Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Article
- Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter
- Date
- 1900-05-04
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18 „Die $l Welt" Seite 5 hiervon unter Juden findet, enstammt ursprünglich der nichtjüdischen Umgebung und wird daher von unseren Weisen als heidnische Sitte bezeichnet. Aber mancher Aberglaube verbirgt sich unter einer jüdischen Hülle und erhält so den Anstrich des Autochthonen. Diesem reisst Berliner unerbittlich die Maske herunter und zeigt, dass die Flagge Contrebande deckt. S. Die Religion im Golus. Von Max Kleinberg. Zu den zahlreichen Geschichtslügen, die durch eine schiefe, ideologische Geschichtsauffassung hervorgebracht, durch gedankenloses Nachplaudern zu Gemeinplätzen geworden sind, gehört auch die Behauptung, das Judenthum sei während der Bedrückungen zweier Jahrtausende nur durch seine Religion erhalten worden. Auf den ersten Blick sieht ja diese Behauptung recht plausibel aus: das jüdische Volk ist trotz seiner Zerstreuung über die ganze civilisierte Welt am Leben geblieben; auch seine Religion ist erhalten. Was ist natürlicher und berückender, als der Gedanke, die Gottesidee habe das Volksthum der Juden während des Golus getragen und bewahrt. Betrachten wir aber die thatsächliche Entwicklung, da sehen wir, dass das Verhältnis gerade das umgekehrte war: die Religion war das Erhaltene, das Erhaltende das Volksthum. Nun bleibt aber die Frage offen, was denn das jüdische Volksthum im Golus aufrecht erhalten hat. Es ist doch eine seltsame Erscheinung, ein wunderbares Ereignis, dass ein Volk, dem der natürliche Boden nationaler Bethätigung, dem sein Land geraubt wird, durch Jahrhunderte seine Eigenart, seine Lebenskraft bewahrt. Und doch! Der unglückliche Bergsteiger stürzt von jähem Felsgrat ab, und im Falle verfängt er sich in einer Schlinge. Sie presst seine Glieder zusammen, doch, indem sie ihn zu ersticken droht, ist sie die einzige Rettungn von dem augenblicklichen Tode, die einzige Hoffnung auf völlige Rettung. Und solch eine Schlinge hat auch das jüdische Volk vor dem Todessturze bewahrt. Mochte das jüdische Volk auch seiner territorialen Grundlage beraubt worden sein, eine gleichmässige Behandlung seitens der anderen Völker, hat die zerstreuten Glieder Judas zusammengehalten durch ihren athemraubenden Druck. Bei den meisten Völkern finden wir einen ursprünglichen Zustand, in welchem das gesammte Rechtsleben, sämmtliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Einrichtungen nur auf die Volksgenossen zugeschnitten sind. Der Fremde ist vollkommen rechtlos und schutzlos. Dieser Zustand mildert sich mit der Zeit, auch das Recht des Fremden wird allmählich berücksichtigt. Doch selbst heute noch machen sich zahlreiche factische und rechtliche Beschränkungen der Fremden geltend. Zu jener Zeit nun, da die Juden unter die Völker zerstreut wurden, waren sie fast überall von dem nationalen Rechte ausgeschlossen. Im römischen Reiche war nur der römische Bürger des römischen Rechtes fähig, für die Nichtrömer bestand ein eigenes Fremdenrecht Doch bezog sich auch dieses nur auf die privaten Rechtsverhältnisse, politisch war der Fremde, und mithin auch der Jude, rechtlos. Weit bedeutsamer ist aber für das jüdische Volk die Rechtsauffassung der Germanen, denn diese war für die Geschicke Judas im Mittelalter entscheidend in den Gebieten von der Weichsel bis Iberien, von der Nordsee bis Sicilien. Da galten nun die Fremden als völlig rechtlos : ihreTödtung blieb straflos, ihr Eigenthum wurde nicht anerkannt, die Gerichte hörten sie nicht als Kläger, nicht als Beklagte, ja nicht einmal als Zeugen. Was war nun in