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Die Welt · 1900-05-04 · 18 (4.5.1900) · p. 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
18 (4.5.1900)
Article
Zionistische Gedankensplitter
Date
1900-05-04
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Wenn man aufmerksam umherschaut, tagaus und tagein, und nicht bloss die Ereignisse überblickt, sondern auch auf die Stimmen horcht, die sich vernehmen lassen, so macht man eine merkwürdige Erfahrung. Es vergehen niemals vierundzwanzig Stunden, ohne dass man etwas „Jüdisches" zu verzeichnen hat. Das heisst: etwas, das die Juden angeht, und das ist, wie jetzt die Zeiten beschaffen sind, fast niemals etwas Gutes. Nulla dies sine linea. Citieren wir einiges aus der Chronik der allerletzten Tage! Die Berliner „Kreuzzeitung" vergiesst Thränen über das harte Geschick der Mazzesbäckerinnen in Russisch-Polen. Diese unglücklichen Jüdinnen, denen das Berliner Junkerblatt so viel menschliche Theilnahme widmet, müssen angeblich zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden des Tages um einen unglaublich geringen Lohn arbeiten. Was geht daraus für die Kreuzzeitung hervor? Dass man ihnen helfen, ihre Arbeitszeit herabsetzen muss? O nein, so seltsam widerspricht sich Carlos nicht. Die armen Mazzesbäckerinnen sind nur ein sentimentaler Vorwand, um die russische Regierung darauf aufmerksam zu machen, dass es in Warschau einen geheimen jüdischen Socialistenbund gibt, aus dessen geheimer Druckerei Aufrufe zugunsten der Mazzesbäckerinnen ausgehen. Und was ein solcher freundnachbarlicher Wink an die russischen Behörden zu bedeuten hat, ist leicht zu begreifen. Jüdische Socialisten, zu einem Geheimbunde vereinigt! Man spürt ordentlich, wie es dem General-Gouverneur von Warschau bei dieser Vorstellung kalt über den Rücken läuft — notabene, wenn es erst des Winkes der Kreuzzeitung bedurft hat, um in den Mazzesbäckereien die Spuren des grauslichen Geheimbundes zu entdecken. Am Ende reichen die Fäden dieses Bundes — es ist nicht gar weit nach Kilometern gerechnet — von Warschau nach dem westpreussischen Städtchen Könitz hinüber, wo sich ein „Ritualmord M begeben hat, der die ganze Gegend in Aufruhr versetzt. Westpreussen hat wieder einmal sein Polna. Wieder einmal, denn es ist noch nicht lange her, da war man in einem Nachbarstädtchen von Könitz, in Tuchel, einem „Ritualmorde" auf der Spur.Und Westpreussen hat einen wahrhaft gebildeten und aufgeklärten Mann zum Oberpräsidenten, der noch dazu mit einem weit über Dilettantenmass hinausgehenden Eifer naturwissenschaftliche Studien betreibt. Es ist Herr v. Gossler, der frühere Cultusminister. An ein Miasma, das zwischen Westpreussen und Böhmen hin- und herwandert, glaubt dieser Oberpräsident gewiss nicht, aber vielleicht an eine Art Ambition, welche die Leute in Könitz nicht schlafen lässt, weil die Leute in Polna um einen „Ritualmord" voraus sind. Da ist man in Berlin natürlich viel gebildeter, obgleich der Schnellzug nur wenige Stunden braucht, um die Strecke von Berlin nach Könitz zurückzulegen. Dort ereifert sich das Antisemiten-Organ nur über die .Verjudung von Kunst und Wissenschafttt, weil in die Sachverständigen - Commission bei den kömglichen Museen für den Zeitraum von 1900—1903 ein Jude, namens James Simon, berufen worden ist Dieser Jude, der obendrein bloss ein Kaufmann ist, gilt als ein ausserordentlicher Bilderkenner und ist nebstbei auch ein hochgeachteter Bürger, womit sich ja allenfalls hinlänglich erklärt, dass er mittelst eines kaiserlichen, vom Cultusminister Studt gezeichneten Erlasses in die Sachverständigen-Commission für die Gemäldegallerie der königlichen Museen in Berlin berufen wurde. Aber diese Erklärung, die allen genügen kann, ist für die brave antisemitische ..Staatsbürgerzeitimg'' nicht vorhanden. Wenn einer ein Jude ist, so nützt keine Erklärung, kein kaiserlicher Erlass und kein ministerieller Namenszug. „Der Jude wird verbrannt." Oder, was unter anderem Himmelsstriche dasselbe ist, ausgetrieben. Unter anderein Himmelsstriche — sagen wir des Beispiels und der Deutlichkeit halber in Russland. Dort hat man plötzlich herausgefunden, dass an der deutschen und an der österreichischen Grenze der Schmuggel zu grosser Blüte gelangt ist, was man in Wahrheit doch schon seit unvordenklichen Zeiten hätte wahrnehmen können. Und da es in solchen Fällen immer eines Sündenbockes bedarf, so kamen, wie es sich fast von selbst versteht, die Juden zum Handkusse. Sie und nur sie allein sind die Schmuggler. So ergieng denn neulich ein Edict des Ministeriums des Innern, welches den Aufenthalt von Juden an der deutschen

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