Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-05-11 · 19 (11.5.1900) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
19 (11.5.1900)
Article
Der "Israelit" von Mainz
Date
1900-05-11
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315871-3369145--19544-3369281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 2 „Die s£ Welt" Nr. 19 für die religiösen Interessen des Judenthums", nimmt den Mund voll mit frommen Sentenzen und schleicht sich dergestalt in die jüdische Familie ein. Die israelitischen Blättchen brauchen sich übrigens auf die schlaue Citatenlist nicht allzuviel einzubilden. Die Idee ist wenig originell. Jedes simple Mütterchen, das von Haus zu Haus milde Gaben sammeln geht, weiss, dass man ein Paternoster oder sonst einen frommen Spruch murmeln muss. wenn die Thüren sich williger öffnen sollen. Abonnementsbeträge reicht man williger, wenn der Heischende vor der Thür ein Vaterunser abhaspelt. In der Nähe der Kirchenstiegen ist für die Sammler solcher Spenden ein äusserst günstiger Platz. Der „Israelit" von Mainz und seine Collegen bringen auf jeder Seite zum mindesten ein halbes Dutzend religiöser Citate unter, womöglich mit hebräischen Lettern. Das ist ein frivoler Missbrauch der heiligen Schriften! Die Sprüche unserer Weisen haben wahrlich ein besseres Schicksal verdient denn das traurige Los, ein- bis zweimal wöchentlich von den „israelitischen" Heuchlern in den Mund genommen zu werden. Man sollte solch einem Burschen immer für seine Blasphemie ein paar Kräftige auf den Mund geben, wenn er sich unterfängt, zu seinen schmählichen Zwecken die Bibel zu citieren. Sonst ist der Wirkungskreis der „israelitischen" Blättchen ein sehr enger. Hie und da wird eine Tagesfrage vom denkbar beschränktesten Standpunkte aus betrachtet, zumeist aber widmen sie sich dem erbitterten Streite wider irgendeinen Antisemiten, der da behauptet hat, die rituelle Art des Schächtens wäre für das Schlachtvieh sehr schmerzhaft. Die „israelitischen" Blättchen betonen dann, dass sie für ihre Person im Gegentheile dem Schlachtvieh immerdar wohlwollend gegenüberstehen und dass das Geschlachtetwerden im Grunde genommen ganz angenehm sei. So wogt ott wochenlang ein grimmiger Federkrieg um das Sterbelager irgendeines Rindes. Damit ist das Wirken der „israelitischen" Blätter so ziemlich erschöpft. In der letzten Nummer hat nun der „Israelit" von Mainz das Rindvieh, das ihm sonst so nahelag, einigermassen vernachlässigt, und er tritt jetzt mit gleicher Mannhaftigkeit auf mehreren Spalten für einen Rabbiner Rabbinowitz in Poltawa ein. Dieser Rabbiner Rabbinowitz sucht nämlich von Poltawa aus den Zionismus zu vernichten, und der Mainzer „Israelit" bewegt sich als treuer Schildknappe hinter dem ehrwürdigen Herrn. Rabbi Rabbinowitz aus Poltawa! Wenn wir den Namen hören, so taucht immer lebhaft ein Bild vom zweiten Baseler Congresse vor uns auf: Ein Männchen in schönem, glänzend schwarzem Seidenkaftan. Der Kaftan sehr reinlich, nur in der Gegend des Brustlatzes einige kaum merkliche, leicht hingehauchte Reste einer dahingeflossenen Mahlzeit Die Bewegungen hüpfend, eine groteske Unruhe in dem ganzen Wesen. Wir haben uns öfter und mit aufrichtigem Vergnügen in seiner Nähe aufgehalten, wenn er in irgendeinem Wandelgange im Kreise skeptisch dreinschauender Lauscher einen kurzen Vortrag in gebrochenem Deutsch hielt. Was er da sprach, war blühender Unsinn. Die Verworrenheit der Ansichten wurde auch dadurch nicht gemildert, dass die Sätze mit grosser Energie und Bestimmtheit ausgesprochen wurden. Wir haben seine Hirtenbriefe, die er jetzt gegen den Zionismus veröffentlicht, nicht gelesen, aber sie mögen wohl von demselben Geiste durchweht sein, davon wir damals im Baseler Stadtcasino einen deutlichen Hauch verspürt haben. Damals haben wir uns gedacht: Ein komischer Kauz, scheint aber ein rechtschaffener Mensch zu sein. Wir haben unsere Meinung