter, Zeitungausträger etc. So fristen sie ein elendes Dasein, und es ist ein Jammer, diese verkommenen Gestalten anzuschauen . . . Nicht viel besser geht es auch denjenigen Männern, die sich eines grossen literarischen Rufes unter den Hcbräisch-Lcsenden erfreuen. Auch sie sind in Amerika ohne Bedeutung. — Der unlängst verstorbene berühmte Talmudforscher Abraham Ber Dubsewitsch hat Reporterdienste bei verschiedenen New-Yorker Jargonzeitungen verrichten müssen. Nothgedrungen musste er seine zu talmudischer Kritik hochbegabte Feder in Sensationsnachrichten verbrauchen. Und trotzdem hat er sich nicht erhalten können, wenn er auch Tag und Nacht mit seinen Reporterarbeiten zubrachte. Er war nicht in der Lage, seinen Hausbedarf zu bestreiten und starb in seinem 59. Lebensjahre — nicht an Altersschwäche, sondern ganz einfach an Nahrungsmangel . . . Dieses traurige Los theilte auch Isak Rabinowitz. Zuhause in Kowno war er Greisler und Dichter. Manche wollen behaupten, dass er als Greisler gar keine Bedeutung hatte; seine Bedeutung als Dichter müssen sie aber voll und ganz anerkennen. In Amerika ist er Zeitungsreporter und Romancier geworden, ohne für das eine oder für das andere befähigt zu sein. Er war auch in beiden Fächern bei den Lesern unbeliebt. Als Reporter hat er nicht das Sensationelle anzupacken gewusst, als Romancier hat er dem Geschmacke des Publicums nicht Rechnung getragen und hat nur historische Erzählungen geschrieben. Die amerikanischen Jargonleser suchen nämlich den Nervenkitzel. Schauerromane, Raub- und Mordgeschichten, und er wollte diese Leser belehren! Zudem hatte er noch einen weitschweifigen Stil, weil er auf Zeilenrechnung schreiben musste ... So arbeitete er Tage und Nächte hindurch in Sachen, die weder ihn, noch seine Leser befriedigten. Und diese aufreibende Arbeit hat ihm dennoch nicht so viel eingebracht, wie er für seinen Haushalt nöthig hatte, bis ihn die Nahrungssorgen erdrückten und frühzeitig ins Grab jagten. In dieser nicht für ihn passenden Arbeit hat auch sein Dichtertalent viel gelitten, und seine in Amerika geschriebenen hebräischen Gedichte haben nicht mehr die Frische und den Glanz seiner früheren Dichtungen. Isak Rabinowitz gehörte zu jener Gattung von Dichtern, die Jehuda Leib Gordon einmal mit den ungepflegt wachsenden Blumen verglich. Von dieser Kategorie sind jetzt nur noch einige Exemplare in Russland und Galizien vorhanden. Diese Leute sind wenig gebildet, sind aber hochintelligent, und was sie schreiben, das ist der Ausüuss ihres natürlichen, angeborenen Talentes, von der Umgebung inspiriert. Knappe Bildung ist bei einem hebräischen Publicisten oder Belletristen ein Fehler. Bei einem Dichter wie Isak Rabinowitz gereichte dieser Umstand eher zum Vortheile als zum Nachtheile. Weil Rabinowitz kein Kenner europäischer Sprachen war, deshalb finden wir bei ihm keine Nachahmungen, keine von anderen Dichtern entlehnten Gedanken und keine Nachklänge fremder Lyrik. Seine sämmtlichen