Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-04-27 · 17 (27.4.1900) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
17 (27.4.1900)
Article
Die Lage der Juden in Rumänien
Date
1900-04-27
Page
3 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315869-3368780--19297-3368909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17 „Die 4s Welt** Seite :\ Ed tauchte ein Project zur Colonisierung in Armenien auf. welches ich aber in Wort und Schrift energisch bekämpfte, so dass weiter darüber nichts mehr verlautet. Nun kam Anatolien an die Reihe. Die türkische Regierung stellte in dieser Provinz grössere Ländereien zur Ansiedlung von mohammedanischen Golonisten aus der Dobrudscha etc. zur Verfügung, und auf Intervention des Chacham-Baschi in Constantinopel konnten sich auch Juden dieser Begünstigung erfreuen, unter der Bedingung, weder Grundbesitz noch Geldunterstützung zu beanspruchen und die türkische Unterthanensehaft anzunehmen. Mehrere Städte in Rumänien schickten Delegierte nach Constantinopel, Leute ohne Empfehlungen und ohne Sprach- oder sonstige Kenntnisse. Die arme Bevölkerung hatte eben zu ihnen Vertrauen, sei es, weil sie bereits früher sich im Oriente herumgetrieben oder Bekanntschaften in Constantinopel hatten und dergleichen, kurz man vertraute ihnen auf gut Glück. Diese Delegierten brachten längere Zeit in der türkischen Hauptstadt, in Eski-Chehir, Angora etc. zu, ohne Erfolge zu erzielen, bis auf einen gewissen C h a s k e I Schwarz, gewesenen Kaffeesieder in T u 11 s c h a, dem es gelang, in einem längeren Telegramm an den Sultan (da er keine Audienz beim Monarchen oder seinen Grosswürdenträgern erlangen konnte) die Lage der Unglücklichen, die bereits in Constantinopel sich befanden, zu schildern, so dass Se. Majestät einen Pascha beauftragte, diesen Leuten aus der Dobrudscha, die vor dem Berliner Vertrage türkische Unterthanen gewesen waren, einen Landstrich auf einer Krondomäne zur Etablierung einer agricolen Colonie anzuweisen, und Se. Majestät erwies noch die besondere Gnade, der Gruppe die nöthigen Geldmittel (an zweitausend türkische Pfunde) zu spenden. In der zweiten Hälfte des vorigen Monats kam eine weitere Gruppe von 250 Personen aus Botoschani, B e r 1 a d etc. nach Galatz, unter Führung eines gewissen Berger, eines Bremsers bei der anatolischen Eisenbahn. Diese Gruppe war mit einigen Geldmitteln versehen, so dass sie die erste Zeit ohne fremde Hilfe sich durcharbeiten dürfte. Nach mehrtägigem Aufenthalte in Galatz schiffte sich die Gruppe, die einen guten Eindruck hervorrief, nach Constantinopel ein, wobei aber deren Führer die Unvorsichtigkeit begieng, die Pässe der Auswanderer nicht beim türkischen Consulate vidieren zu lassen. Auch machte er ihnen Versprechungen, die er nicht einhalten konnte, so dass os in Constantinopel zwischen dieser Gruppe und den P>ehörden zu Auseinandersetzungen kam, und das Resultat war eine Circulardepesche der türkischen Botschaft in Bukarest an sämmtliche Consuln in Rumänien de dato 30. März sub Nr. 17G80, jüdischen Emigranten bis auf weitere Ordre kein Visum zu geben. Das war ein harter Schlag für die Emigranten, die in verschiedenen Orten bereit waren, mit Sack und Pack, mit Kind und Kegel abzureisen, u, a. eine Gruppe von 412 Personen — lauter arme Leute aus Focschani. Ich telegraphierte sofort dahin, die Leute nicht nach Galatz zu schicken, und schrieb, blos zwei Herren herzusenden, damit sie sich mit dem türkischen Consulate ins Einvernehmen setzen. Aber es half nichts. Mittwoch, am 4. April vormittags langten 29 Auswanderer aus Giurgiewo an, die mit dem österr. Lloyd sofort nach Constantinopel giengen. Ich wurde benachrichtigt und gieng an Bord, wo ich die armen Leute fand, mit Auswandererpässen versehen, die vom türkischen Consulate in Rusts c h u k vidiert waren. Ich sagte den Leuten, sie dürften Schwierigkeiten bei der Landung in Constantinopel haben, da der Eintritt rumänischer Juden verboten wurde, sie könnten eingesperrt werden etc. Die Leute meinten, sie hätten jetzt keinen anderen Ausweg; man liess sie nicht in Giurgiewo sich an mich wenden, weil die Zionisten gegen die Colonisierung in Anatolien wären!), und sie hoffen, dort zu reüssieren. Ich gab ihnen eine Empfehlung nach Constantinopel. Am selben Tage langten auch in Galatz die oberwähnten 412 Personen aus Focschani an, die in verschiedene Quartiere vertheilt wurden. Diese armen Unglücklichen machten einen deprimirenden Eindruck. Vorwürfe wären unnütz gewesen; die Leute waren einmal da. Die zwei Herren, die seitens der Gemeinde diese Auswanderer nach Galatz begleiteten, erzählten haarsträubende Dinge. Seit den letzten Tagen hatten diese Unglücklichen nicht zu essen, occupierten die Synagogen und Schulen in Focschani, wo sie sich einquartierten, so dass jeden Augenblick Unannehmlichkeiten zu gewärtigen waren. Man war daher gezwungen, sie wegzuschicken. Ich gieng zum türkischen General- Consul, dem ich in Gemeinschaft mit einem Freunde ein Gesuch überreichte, er möge ausnahmsweise zu Gunsten dieser 412 intervenieren. Dieses Gesuch gab der General-Consul auch sofort an den Gesandten in Bukarest recommandiert auf. Gleichzeitig ersuchte ich den Gaiatzer Präfecten, Schritte in dieser Richtung zu veranlassen. Aber alles war vergebens. Die türkische Gesandtschaft theilte dem General-Consulate am 7. April in einer Circulardepesche Nr. 17720 mit, der früheren Ordre gemäss vorzugehen, keinem Emigranten Pässe zu vidieren und dieser Mittheilung die weiteste Verbreitung zu verschaffen. Ich veröffentlichte sofort diese Publication in den fünf Journalen, die sich mit jüdischen Angelegenheiten in Rumänien befassen. Ich war noch seitdem verschiedenemale allein oder in Begleitung anderer Notabein der jüdischen Gemeinde beim türkischen General-Cosul und dem Präfecten. Die 412 Focschaner sind bereits die dritte Woche in Galatz, wo die jüdische Bevölkerung wetteifert, die Gesunden zu speisen und die Kranken zu pflegen. Aber man wird auch dessen schliesslich müde und verlangt energisch die Rückbeförderung der Unglücklichen nach Focschani, sobald erst die orthodoxen Ostern vorüber sein werden, um nicht den antisemitischenElementen willkommene Gelegenheit zu einer Judenhetze zu geben. Es sind noch grosse Gr-uppen in Bukarest, Craiova, Buzeu, Ploesti, Galatz, Braila, Berlad, V as 1 ui, J a s s y, Dorohoi, Botoschani, Folticeni, PiatraN.etc., die auszuwandern bereit sind, und täglich laufen Anfragen an das zionistische Central-Comite ein. Viele Comites verlangten deshalb die Einberufung eines Delegiertentages in Galatz, damit wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.