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Die Welt · 1900-04-19 · 16 (19.4.1900) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
16 (19.4.1900)
Article
Le Juif Polonais
Date
1900-04-19
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die 2^ Welt" Nr. 16 den staatlichen und socialen Autgaben förderlich und verdienstlich mitzuarbeiten. Etliche Jahrzehnte — in Frankreich melir, in Deutschland weniger, alles in allem von 1789 bis 1SS0 — meinte der Jude im Sonnenlichte besserer Zeiten zu wandeln, aber es war ein trügerisches Sonnenlicht, das verschwand, wie es aufgegangen war. Wie in der Erckmann-Ghatrian"sehen Dorfgeschichte und der Erlanger "sehen Oper ist's wieder kalte, sternlose Winternacht und Schellengeklingel auf der harten, gefrorenen Landstrasse. Wir wissen, es ist nach den Orgien der Assimilation etwas Schmerzliches und Demüthigendes, sich dieser Wandlung bewusst zu werden. Wir begreifen, wie schwer es den meisten Juden ankommen muss, im Besitze von Bildung und Wohlstand sieh mit der Wahrheit vertraut zu machen, dass sie in moralischer Hinsicht und in Hinsicht ihrer socialen Position vor dem -polnischen Judenu nichts voraus haben. Sie sind nur nicht so bettelarm, das ist der ganze Unterschied. Aus ihren bürgerlichen Illusionen sind sie hinausgeschleudert: nur noch die Uebiete des Handels, der Industrie, der Technik gewähren ihnen Zuflucht und — auch diese Säulen können stürzen über Nacht. Was nützt es, gleich dem Vogel Strauss, den Kopf in den Sand zu stecken? Wir müssen die bittere Wahrheit erkennen, um aus eigener Kraft unser Schicksal, das Schicksal des -Juif Polonais" zu wenden. Die Episode des Mitleides, der Toleranz, der widerruflichen Berechtigungen ist vorüber. Wir sind, psalmistisch gesprochen, wie das Schilfrohr im Winde. Den Weg zu unserer Erneuerung, der der einzig gangbare ist, hat die zionistische Vorhut beschritten. Die neuzeitlichen Blutbeschuldigungen. Von Dr. J. Rülf-Bonn. Die elendeste, nichtswürdigste, verlogenste und unmenschlichste Beschuldigung, die man seit Jahrhunderten ohne den geringsten Anhalt, ohne auch nur den leisesten Schein und Schatten eines Beweises, gegen unser jüdisches Volk geschleudert hat, ist die „Blutbeschuldigung*, hebräisch „Alilas dam" bezeichnet. Die Juden brauchen Christenblut zur Bereitung des Osterbrotes, besonders des Brotes, welches zu jener überaus sinnvollen und erhebenden Feier an den ersten beiden Osterabenden, die Seder-Abende geheissen, gebraucht wird. Es sind das jene jüdischen Abendmahls- Abende, welchen auch das christliche Abendmahl seine Entstehung und seinen Namen verdankt. Die Nichtchristen. insbesondere die Römer, hatten kein Verständnis für das christliche Dogma der Blutsühne' und beschuldigten die Christen, sie brauchten Blut. Menschenblut, zur Sühnung und Läuterung vor ihrem Gotte, beschuldigten und verfolgten die Christen deswegen ganz in selbem Stile, wie später die Juden von Seite der Christen verfolgt wurden. Die Christen, um die Schuld von sich abzuwälzen, machten geltend: Nicht wir, sondern die Juden sind es, welche diesem schmählichen Brauche huldigen. Die Römer selbst machten überhaupt keinen Unterschied zwischen Jude und Christ, zumal ein solcher Unterschied für den Aussenstehenden zu damaliger Zeit gar noch nicht kennbar hervortrat. Man war auf Seiten der Römer stets geneigt, die gegen den einen Theil geschleuderten Beschuldigungen auch auf den anderen Theil zu übertragen, und auf beiden Seiten suchte man eine jede solche Beschuldigung von sich abzuwälzen und dem anderen Part aufzuhalsen, und so gieng das Jahrhunderte hindurch. Das Christenthum erlangte aber immer mehr Macht und Ausbreitung, und aus den Beherrschten wurden schliesslich die Herrscher, aus den Verfolgten