Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 19 (11.5.1900)
- Article
- Der israelitische Gemeindetag in Lemberg
- Date
- 1900-05-11
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 »Die j£ Welt" Nr. 19 vergebens wollten die Einberufer mit Dr. Byk an der Spitze demonstrieren, dass die Judenfrage in Galizien eigentlich nur auf die Frage der Amtssprache in den Cultusgemeinden zurückzuführen sei, und umsonst haben sie daher als den zweiten Punkt der Tagesordnung nach der „Angelegenheit der ökonomischen Nothlage der Juden in Galizien", offenbar als Hei 1mittel für diese bedrängte Lage „Die Einführung der p o 1 ni s ch e n Amtssprache in den Repräsentationen der israelitischen Gemeinden" festgesetzt. Alle Demonstration nach aussen verhinderten die sich überall „hineinschmuggelnden" Zionisten, da im letzten Augenblicke, als sich die Einberufer überzeugten, dass am .Tage" auch Zionisten regen Antheil nehmen wollen, die polnische Presse nicht eingeladen wurde, und indem alles polnisch-patriotische Gesalbader zuletzt eigentlich nur in den weiten Mauern des neuerbauten Lemberger Gemeindehauses verhallen musste. Aber wenn auch nach aussen, d. h. in der polnischen Presse, nur ganz unschuldige, officielle, zwar manchmal antizionistisch zugespitzte „Bulletins" veröffentlicht wurden, im Inneren der Judenschaft von Lemberg und in der Folge auch von Galizien, ist eine starke Gährung eingetreten. Gewiss das erstemal hörten unsere offiziellen „Versorger" mit ihren eigenen Ohren . . . Worte der Wahrheit. Sie haben zwar Lobhudeleien erwartet, aber die Zionisten, dasGe wissen des Judenthums, haben ihre Aufgabe anders aufgefasst. Wie ernst die Herren Einberufer den „Tag" nahmen, beweist wohl am besten der Zeitraum, den sie für die Einberufung präliminierten. Zu einem „Tage", auf den die galizische Judenschaft über zwanzig Jahre wartete, und der doch, wie sie schliesslich selbst zugaben, die vitalsten Interessen behandeln sollte, entsandten sie gegen den 20. April eine mit dem Datum des 12. April versehene Einladung auf den 1. und 2. Mai. In diesem Zeiträume, also nicht einmal in zwei Wochen, sollten die eingeladenen Cultusgemeinden zu diesem so wichtigen „Tage" sich vorbereiten und eventuelle Anträge frühestens vor der Gonferenz schriftlich einbringen, damit dieselben noch auf die Tagesordnung gesetzt werden könnten. Natürlich giengen dafür die anderen Vorbereitungen der „beständigen Gommission" mit umso grösserem Tam-Täm vor sich. Da nämlich der „Tag", wie bereits erwähnt wurde, eigentlich ein Paradestück werden sollte, wurden sogar die Toiletten für die am Abende des ersten Verhandlungstages stattfindende Thee- Soiree und das am Abende des zweiten Tages sein sollende Bankett festgesetzt. Mit einem Worte: in dieser Beziehung war alles in bester Ordnung, und es wäre auch in Wirklichkeit alles sehr schön und programinmässig gegangen, wenn nicht die Zionisten gekommen wären und den Herren Einberufern die beiden „Festtage" zu schweren „Busstagen" gemacht hätten. Trotz des geringen Zeitraumes gelang es dem galizischen Landescomite, bei verhältnismässig ganz geringer Agitation zu bewirken, dass mehr als die Hälfte der Cultusgemeinden Galiziens zionistische Delegierte auf den „Tag" entsandten. Wer aber erwartet hätte, dass die Zionisten am „Tage" selbst entsprechend ihrer Anzahl die Majorität hätten bilden sollen, der kennt eben nicht die . . . ein wenig zu weite Interpretation des Gemeindestatuts, wie sie sich Dr. Byk im Vollbewusstsein seiner Macht zu erlauben glaubte. Factisch hat nämlich die Lemberger Kahal-Clique den ganzen „Tag" majorisiert. Der geistreichen Deutung des