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Die Welt · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
18 (4.5.1900)
Article
Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter
Date
1900-05-04
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 ,Die s£ Welt" Nr. 18 Wer will uns weren ein frölichen mut, weil uns solches das glück nit nemen tut V schöne Jungfrau, schöne Jungfrau, nemt also vürgut. Und wie widerhallte es bei der Feier der Feste, die mit dem eigentlichen Religionsleben in engster Verbindung stehen, von lauter, ungebundener Freude! Man hielt sich an den Ausspruch Rabbi Jehudas des Frommen: „Halte Dich von den Extremen ferne, sage nicht, ich will kein Fleisch essen, keinen Wein trinken, keine schöne Wohnung haben, keine anständige Kleidung anlegen, ich will mich vielmehr wie christliche Mönche mit härenem Gewände umgeben — denn dies wäre ebenfalls ein sündhafter Weg, da Du Dir nur zu versagen hast, was die Schrift zu gemessen verbietet." Ein classischer Beleg für die Lebens¬ und Genussfreudigkeit der Juden ist die nachstehende Schilderung des Chionisten AnseLnus de Parengar im 15. Jahrhundert, die er uns von der Wohnung des Hochmeisters Samuel Belasser zu Regensburg hinterlassen hat: „Das Haus, von aussen ein schwarzgrauer, moosiger, in Untermischung mit kleinen und grossen dicht verstabten Fenstern versehener anwidernder Steinhaufe, kaum wohnlich scheinend, hatte einen mehr denn 80 Fuss langen, am Sabbate nur sparsam erleuchteten Gang, der zu einer dunkeln, halbverfallenen Wendeltreppe führte, von der man, rabenschwarzer Nacht wegen, an den Wänden bis zum Hintergebäude sich fortschleppen musste. Eine wohlverwahrte Pforte that sich auf und man trat in ein mit Blumen freundlich geschmücktes, an Glanz, Wert und Herrlichkeit reiches Gemach. Dieses, an den Wänden mit fein poliertem Holze getäfelt und geziert mit bunten, wellenförmig verschlungenen Vorhängen und künstlichem Schnitzwerke, war des Hofmeisters Haustempel, worin das Sabbatfest begangen wurde unter dem Wechsel religiöser Handlungen mit lieblichen Genüssen. Ein wertvoller, buntbilderreicher Teppich bedeckte den blank gescheuerten Boden, eine brennend rothe, feinwollige Decke den runden, auf vergoldeten Füssen ruhenden Tisch, und über ihnen schwebte, an glänzender Metallkette befestigt, der achtarmige Leuchter; blinkend wie aus dem Gusse und aus acht Lampen einen Lichtstrom ausströmend. Den Festmahlstisch, geschmückt mit silbernen Bechern von schwerem Gewichte und von Meisterhand gefertigt, umstanden Stühle von hohen, goldverzierten Lehnen und Polstern von geschorenem Sammte. In einer Nische lud das massiv silberne Waschbecken mit dem reichvergoldeten Hahne zu den satzungsmässigen Handwaschungen ein, und die feinsten Linnen, seidendurchwebt, von hohem Preise, trockneten die gereinigten Hände. Ein meisterhaft eingelegter Eichentisch, von Blumengewinden umgürtet, mit den Fest-speLsen ua dem glänzenden Weinkruge besetzt, ein Ruhebett in orientalischem Geschmacke mit schwellenden Seideupolstern und ein Silberschrank, gefüllt mit Kleinodien, Goldketten und Spangen, vergoldeten und silbernen Gefässen und seltenen, hochgiltigen Alterthümern waren der reiche Rahmen, der dieses Gebilde des Glanzes, der Pracht und Herrlichkeit des hochmeisterlichen Haustempels würdig umschloss." Gründlich widerlegt wird das Vorurtheil, dass alle Juden im Mittelalter reiche Geldwucherer waren. Die Juden waren nicht selten Schuldner der Christen, und eine Vergleichung der jüdischen Wucherer mit den christlichen stellt jene immer in eine günstigere Beleuchtung. Nichtjüdische Autoritäten reden übrigens selbt den Juden das Wort. Hülmann berichtet, dass im Jahre 1344 Bürger in Lindau am Bodensee den Wucher bis auf 216*/, Percent getrieben haben. Die Bevölkerung sei daher froh gewesen, sie habe förmlich aufgeathmet, als sich ein jüdischer Wechsler niederliess, der jene Christen beschämte und