die Verfolger, aus den Beschuldigten die Beschuldiger, und von da an halten die Juden alle die ehemaligen gemeinsamen Beschuldigungen allein zu tragen. Und war einmal auch eine solche Beschuldigung vergessen, so sorgte der Hass und die Verfolgungswuth schon dafür, dass dieselbe wieder aufgefrischt und ausgegraben wurde: so gieng's auch mit dieser entsetzlichen Blutbeschuldigung. Dass diese Beschuldigung ursprünglich auf die Christen gemünzt war, das hatte man im Laufe der Jahrhunderte völlig vergessen. Blutbeschuldigung und Judenthum — gibt es etwas Widersinnigeres, Lügenhafteres, Grundloseres auf der ganzen Welt! Das Judenthum ist die unüberwindliche, durch Gesetz und Sitte geheiligte und gefestigte Blutscheu. „Hüte Dich nur, dass Du kein Blut geniessest, denn das Blut ist das Leben", und: „Wer Menschenblut vergiesst. dessen Blut soll durch Menschen wieder vergossen werden" — so heisst es schon auf den ersten Seiten seiner Urschriften — und weshalb? „Denn im Ebenbilde Gottes hat er den Menschen gemacht", hat er dieses eine Menschenpaar geschaffen, von welchem alle Menschen abstammen — die Kinder Sems, Harns und Japhets, alles, was menschliches Angesicht trägt. Als nun in der zweiten Hälfte des in. Jahrhunderts ein decadentes Geschlecht, von Neid, Habgier und Genusssucht innerlich zerfressen, den schlummernden Antisemitismus wieder erweckt hatte, da erschien denn auch sofort wieder die alte Blutbeschuldigung auf dem Plane, und ein feiles und faules Wissen zu Hilfe nehmend, hat man sich auch einen angeblichen Blutritus zurecht gemacht, der an Verlogenheit und Niedertracht gar nicht seinesgleichen hat. Gelegenheit zu Blutbeschuldigungen gab's genug. Seit einigen Jahrzehnten haben sich in der abendländischen Gesellschaft, besonders in den Ländern, welche sich zu den besteivilisierten rechnen, die sogenannten Lustmorde in ganz erschrecklicher Weise gemehrt. Die Opfer, welche dieses viehischste und blutwüthigste aller Laster besonders an Personen weiblichen Geschlechtes und an Kindern gefordert, sind gar nicht mehr zu zählen. Dass auch Juden an solchen Mordthaten betheiligt sein können, ist nicht gerade ausgeschlossen, vorläufig aber möchten wir es noch bezweifeln. Einen solchen Lustmord zum Ritualmord zu stempeln und ihn den Juden in die Schuhe zu schieben, liegt ja sehr nahe und ist auch häufig genug geschehen. Auch den in jüngster Zeit stattgehabten Kuttenberger Mordprocess hat man durch allerlei geschickte Manipulationen diese Wendung nehmen lassen. Hülsner_soll den Mord nicht allein vollbracht haben: man hat ihm ja auch Mitschuldige angesonnen. Und wer sind diese Mitschuldigen? Nicht etwa dieser und jener, ganz gewiss auch nicht diejenigen, welche der Mann in seiner Seelenangst bezeichnet hat. Nein, gestehen wir es nur ohne Scheu und Rückhalt — wir alle vom Hause Israels, wir alle, die wir uns zur ältesten Cultumation zähleu, die wir der Welt einen Gott und eine Sittlichkeit gelehrt und überliefert haben — wir alle, alle sollen seine Mitschuldigen sein. Ja, sträube Dich nur dagegen, bäume Dich hoch auf, erstarre vor Entsetzen ob einer solchen Schmach und Ungerechtigkeit, Du, Anhänger und Nachkomme der gotterwählten Nation : die Polnaer Geschworenen — lauter höchst achtbare Personen — haben Dich zum Mitschuldigen gestempelt. Ob Du nun die höchste Staffel der Wissenschaft erklommen, zur Mitarbeiterschaft an den höchsten Culturangelegenheiten •ler Menschheit berufen worden, der höchsten Ehren im Staate und in der Gesellschaft theilhaftig bist — es hilft Dir alles nichts: Du bist gebrandmarkt, geächtet, entehrt, denn Du bist Theilhaber und Mitschuldiger am Ritualmorde — das Polnaer Schwurgericht hat Dich mitverurtheilt

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