Herrn Dr. Byk zufolge sei es im Gemeindestatute und Reglement schon vorgesehen, dass am Gemeindetage alle Mitglieder des Lemberger Cultusvorstandes — gegenwärtig 27 lebende — Sitz und Stimme haben dürfen. Zählt man noch dazu die paar „jüdischen" Abgeordneten des Landtages und Reichsrathes, die ebenfalls dem Statute gemäss gleichsam Virilstimmen haben, so begreift man schon, warum die „eigentliche Majorität" antizionistisch war. Nichtsdestoweniger aber sind die activen Theiinehmer des „Tages" nur Zionisten gewesen, während die anderen im wahren Sinne passiv waren. Natürlich waren die Bykianer darob sehr ergrimmt, und sowohl der Chef als auch seine Gefolgschaft machte grosse Anstrengungen, um die Bedeutung des zionistischen Einflusses zu schwächen. Und so hat am Nachmittag des ersten Verhandlungstages das aufgeregte „Naturell" des Dr. Schaff die wahre Gesinnung der Antizionisten offenbart Als nämlich gelegentlich einer Abstimmung der an dem Zustandekommen der „Lex Falkenhayn" activ betheiligte Vorsitzende den Zionisten Gewalt anthun wollte, und dieselben daher aufs energischeste dagegen protestierten, „entschlüpfte" dem Gehege der Schaf f sehen Zähne der Ausdruck: Er begreife eigentlich nicht, welches Recht sich die Zionisten, die sich ja nur zum „Tage" eingeschmuggelt haben, bei der Abstimmung anmassen.' Natürlich hat er bald darauf mit seinem echten Mannesmuthe alles zurückgenommen und eingestanden, er habe jene Worte in grosser Aufregung gesprochen. Auch ein zweiter Herr, die edle Seele eines Lemberger Predigers, fand es mit dem Berufe eines Seelsorgers vereinbar, die Rolle eines regelrechten Angebers zu übernehmen. Da nämlich ein junger Hitzkopf in einem Privatgespräche mit Sr. Ehrwürden die Gegner der . Zionisten Täuflinge benannte, hielt der heilige Gottesmann es für angemessen, diese Aeusserung dem „hohen Tage" sofort zu offenbaren und mit einigen Helfershelfern den jungen Mann aus dem Sitzungssaale förmlich hinauszuwerfen. Wenn auch die Aeusserung des jungen Hitzkopfes gewiss Tadel verdient, so sollte doch eine so illustre Gesellschaft nicht das Aussehen einer gemeinen Antisemiten- Versammlung annehmen. Zwar hatte der „Tag" noch einige andere Episoden, aber der Raum der „Welt" ist viel zu klein, ihrer noch mehrere zu erwähnen. Es möge daher nur noch in Kürze einiges aus den Verhandlungen und die gefassten Beschlüsse hier mitgetheilt werden. Im allgemeinen möge hervorgehoben werden, dass an allen Discussionen den regsten Antheil unsere Gesinnungsgenossen Dr. ßraude, R.abbiner L e w i n, Dr. Malz, A. S t a n d und Löbel Taubes nahmen. Im Namen der zionistischen Organisationen brachten sie echt national-jüdische Anträge ein und begründeten dieselben. Erwähnt mag nur werden der Antrag der Cultusgemeinden Rohatyn und Bursztyn: „Man möge dahin wirken, in Galizien, und zwar wenigstens in Lemberg, ein jüdisches Gymnasium zu errichten." Festgenagelt möge werden, wie die Assimilanten Doctor Byk und sein Adlatus Dr. G o 111 i e b die Notwendigkeit des Gemeindetages begründeten : Man müsse gegenwärtig einen Centraipunkt einer jüdischen Organisation, einen Kampfplatz für die leider jetzt so nöthigen Kämpfe schaffen. Aehnlich wie die Institution des m2nX "1371 müsse auch jetzt der „Gemeindetag" die Interessen des Gesammtjudenthums in Galizien vertreten. Wir sehen also, dass die Herren schon wenigstens ein gemeinsames Vorgehen der Juden in Galizien wünschen; vielleicht kommt noch die Zeit, wo sich ihr Gesichtskreis noch mehr erweitert!! Zu Punkt I der Tagesordnung: „Die ökonomische Nothlage der Juden in Galizien und-deren Abwehr" referierte Dr. Byk über folgende Anträge: