Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 17 (27.4.1900)
- Article
- Umsturz
- Date
- 1900-04-27
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seih» 3 ,Die 2$ Welt" Nr. 17 Gewiss ist es kein Zufall, dass die Wortltihrer des „Jimgen Deutschland" Juden waren. Die leidenschaftliche Schwärmerei für die „Revolution", die dithyrambische Verherrlichung der Pariser Juli- und Februartage findet sich in demselben Schriftenbande, in dem der -Rabbi von Bacharach" zu lesen ist Die Erstürmung der Bastille hätte jene Schriftsteller nicht halb so freundlich angemuthet, wenn nicht zugleich mit dem Bastillensturme einige sehr düstere Ghettomauern dem Boden gleich gemacht worden wären, und das „Ca ira" klnng ihnen deshalb besonders melodisch, weil es das „Hepp Hepp" übertönte. Nebenbei gesagt: die Vorliebe für Frankreich, die in den Schritten des „Jungen Deutschlandu lebt, ist zu nicht geringem Theile auf die liebenswürdige Haltung, die Frankreich den Juden gegenüber einnahm, zurückzuführen. Das Echo dieser philo-gallischen Hymnen findet sich dann bei ungezählten Epigonen jener viel gelesenen Schriftsteller. Die Bewunderungsformel ist später zum Dogma, zum Gemeinplatze erstarrt. Frankreich weiss gar nicht wieviel von seiner Reputation es den Juden verdankt. Der „Umsturz" im weitesten Sinne wurde von den Juden jener. Periode gepredigt, die alten Vorurtheile wurden von den verschiedensten Stellungen aus mit Wurfgeschossen bombardiert. Zumal von der Philosophie aus. Mit Begierde wurden alle Ideen aufgegriffen, die den mittelalterlichen Nebel zerstreuen konnten. Wenn jene Schriftsteller vielleicht auch nicht Meister im Aufbaue eigener Systeme waren, so verstanden sie es doch vorzüglich, die auftauchenden philosophischen „revolutionären" Ideen aufzugreifen und auf alle Gebiete anzuwenden. Bekannt ist ihre Begeisterung für den Saint-Simonismus. Ein Problem, das noch in den neuesten Philosophen lebhaft erörtert wird — Hie christlich - asketische Denkweise, hie griechisch - heidnische Lebensfreude ■— wurde damals auf die Tagesordnung gesetzt Die Juden haben damals nicht gezögert, für Hellas Partei zu ergreifen. In Hellas gab es niemals Flagellanten, die jüdisches Blut in Strömen vergossen hätten. Eine ganze Reihe solcher philosophischer Probleme wurde von den Juden des „Jungen Deutschland" aufgegriffen und populär gemacht Wie gesagt, sie rollen heute noch durch die Schriften der modernsten Philosophen: Nietzsche — man weiss, dass er die hervorragenden Vertreter des „Jungen Deutschland" gründlich kannte — bewegt sich, wenn er von seiner „Umwertung der Werte" spricht sichtlich in der Richtung des philosophischen „Umsturzes", wie er damals gepredigt wurde. Immer wieder und immer wieder kommt ihm das Problem Sinnenfreude — Abtödtung unter dieFederDieser „Umsturz in derspeculativ-philosophischen Denkweise ist bei weitem nicht so harmlos, wie er auf den ersten Blick aussieht. Die philosophischen Leitsätze werden ins Leben übertragen und formen die Gestalt der Gesellschaft gründlich um. Einen Beweis, wie „practisch" die Philosophie werden kann, hat Marx, der Schüler Hegels, gegeben. Schon die formale Seite einer Philosophie, die Methode, ist da imstande, grosse Volksbewegungen hervorzurufen, die dem „Umstürze" zustreben. Es ist eine Art Vergeltung, die das Judenthum gezwungenermassen an einor feindlichen Gesellschaftsordnung übt Wie der Riese, der in einer Höhlung der Erde mit drückenden Fesseln angeschmiedet ist. Er zerrt an den Erzringen — so erklärt die Mythe das Erdbeben. Wankende Paläste, „Umsturz", Die Lage der Juden in Rumänien. Von S. Pineles (Galatz). Auf dem letzten Baseler Congresse ist den Juden in Rumänien ein sehr ungünstiges Prognosükon gestellt worden. Leider haben die Thatsachen die Richtigkeit dieser Voraussage bewiesen. Die Missernte des vorigen Jahres hat alle Schichten der Bevölkerung in diesem Laude getroffen, nebst den Bauern auch die Kaufleute, Handwerker und Arbeiter. Aber während für die christliche Bevölkerung die rumänische Regierung in väterlicher Weise Sorge trug, indem sie den Nothleidenden Arbeit verschaffte und sie bei den Nothstandsbauten, bei der Anlage von Tramways in verschiedenen Städten, beim Strassenbau auf dem flachen Lande etc. beschäftigte: während die Regierung unter den Bauern Nahrungsmittel in natura und die zur Aussaat nöthigen Bodenfrüchte, wie Gerste, Hafer und Mais in riesigen Mengen vertheilte, musslen unsere unglücklichen Glaubensgenossen in den Städten, ohne irgendwelche Aussicht auf Arbeit und Beschäftigung, am Hungertuche nagen und mit Weib und Kind frieren. Wer noch im Besitze von irgendwelchen, mehr oder minder werthvollen Habseligkeiten war, verkaufte und verpfändete sie, um sich die kärglichen Mittel zur Auswanderung zu verschaffen. Anfangs wanderte entweder der Familienvater allein aus, die Seinigen zurücklassend, oder die ältern Kinder, die irgend ein Handwerk verstanden, wurden als Vorläufer entsandt und waren meist bereits nach einigen Monaten in der Lage, den Ihrigen Reisebillets zu schicken, worauf die ganze Familie den Wanderstab ergriff. Diejenigen, die nichts ihr eigen nennen konnten oder eine allzu zahlreiche Familie mit noch kleinen Kindern besassen, die waren am schlimmsten daran. Diese Unglücklichsten unter den Unglücklichen, von denen viele einst bessere Tage gesehen hatten, mussten täglich dem Tode ins Auge sehen, als Meister Schmalhans sich als permanenter Gast bei ihnen etablierte. Ich, ich habe das Elend gesehen, kann der Schreiber dieser Zeilen mit dem Propheten ausrufen. Ich hatte leider Gelegenheit genug, derlei Schreckensscenen im Laufe der letzten Wintermonate zu beobachten, als ich mit unserem Gemeindevorsteher in Galatz, Herrn Dr. Feldmann, die Leidensstätten der Armen aufsuchte, um Heizmateriale und Geldunterstützungen zu vertheilen. Ist es nun zu verwundern, dass die allgemeine Nothlage diese Aermsten zwang, den Wanderstab zu ergreifen? „Sauve qui peut" war die allgemeine Parole. Wohin, wussten die meisten nicht Diejenigen, die Verwandte und Bekannte inr den Vereinigten Staaten Nordamerikas hatten, giengen über den Ocean, die weniger Bemittelten nach Paris, London, Manchester, wo sie ein gutes Fortkommen finden; andere wandten sich nach dem Orient