Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Article
- Die Lage der Juden in Rumänien
- Date
- 1900-04-27
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Soib> * „Die Welt" Nr. 17 Stellung in dieser Frage nehmen. Das Central-Conrite erliess in dieser Angelegenheit ein Circular des Inhaltes, dass die Einberufung: jetzt nicht opportun sei, da früher die Beschlüsse des Wiener Actions-Comites eingeholt werden müssen. Jedenfalls wird aber etwas in dieser Frage geschehen müssen, denn die Noth ist gross und die Auswanderung niclit aufzuhalten. Ich schliesse mit dem Worte des Psalmistcn: „O dass doch von Z i o n die Hilfe Israels käme!" Die Juden und die Cagoten. (Schluss.) Der Hauptgrund der Isolierung der Cagoten war das viel verbreitete Märchen, welches sie sammt und sonders als Leprakranke hinstellte. In einem Documente heisst es, dass die Chirurgen des Königs von Navarra im Jahre 1600 folgendes Experiment anstellten: Sie Hessen 22 Cagoten beider Geschlechter zur Ader, um in dem Blute jenes Salz zu finden, welches den Cagoten die unnatürliche Wärme verschaffe: es zeigte sich aber dabei, dass das Cagotenblut in keiner Beziehung vom Blute sonstiger Leute abweiche. Ferner erzählt der berühmte Arzt des XVI. Jahrhunderts, Ambroise Pare: .Ich hatte Gelegenheit, zu sehen, wie einer von ihnen (von den Cagoten) eine Stunde lang einen frischen Apfel in der Hand hielt; darauf schrumpfte der Apfel zusammen, wie wenn er unter den Sonnenstrahlen volle acht Tage gelegen hätte." Man liess die Cagoten nicht barfuss durch die Gassen gehen, weil man die Ansteckung fürchtete. In einem alten Liede, welches Rochas*) anführt, wird von einem jungen Manne erzählt, welcher in eine junge Cagotin verliebt ist. Trotz aller Mahnungen und Drohungen der Eltern heiratet er sie, und am nächsten Tage .. . kommt er eilenden Laufes nachhause, bedeckt mit Krusten, entstellt von der Lepra. Die Eltern verfluchen ihn, alle Bekannten wenden sich von ihm ab und nennen ihn einen Cagoten. Schliesslich muss er die Cagoten um Obdach bitten. Er wurde Cagot, Gottes Fluch fiel auf ihn. Auch über mysteriöse Krankheiten der Juden findet man eine Menge von Nachrichten bei den mittelalterlichen Geschichtsschreibern. Die Juden wären nicht nurmit der Lepra, sondern auch mit einer Reihe besonderer Judenkrankheiten behaftet. An ihrem Leibe fänden sich eigenthümliehe Wunden, als Sühne für die Wunden Christi: sie hätten ferner Schweinszähne, Schweinsohren u. dgl. Das wäre schliesslich kein Malheur, wenn sie nicht ein greüelhaftes Heilverfahren zur Behandlung dieser Krankheiten hätten: sie sollen nämlich unschuldiges christliches Blut als Medicin anwenden! Die Cagoten beschuldigte man nicht der Ermordung christlicher Kinder — wahrscheinlich nur deshalb, weil sie selbst Christen waren. Allein es gibt von Seiten der Aerzte ziemlich günstige Zeugnisse über die körperliche Beschaffenheit der Cagoten. und diese Zeugnisse decken sich durchaus nicht mit der landläufigen Ueberzeugung von der Cagoten-Lepra. Di\ Snyon, der im XVIII. Jahrhundert lebte und die Cagoten viel studierte, beschreibt sie folgendermassen: „Hochgewachsen, schön entwickelt, kräftig, mit etwas gekrümmten Beinen, besitzen sie eine weisse Haut, blaue Augen, einen.tiefen und verständigen Blick; nur eine Eigenthümlichkeit unterscheidet sie von den übrigen Leuten—-sie haben nämlich keine *) „Les parias de France et d'Espagne." Ohrläppchen." Derartige Zeugnisse hinderten