sich mit geringeren Zinsen begnügte. Und zu dem Beispiele von Lindau mögen genug Seitenstücke vorgekommen sein. Ein anderer christlicher Forscher weist darauf hin, dass die Juden als Förderer des persönlichen Credits überall dort, wo der Geldverkehr durch äussere Störungen unterbrochen war, ein unentbehrliches Bindeglied bildeten. Sie allein hielten in Deutschland während der Zeit des eigentlichen Mittelalters den Gebrauch der Conventionalzinsen ohne Verdeckung aufrecht. Ihr Geldhandel war nachgerade ein Segen, denn er war ein Vorläufer und Anbahner des zinsbaren Darlehens. — W^o das Gesetz nicht beschränkend gegen die Juden aufgetreten war, finden wir sie auch als Grundeigenthümer, als Gastwirte, Mühlen- und Weinbergsbesitzer. Sie scheuten aber auch vor dem Handwerk nicht zurück. Sie betrieben es, so lange man überhaupt ihnen einen Boden für solche Thätigkeit nur gewährte. Dies war nicht immer der Fall; der Zunftzopf des Mittelalters liess selten zu, dass die Juden auch ausserhalb des Ghettos ihre Wrirksamkeit entfalteten. Dass sie ihr Handwerk verstanden, durch Geschicklichkeit und Vertrauen sich einen grösseren Kundenkreis erwarben und dadurch den Neid der christlichen Innung sich zuzogen, erhellt unter anderem daraus, dass Friedrich der Schöne 1316 den Juden in Wiener- Neustadt das Schneiderhandwerk bei Confiscation und Verfall der Kleider in die landesfürstliche Kammer verbot Als eine besondere Gnade wurde es angesehen, dass man den Juden in Fürth erlaubte, zwei oder drei jüdische Schneider für die Judenschaft zu halten, die aber beileibe sich nicht unterstehen durften, für Christen etwas zu arbeiten, so wenig als ihr Barbier oder Musikant die Christen bedienen durfte. Wurden die Juden aber auch nicht zum Betriebe eines Handwerkes für eine christliche Kundschaft zugelassen, so waren sie doch immerhin innerhalb des Judenviertels in den verschiedensten Handwerken thätig. Waren die Juden doch schon durch verschiedene religiöse Vorschriften darauf hingewiesen, Schneider und Bäcker in ihrer Mitte selbst zu haben. Wir finden aber auch unter den Juden des Mittelalters Maurer, Gerber, Schmiede, Buchbinder, Bildhauer, Schwertfeger, Münzarbeiter u. s. w. Die deutschen Juden standen den allgemeinen Culturbestrebungen nicht theilnahmslos gegenüber, wenn sie auch an ihre Glaubensgenossen in anderen Ländern nicht heranreichten. So gehört der Blütezeit der deutschen Minnesänger Süskind von Trimberg an, dessen dichterische Productionen von grosser Begabung, seltener Sprachgewandtheit und hoher Gemüthsinnigkeit zeugen. Auch aus der späteren Zeit ist uns ein Sänger, Wolf lein von Lochamen» bekannt, dessen Liederbuch noch erhalten ist. Wolfram von Eschenbachs berühmtes Gedicht Parzival, welches 13G6 durch eine Uebertragung aus dem Welschen ergänzt wurde, verdankt diese Erweiterung einem Juden, namens Samson Piene. Verschiedene handschriftlich vorhandene Sammlungen von Volks- und Geseüschaftsliedern in deutscher Sprache mit jüdischer Schrift erweisen den regen Antheil, den auch die Juden seit dem 15. Jahrhundert an der Pflege des deutschen Liedes genommen haben. Der Verfasser des eingangs erwähnten Buches bemerkt bei dieser Gelegenheit, dass viele dieser Lieder, hebräische wie deutsche, nach ganz fremden Weisen, die mit dem Inhalte oft nicht im geringsten harmonieren, gesungen wurden, wie aus den Ueberschriften hervorgeht. ,Bei der in der Gegenwart oft ventilierten Frage, ob unsere synagogalen Melodien überall Originale bilden oder nicht, wird man bei der Verneinung vorzüglich auf die Art und Weise, wie solche fremde Melodien zur Anwendung und Verbreitung gelangten, sich berufen können." Besondere Berücksichtigung verdient auch das Capitel über den Aberglauben. Der Verfasser behauptet ganz richtig dass es keinen jüdischen, d. h. keinen auf jüdischem Grund und Boden entstandenen Aberglauben gibt. Was sich

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