inzwischen geändert allerdings nicht hinsichtlich der Komik. Die kaum merklichen, zarten Flecken in der Brustgegend des nervösen Männchens sind jetzt deutlicher hervorgetreten und ein Abglanz findet sich im „Israelit" von Mainz. Gekränkter Ehrgeiz soll den Rabbiner Rabbinowitz dazu getrieben haben, ins Horn des Aufruhrs zu stossen. Es ist kein Pfafflein so klein, es möchte gern ein Päpstlein sein. Für uns ist die Episode Rabbinowitz insoferne von Interesse, als sie beweist, dass selbst der verworrenste Kopf noch immer tauglich ist fürs Ausklügeln protest-rabbinistischer Schachzüge. Wahrlich, wenig Intelligenz mag zur Verübung dieses Metiers nöthig sein. Im Mainzer „Israelit" veröffentlicht ein Anhänger des Poltavvaer Clerikers eine Kapuzinade gegen den Zionismus. Man wird uns nicht zumuthen, auf diese Faselei näher einzugehen, auch die Thatsache, dass sich der obscure Tintenklexer hinter ein feiges Pseudonym „E." verkriecht, kann uns nicht verleiten, das Zeug näher zu analysieren. Auch über die Person des Scriblers wollen wir nicht weiter nachgrübeln. Ein „E." lässt ja einen riesigen Spielraum für die Aufstellung von Hypothesen. Im übrigen: Auch wenn sich der Bursche voll unterschrieben hätte, seinem Namen wäre sicherlich in weitesten Kreisen vollste Anonymität gewahrt geblieben. Es wäre auf Eins herausgekommen. Was soll man zum Beispiel zur Logik des folgenden Hauptargumentes sagen: „Es liegen uns hier die Erklärungen vor von den Rabbinen: Elija Chajim Meisel in Lodz, David Friedmann in Karlin, Chajim Halewi Salazweig in tfrisk, Josef Rosin in Dwinsk, Elijahu Schelomo Spiro in Grodno und Scholem Dubno in Liubowitsch (?). In dem Augenblicke, in dem diese Männer den Zionismus als eine Gefahr für Judenheit und Judenthum erklärt haben, ist dieser Gefahr die Spitze abgebrochen." Also weil der Herr Rabbiner Scholem Dubno in „Liubowitsch (?)" und Consorten den Zionismus für eine Gefahr erklären, ist der Zionismus vernichtet. Mit dem Herrn „E." können wir nicht rechten, wenn einer solch ein lächerliches Geistesproduct niederschreibt, so ist das entweder eine Hohlköpfigkeit oder eine Lumperei. Zur Ehre des Herrn „E." wollen wir annehmen, dass er frei ist von jedweder Lumperei. Aber die Herren Redacteure des »Israelit" haben doch wohl soviel Urtheilskraft um den thörichten Stiefel auf den ersten Blick zu erkennen. IMe Herren Redacteure des „Israelit", denen offenbar kein Meyers Lexikon zur Verfügung steht, haben ja eigenhändig den Namen „Liubowitsch" mit einem Fragezeichen versehen, sie wollten damit sagen, dass ihnen ein Nest dieses Namens völlig unbekannt sei. Und doch lassen sie auf der nächsten Zeile ihren Mitarbeiter behaupten, dass das Votum des Bonzen im unbekannten Neste „Liubowitsch (?)" imstande sei, dem Zionismus das Lebenslicht auszublasen. Wir waren und sind der Meinung, dass die Redacteure des „Israelit" frei sind von jedweder Hohlköpfigkeit.-- Doch genug! Wir wollen den Leser nicht länger mit dem Anblicke dieser Herren, bei denen die fragwürdigen Fragezeichen eine so hervorragende Rolle spielen, behelligen. Wir haben es bis dato nach Kräften vermieden, die Thorheiten und Charakterlosigkeiten, die in solchen Blättern ihr Unwesen treiben, unter die Lupe zu nehmen. Aus Rücksicht. Das Resultat der Analyse kommt auch Nicht-Juden vor die Augen, und wozu die Gegner des Judenthums noch auf jüdische Flecken aufmerksam machen! Aber die Herrschaften von der Kategorie des „Israelit" könnten es dahinbringen, dass man einmal gründlich und andauernd in diese überreiche Fundgrube von Narretei und Schlechtigkeit hineinleuchtet. Erwin Rosenberger. Zur Geschichte der Blutbeschuldigung. Von F. H. Unsere „fortgeschrittene" Zeit gewöhnt sich nur allmählich wieder an die Anklage, dass die Juden zu ihrem Osterfeste Blut benöthigen. Freilich, es geschieht schon so manches, um dieser nie verstummten Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.