Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 18 (4.5.1900)
- Article
- Zionistische Gedankensplitter
- Date
- 1900-05-04
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die j& Welt" Nr. 18 und an der österreichischen Grenze innerhalb einer Entfernung von 40 Wjerst (etwa 6 Meilen) von einer besonderen ministeriellen Erlaubnis abhängig macht. Wo sollen sie nun hin, die vielen Juden, die gerade auf diesem Räume ansässig sind? Fürwahr, die armen russischen Juden leben nicht in dulci jubilo, und dass sie von den übrigen Grenzbewohnern durch eine specielle Veranlagung zum Schmuggel unterschieden wären, ist schwerlich zu erweisen. Aber das thut nichts, jetzt müssen sie ihre Hütten abbrechen, zum Wanderstabe greifen, und wohin sie kommen, um sich eine Schlafstätte zu gründen, dort empfängt man sie wie lästige Bettler, die sie ja leider auch sind. Und da ^ibt es noch anderwärts so viele äusserlich besser situierte Juden, die nicht begreifen, warum und wozu der Jude nach einer Heimat lechzt! Warum und' wozu? Mein Gott, es ist doch selbst für eine jüdische Mazzesbäckerei in Russisch-Polen ungemüthlich, dem Mitleid der Berliner Kreuzzeitung ausgesetzt zu sein, geschweige für einen Juden in Könitz, befürchten zu müssen, dass ein Denunciant, um die von der preussischen Regierung als Entdeckerlohn ausgesetzten 20.000 Mark einzustreichen, ihn als „Ritualmörder" der Behörde anzeigt Der kluge Talleyrand — oder vielleicht wars auch ein anderer gescheiter Franzose — sagte, wenn er denunciert würde, die Thürme von Notredame gestohlen zu haben, so würde er seine Koffer packen und Frankreich verlassen. Wh spinnen diesen Ideengang nicht weiter, wir versagen es uns sogar, auf die Ungemüthlichkeit des Zustandes anzuspielen, in welchem sich jüdische Eltern in Galizien befinden, seitdem der Fall Asien sich zugetragen hat Es ist schliesslich ein magerer Trost, wenn jetzt im Pariser „Temps" der Pater Mortara sich in einem Briefe vernehmen lässt, worin er die Lüge widerlegt als wäre seine Mutter vor ihrem Tode zum Katholicismus übergetreten, dagegen versichert, er hätte stets mit seinen Eltern und Geschwistern in herzlichstem Einvernehmen gelebt Dieser Pater Mortara war einst der berühmte kleine Mortara, dem es ergieng, wie der kleinen Michalina Araten in Krakau. Jetzt erinnert er — man darf sagen ä propos — an die Unwandelbarkeit des Geschickes, das den Juden seit Jahrhunderten beschieden ist- An diesem Geschicke hat weder die Ausbreitung der Humanität, noch alles Ergebnis fortschreitender Gultur und Wissenschaft etwas geändert Zwischen dem Falle Mortara und dem Falle Araten liegen fünfzig Jahre der erstaunlichsten Erfindungen und Entdeckungen.; ist in diesen fünfzig Jahren das Menschenrecht der Juden gesicherter geworden? Wenn einer darauf mit Ja antwortet, so hüte er sich, dass ihm nicht die Lessing'sche Frage entgegenhallt: Wer lacht da? Der rechtschaffene Zionist darf nicht davor zurückschrecken, sich immer und immer wieder an den Demüthigungen und an den Drangsalen zu stählen, die sich jeden Tag erneuern. Und dass sie sich jeden Tag erneuern, zeigt die traurige Lese eines einzigen Monates, die wir in diesen Zeilen gesammelt haben. Wer von ihr nicht ergriffen wird, für den ist die Beredtsamkeit der Thatsachon nicht vorhanden, für die gerade wir Juden ein geschärftes Gehör haben sollten. Die Macht des Vorurtheils. Gegen judenfeindliches Vorurtheil waren selbst die grössten Männer