aber die Cortes von Navarra nicht, officiell zu erklären: „Die Cagoten machen zwar nicht den Eindruck von Aussätzigen, allein welcher denkende Mensch weiss denn nicht, dass es zwei Arten von Aussatz gibt: die eine ist für jedermann sichtbar, die andere für niemanden, nicht einmal für den von ihr Befallenen. An letzterer Art leiden eben die Cagoten. Das Vorhandensein dieser Lepra lässt sieh in folgender Weise feststellen: Man sehe sich die Stelle, an welcher ein Cagot vorübergegangen ist, genau an — das Gras biegt sich nieder und verwelkt sofort, was eben die unnatürliche Wärme des Cagotenleibes beweist." Das haben die Cortes den Cagoten, als diese um ihre Rehabilitierung baten, geantwortet. In ihrer Bittschrift fiel es den Cagoten ein, zu behaupten, dass sie an keiner Lepra leiden; allein die Cortes wussten es natürlich besser, als der „Kranke* selbst, zumal die Krankheit zu denjenigen Uebeln gehörte, welche für niemand, nicht einmal für die Doctoren sichtbar war! Im Jahre 16G3 erliess Louis XIV. ein bemerkenswertes Decret, welches die volle Emancipation und absolute Gleichstellung der Cagoten mit den übrigen Unterthanen aussprach. Allein dieses Decret blieb unerfüllt : es stand in Widerspruch mit tief eingewurzelten Vorurtheilen. Auf den Gassen und in den Kirchen wiederholten sich fortwährend Scharmützel zwischen der Bevölkerung und den Cagoten, da die letzteren ihre neuen Rechte verwirklichen wollten. Schliesslich waren die Cagoten gezwungen, nachzugeben. Noch aus dem vorigen Jahrhundert theilt Doctor Snyon folgenden Fall mit. Ein junges cagotisches Mädchen, wunderschön und im Besitze einer reizenden Stimme, bekam vom Kirchenorganisten die Bewilligung, sich am Singen der Hymnen zu betheiligen. Als die Betenden erfuhren, von wem die während des Gottesdienstes erschallenden frischen, melodischen Töne ausgiengen, stürzten sie alle zur Tribüne und jagten die „Verfluchte" davon, wobei sie ihr nahelegten, an ihre Ohren nicht zu vergessen und Gott nicht zu lästern, indem sie bei der Lobpreisung Gottes ihre „unreine" Stimme mit den Stimmen der „Reinen" vermischt. Die Cagoten empfanden die Schmähungen tief, und in einem cagotischen Liede heisst es mit Beziehung auf die Vorwürfe der „Reinen" : „Zwar sind wir Cagoten, aber das macht nichts, wir stammen alle von Adam ab." Bei den Juden erflossen die Klagen über alle Knechtung und haltlose Beschuldigung in Form der „Selichoth", dieser wunderschönen, herzergreifenden Elegien, welche freilich niemals bis an die Ohren der Bedrücker gelangten . . . Erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts beginnt die Besserung der Lage der Cagoten. Eine erhebliche Rolle spielten dabei ihre guten Fähigkeiten, ihre Arbeitsamkeit; sie verstanden es, in verschiedenen Sphären unentbehrlich zu werden und sogar Reichthümer zu sammeln. Im XVIII. Jahrhundert gab es unter den Cagoten reiche Wucherer und Financiers. Zum gressen nivellierenden Einflüsse der Vermögensbeziehungen gesellten sieh Mischehen. Trotz der verbreiteten Märchen über die Aussätzigkeit der Cagoten veranlasste ihre Schönheit und ihr robuster Körperbau häufig junge Männer und Mädchen aus der „reinen* Rasse, die Ehe mit ihnen anzustreben: eine reiche Cagotin zu heiraten, wurde nicht einmal von der Gesellschaft als Erniedrigung angesehen! Im vorigen Jahrhundert pflegten sogar die „Reinen" zuweilen Cagoten zu Tische zu laden, doch wurde dabei vor dem Cagoten das Brot umgewandt. .