dieser Zeit das Kriterium der Volksgenossenschaft? Nichts anderes, als die Stammesangehörigkeit, die Rasse. Die Juden *galten also überall als Fremdlinge und mochten sie seit Generationen an dem betreffenden Orte ansässig sein. Ihre Lage war aber noch weit schlimmer, als die der anderen Fremden, denn sie hatten auch den Hass der neubekehrten Christen zu tragen, die in ihnen die Mörder des Gottessohnes sahen. Diese Situation der Juden machten sich nun die Könige zunutze. Sie nahmen nämlich die Juden gegen eine hohe Abgabe an die königliche Kammer in ihren besonderen Königsschutz. Daraus erwuchsen den Juden gewisse rechtliche Vortheile. Sie durften nach mosaischem Rechte leben, ja selbst für die Geschäfte zwischen Juden und Christen galt das jüdische Recht. Die andere Seite des Königsschutzes aber war das Ghetto und der gelbe Fleck. Der Jude, der die Ghettomauern verliess, war ein Kind des Todes. Dass übrigens dieser Königsschutz trotz der schrecklichen Lasten und Demüthigungen, die er den Juden auferlegte, kein ausreichender war, bezeugt zur Genüge die Geschichte der Judenverfolgungen. Diese geschilderte Rechtslage der Juden war es, die eine Assimilation an die Wirtsvölker verhinderte. Es ist nun kein seltener Fall in der Geschichte, dass ein Volk in ein ähnliches Unterordnungsverhältnis zu einem anderen trat Zu wiederholtenmalen haben erobernde Völker die früheren Bewohner des Landes jeder öffentlichen und privaten Berechtigung beraubt, sie gesellschaftlich und wirtschaftlich zu einer niedrigen Stufe herabgedrückt Da war aber die überwindende Nation gewöhnlich auch die culturell höherstehende, auf dem überwundenen Volke lastete ausser der Rechts- und Schutzlosigkeit eine thatsächliche Inferiorität; der Abstand vergrösserte sich immer mehr, da sich das herrschende Volk weiter ent wickelte, während dem beherrschten jede Möglichkeit eine Bethätigung benommen war; auf diese Weise entstand eine demoralisierte und degenerierte Menschenmasse, ein Helotenvolk, eine Kaste der Parias. Anders war es bei den Juden. Denn da waren sie, die Bedrückten, ein hochentwickeltes Culturvolk mit einer durch eine ideale Sittenlehre und] eine erhabene Philosophie getragenen Religion, die Bedrücker aber waren ein Naturvolk, eben erst in die Weltgeschichte eingetreten, eben erst im Begriffe, eine neue Cuitur zu gründen, eine Cultur, die ihre wichtigsten Grundlagen eben in jener mosaischen Sittenlehre finden sollte. Da war ein Volk von Denkern zusammengepfercht in enge Gassen, ohne Luft, ohne Licht. Der Horizont war durch die Ghettomauer begrenzt, das Judenthum war abgesperrt von allen den Strömunggn, die die werdende Zeit erregte, keine neuen Thatsachen, keine neuen Ideen boten sich dar, um neue Geistesthaten zu vollbringen, jede Möglichkeit, die natürlichen Kräfte zu gesundem Schaffen in die Breite zu nützen,' mangelte, was blieb da übrig, als die überschüssige Kraft auf das schon Vorhandene zu verwenden, dieses zu vertiefen, bis in die geringsten Einzelheiten auszuarbeiten und auszugestalten. So concentrierte sich die ganze nationale Bethätigung dieses Volkes, das sich nicht ausleben konnte, weil ihm die Bewegungsfreiheit fehlte, das nicht sterben konnte, weil der Tod es floh, auf die Geistesschätze, die es von seinen Vätern ererbt, auf seine Religion. Der ständigen Beschäftigung mit diesen erhabenen Gedanken allein ist es zuzuschreiben, dass die gewaltigen äusseren Einflüsse nicht jeden moralischen Halt dieses lebendig eingemauerten Volkes zerstörten, nur ihrer Religion haben die Juden es zu danken, dass dem Ghetto nicht ein semitisches Zigeunerthum entwachsen ist. Denn als die Culturmenschheit in den gewaltigen Geburtswehen der Re-