der Wissenschaft nicht gefeit. So schrieb kein Geringerer als Immanuel Kant im Jahre 1794: ,Was z. B, ein Salomon Maimon mit seiner Nachbesserung der kritischen Philosophie" — „dergleichen die Juden gerne versichern, um sich auf fremde Kosten ein Ansehen von Wichtigkeit zu geben —" Kant findet ferner in der „Anthropologie"*), dass die Juden eine Nation von Betrügern sind. Es erscheint ihm zwar befremdlich, sich ein Volk von Gaunern zu denken; er beruhigt indes sein kritisches Gewissen damit, dass dies durch alte Satzungen sanetioniert und von den Christen selbst anerkannt wird, die ja gewisse heilige Bücher mit ihnen gemein haben. Zur Kennzeichnung der Leichtfertigkeit welcher sich der Reformator der Philosophie und der lebendig befruchtende Quell für die gesammte höhere Gedankenwelt unseres Jahrhunderts überhaupt gegenüber den Juden befleissigt hat, sei erwähnt dass er in seiner „Religion innerhalb der Grenzen der Vernunft"**) die Aeusserung fallen lässt: „Bei ihren Wanderungen, wo den Juden die Geschicklichkeit ihre alten Documente zu lesen, und daher die Lust, sie zu besitzen, vielfältig erloschen sein mag, konnten sie dieselben, wenn sie nur die Erinnerung übrig behielten, dass sie deren ehedem einmal gehabt hätten, bei den von ihnen ausgegangenen Christen immer wieder auffinden." Dieser Aeusserung steht die Thatsache gegenüber, dass der Kirchenvater Hieronymus, welcher in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts lebte, als er den Christen eine zuverlässige Uebersetzung des Alten Testaments geben wollte, sich an die Juden wenden musste, weil sie allein das Original in reinem Texte und gutem Verständnisse bewahrt hatten, und dass auch die Väter der Reformation Schüler der Juden waren. Es erscheint nun seltsam, dass diese Christen, welche obendrein Kirchen- und Reformationsväter waren, auf den Besitz der alten Documente eines Volkes von Betrügern so viel Gewicht legten. Das Befremden wird freilich völlig schwinden, wenn man sich in das Buch, welches das Buch der Weltliteratur par excellence ist, in die Bibel gründlich vertieft und sich nicht dem Wahne hingibt man kenne dieses gottinnige Buch, weil man als Kind biblische Geschichte erzählen hörte. Und wie soll man es sich zurechtlegen, dass Kant den ausgezeichneten Arzt Marcus Herz einmal in einem Briefe „Auserlesener und unschätzbarer Freund1* anredete? Wollte er vielleicht dadurch, dass er den von einem Saulus zu einem Paulus, von einem Gegner zu einem Verehrer gewordenen Juden ins Herz sehloss, bekunden, dass die Ausnahme die Regel bestätigt? Und wie vereinigen sich jene schmählichen Grundsätze mit dem glänzenden Zeugnisse, das er dem Judenthum in dem Briefe ausstellte, den er an Moses Mendelssohn bald nach dem Erscheinen des „Jerusalem" richtete? Schrieb er ihm doch unter anderem: „Ich halte dieses Buch für die Verkündigung einer grossen, obzwar langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissenhaftigkeit zu vereinigen gewusst, die man ihr gar nicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann." * Trotz der Feindseligkeit Kants gegen die Juden hat seine Philosophie, was ihr sehr übel genommen wurde, merkwürdigerweise gerade unter den kaum aus dem Judendeutsch Entsprungenen ihre eifrigsten Anhänger gefunden, und sie hat sich bis in die Mitte unseres Jahrhunderts unter den gebildeten jüdischen *) Vgl. Kants Werke in der Ausgabe von Rosenkranz, VIT., S.. 112. . **) X., S. 165.