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Die Welt · 1900-04-27 · 17 (27.4.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
17 (27.4.1900)
Article
Umsturz
Date
1900-04-27
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Preise der Anzeigen: Di« viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Enzeine Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Auslan d: Deutschland __ ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ______ ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 DolL 40 GL_ Nr. 17. Wien, 27. April 1900. 4. Jahrgang Nachdem Ende des Monats viele Abonnements ablaufen, wird um rechtzeitige Erneuerung gebeten. Geldsendungen aus Russland erfolgen am besten in recommandierten Briefen. Papiergeld aller Staaten wird in Zahlung angenommen, anstatt kleiner Münzen wollen Briefmarken beigeschlossen werden. „Umsturz" Von Erwin Rosenberger. In letzter Zeit wird ein Vorwurf, der freilich schon lange den Reiz der Neuheit eingebüsst hat, mit vermehrter Heftigkeit gegen die Juden erhoben; Bücher, Broschüren, Zeitungen machen die Enthüllung, dass die Juden in erstaunlich reicher Zahl im Lager des -Umsturzes" zu finden seien. Es wird darauf hingewiesen, dass die Führer der socialistischen Gruppen sehr häufig getaufte oder ungetaufte Juden sind, dass hervorragende bahnbrechende Theoretiker des Socialismus dem jüdischen Stamme angehören, dass sich überhaupt der Jude mit Vorliebe solchen Parteien anschliesse, die eine Unterwühlung bestehender Gesellschaftszustände im Auge haben. Die Bücher, Broschüren und Zeitungen erklären mit gewohntem Scharfsinn, dass die destructiven Neigungen der Juden angeborene jüdische Fehler sind. Eine Art Zerstörungswuth. Aus purer Demolierungslust hantieren die Juden mit dem Brecheisen an den Grundpfeilern des Gesellschaftsgebäudes herum. Und man ist eonsequent und stattet den Mephisto, den Altmeister der Zerstörungskunst, mit jüdischem Typus aus; der Böse hat eine regelrecht gekrümmte Nase und das obligate Spitzbärtchen. Wenn in der geistigen Physiognomie der Juden ein mephistophelischer Zug ist, so hat das seine guten Gründe. Menschen, die mit einem Uebel beladen durchs Leben wandeln, pflegen mit nicht besonders heiterer Miene die Mitwelt anzuschauen. Man betrachte jene, die ein körperliches Gebrechen mit sich herumschleppen: der Einarmige, der Bucklige, der Klumpfuss — alle haben sie einen gemeinsamen weltfeindlichen Zug im Gesicht Und der Volksmund schreibt ihnen starke misanthropische Regungen zu. Die Beladenen sind natürliche Gegner des Bestehenden, in jedem von ihnen steckt ein Stückchen Catilina. Freilich, der Klumpfuss wird sich begnügen, über die Verkehrtheit der Gesellschaftsordnung zu raisonnieren, er wird keine Anstrengung machen, die Mitwelt zu seinen Gunsten umzugestalten, da es ihm schwer fallen dürfte, allen Mitmenschen Klumpfüsse beizubringen. Eine lehrreiche Sage erzählt allerdings von einer chinesischen Kaiserin, die, weil sie selbst mit verkrüppelten Füssen zur Welt gekommen, den Befehl gab, allen Mädchen des Reiche? der Mitte müssten fortan die Füsse verunstaltet werden. Und so geschah es auch. Darum trippeln bekanntlich noch heute die chinesischen Damen auf gewaltsam verkrüppelten Füssen einher. Die Juden, die schwer Beladenen, sind nun den Krüppeln gegenüber insofern im Vortheil, als sie doch einigermassen hoffen konnten, dass sie durch eine Umstülpung der Gesellschaftsordnung von ihren Leiden befreit werden dürften. Man hat ihnen seinerzeit den gelben Fleck angeheftet und sie ins Ghetto hineingepfercht: da hörten die Juden eines Tages den Ruf von der „Freiheil, Gleichheit," sie sahen eine rothe Fahne, auf der diese Worte geschrieben waren, das war zwar das Banner des „Umsturzes," aber die Juden waren überglücklich, dass alle Menschen hinfüro gleiche Kleider tragen, dass die gelben Flecke ausser Mode kommen sollten, und sie sammelten sich um die liebe rothe Fahne. Im Jahre 48 strömen sie in hellen Haufen ins Lager der „Revolution". Es wäre eine lohnende Arbeit, aus biographischem Materiale festzustellen, inwiefern die einzelnen Herolde des „Umsturzes" durch ihr Judenthum auf den Pfad gelenkt wurden, der zu einer Umschichtung der jetzigen Ordnung führen soll. Es existieren Tagebuchblätter Lassalles — aus seinen Jünglingsjahren — die einen hübschen Beitrag zu dem Thema geben würden. Eine starke Liebe fürs Judenthum, ein treuherziger Zorn über die Unterdrückung der Juden spricht aus diesen Selbstbekenntnissen. An der Lage der Juden erkennt der Jüngling, dass manches faul ist im Gesellschaftsgebäude, es erwachen in ihm Zweifel an der Correctheit der gegenwärtigen Einrichtungen, er beginnt mit der kritischen Sonde weiterzutasten, und es entwickelt sich der „Umstürzler".

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