Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-05-11 · 19 (11.5.1900) · p. 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
19 (11.5.1900)
Article
Der "Israelit" von Mainz
Date
1900-05-11
Page
1 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315871-3369145--19543-3369280
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, DX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentbeil wird Dienstag abends geschlossen. i 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland . _ ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ___ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. _ Nr. 19. Wien, II. Mai 1900. 4. Jahrgang Der „Israelit" von Mainz. Weiss vielleicht jemand, wer der Mainzer „Israelit" ist? — Man kann mit einiger Gewissheit annehmen, dass der überwiegende Theil der Menschheit keine blasse Ahnung von der Existenz dieses „Israelit" hat. Nur einzelnen aufmerksamen Bürgern von Mainz, die etwa eben ein frugales Mahl — Käse oder Wurst — verzehrt haben, wird es möglicherweise aufgefallen sein, dass die genannten Genussmittel in einem sehr bescheidenen Zeitungsblättchen eingewickelt waren, welches verziert ist mit dem Titel: „Israelit". Der Umfang des Blättchens reicht gerade aus, um den Käsebedarf eines nicht allzu starken Essers nothdürftig zu umhüllen. Die Angaben über den Umfang und den gewöhnlichen Gebrauch eines Blättchens geben aber noch keine vollständig erschöpfende Kunde von dessen literarischer Richtung. Welchen Zwecken dient der Mainzer „Israelit" noch neben seinen Emballagezwecken? Der Mainzer .Israelit" ist „fromm"! Das ist sein Hauptberuf. Nicht etwa, dass er wahrhaft fromm und gläubig wäre — dagegen wäre nichts einzuwenden, nein, der „Israelit" von Mainz ist ein Frömmler. Er stellt sich, als würde er andachtsvoll die Lider gen Himmel aufschlagen, aber in Wirklichkeit verdreht er nur heuchlerisch die Augen, er verdreht seine Aeuglein, bis man das Weisse sieht, und dazu murmelt er salbungsvolle Sprüchlein. Aber ehe wir uns weiter mit diesem wenig anziehenden Gegenstande befassen, eine kleine Aufklärung, eine- Entschuldigung! Warum behelligen wir den Leser mit einer Schilderung des »Israelit" von Mainz? Wozu machen wir ihn mit diesem „Israelit" bekannt, dessen Eigenschaften doch keineswegs darnach angethan sind, eiue solche Bekanntschaft wünschenswert erscheinen zu lassen. Wenn ich im .Privatleben einem Freunde irgendeinen schäbigen Gesellen vorstelle, so wird mir mein Freund wenig Dank dafür wissen; ja, er wird mein Vorgehen vielleicht gar als Beleidigung auffassen. Es gibt aber gleichwohl Verhältnisse, die einen dazu zwingen, solch einen schäbigen Patron beim Schöpfe zu nehmen und vorzustellen: „Herr Soundso aus Soundso." In eine derartige Zwangslage wird man beispielsweise versetzt, wenn der genannte Patron das Handwerk der Verleumdung betreibt. Er trottet zum Beispiel von Haus zu Haus und verbreitet mit einer unverschämten Frechheit, die einem ungeheucheltes Staunen abringt, die infamsten Lügen über Deine Person- Und die Leute, die sich den Lügenbold nicht näher besehen, glauben wohl das eine oder das andere Wort. Da ist es denn das klügste, man überwindet möglichst den Ekel, den einem der Kumpan einflösst, man fasst ihn mit gelinder Scheu an und zeigt ihn bei Tageslicht dem Publicum: Seht, so schaut das Bürschchen eigentlich aus!j Seilt, wie er scheinheilige Grimassen schneidet und die Augen verdreht! — Nachher kann man sich ja die Hände waschen. Also dieser „Israelit* aus Mainz ist ein jüdisch-clericales Blättchen. Es gibt in Deutschland und anderwärts Familien, in deren Häuser der „Israelit" zweimal wöchentlich hineintrottet und mancherlei erzählt. Er ist der Typus tüf eine ganze Reihe ähnlich beschäftigter jüdischer Blättchen. Für gewöhnlich sind diese Blätter in sehr zahmem Tone gehalten, der Kampf (wenn man von dem erfolglosen Kampfe mit den Schwierigkeiten der deutschen Sprache absieht) liegt ihnen ziemlich ferne. Sie befleissen sich einer milden, predigerhatten Ausdrucksweise und würzen ihre Artikel reichlich mit theologischen Citaten. Das Citieren an sich wäre sicherlich kein Fehler, es ist nur ein Zeichen fluten Geschmackes, wenn man die poesiereichen und sinnigen Sprüche unserer Bibel heranzieht, der Bibel, zu der wir ja alle bewundernd, wie zu einem gigantisch-schönen Bauwerke, aufblicken. Aber in der Spruchbeflissenheit dieser Blättchen merkt man eine unlautere Nebenabsicht und wird recht verstimmt. Sie stecken eine fromme Miene auf, um sich ein Plätzchen auf dem Lesetische jüdischer Familien, die etwas auf Gläubigkeit halten, zu erschwindeln. Die eigenen armseligen Geisteserzeugnisse, die in der Redaction sstube zusammengebraut werden, die selbständigen Leistungen «ler „israelitischen" Blättchen, wären schwerlich imstande» sich den Eintritt in ein jüdisches Haus, wo man auf anständiges und angenehmes Wesen der Besucher und Gäste achtet, zu verschaffen. In der richtigen Erkenntnis dieses Umstandes greifen die Blättchen zu einer sehr durchsichtigen List; sie calculieren : „Bibelsprüche sind auf dem Lese* tische gläubiger Familen gerne gesehen; wir füllen also unser halbes Blatt mit Citaten aus heiligen Schriften, der Leser wird mit freundlichen Blicken auf diesen Citaten verweilen und das Auge nachsichtig ob dem Unsinn, den wir selbst in unserer Redactionsstube erzeugen, zudrücken." — Gesagt, gethan. Das Blatt bezeichnet sich als „Organ

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.