Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 16 (19.4.1900)
- Article
- Le Juif Polonais
- Date
- 1900-04-19
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Nachdem Ende des Monats viele Abonnements ablaufen, wird um rechtzeitige Erneuerung gebeten. Geldsendungen aus Russland erfolgen am besten in recommandierten Briefen. Papiergeld aller Staaten wird in Zahlung angenommen, anstatt kleiner Münzen wollen Briefmarken beigeschlossen werden. „Le Juif Polonais." Von 0. Erter. Eine Erzählung des bekannten elsässisehen Schriftsteller-Zweigestirnes Erckmann-Chatrian, derenEntstehung schon drei Jahrzehnte zurückliegt, hat den Titel „Le Juif Polonais" zu einer Oper Gamille Erlangers hergegeben, welche vor einigen Tagen in Paris aufgeführt wurde. Wir wollen hier weder über die alte Erzählung eine verspätete literarische, noch über die neueste Oper eine actuelle musikalische Betrachtung anstellen. Wir folgen nur einer Anregung durch den Titel, indem wir ein wenig darüber reflectieren, wie sehr sich die schönen Künste und die Literatur alier hochcivilisierten Völker in neuerer Zeit mit uns Juden befasst haben, und wie wenig für uns dabei herausgekommen ist. In der neuen Erlanger sehen Oper „Le Juif Polonais-, die, wie gesagt, ihr Libretto der Erckmann-Chatrianschen Erzählung entlehnt, ist der „polnische Judenicht handelnde Person, sondern Opfer. Man sieht ihn nicht auf der Bühne, denn er ist vor der Handlung wegen seiner schweren Geldkatze von dem Schankwirte Matthe ermordet worden. Man sieht nur diesen, dem es mit dem Gelde seines Opfers all die Zeit her gut ergangen ist, bis im Gedächtnisse der Leute und auch der Seinigen die Erinnerung an die längst verschollene Geschichte von der Ermordung des Juden plötzlich wieder auflebt und das Gewissen des Schankwirtes aufstört, so dass er das Gespenst des Juden nicht mehr los werden kann und an der Angst vor Entdeckung, an den Schrecken blutiger Träume, an der Folter furchtbarer Visionen kläglich zugrunde geht. Zu der Zeit, als die Erckmann-Chatrian'sche Erzählung einen grossen Leserkreis hatte, war das Weltbürgerthum obenauf, und das Weltbürgerthum, das die Fahne der Humanität sich zu Häupten flattern liess, hatte eine gewisse sentimentale Toleranz auch für die Juden übrig. Man las Spindlers Roman „Der Jude", man gierig ins Theater, den edlen Juden in dem Schauspiele Gumberlands zu sehen, man bewunderte das grosse Judenbild des Düsseldorfer Malers Bendemann. Die Keime der Assimilation wurden in jener Zeit ausgestreut. Man hatte Mitleid mit dem Juden der elsässisehen Erzählung, der in der Winternacht auf der Landstrasse überfallen, beraubt und ermordet wurde, und gönnte dem Schankwirte Matthis, dem ruchlosen Mörder, die grässliche Vergeltung, die sein eigenes Gewissen an ihm übte. Seitdem sich die Assimilation als ein Trugbild, das Weltbürgerthum als eine schöne, bunte Seifenblase erwiesen hat, ist es aus mit all dem sentimentalen Judenspuk in Kunst und Literatur, der „Juif PolonaisB ist ein Gespenst von vorgestern. Die Juden selbst wollen den edlen Juden nicht mehr auf der Bühne sehen, denn sie fürchten, man könnte es ihnen heimzahlen, dass gewagt wird, einen ordentlichen Juden wie irgendeinen anderen ordentlichen Menschen auf die Bühne zu stellen, und es thut ihnen auch gar niemand den Gefallen, sie anders als im Zerrbilde auf die Scene zu schleppen. Mit anderen Worten: es ist ein sträflicher Anachronismus, zu glauben, dass für den -Juif PolonaisB noch Mitleid. Interesse und menschliche Theilnahme zu erwecken ist.' Wir sagen das nicht, um uns zu beschweren oder darüber zu jammern. Wir constatieren nur eine Wandlung. Und indem wir sie constatieren, haben wir sie auch schon erklärt. Der verhängnisvolle Irrthum der Assimilation bestand in der Verwechslung von Mitleid und Recht. Mitleid kann man uns gewähren, wenn man will, Recht dürfen wir verlangen, weil wir als Menschen einen Anspruch darauf haben. Was der Assimilation gewährt wurde, war das Mitleid unter dem Scheine des Rechtes, also etwas Widerrufliches. Dieser Schein des Rechtes zerflatterte, als man zum Mitleid nicht mehr aufgelegt war. Und da war auch mit einemmale alles thatsächlich widerrufen, was die Assimilierten oder Assimilierungslüsternen als Recht hingenommen hatten. Das ist die Situation von heute. Die Formen der sogenannten Judenemancipation bestehen noch» aber sie haben keinen Inhalt mehr. Der Jude, auch der an Bildung fortgeschrittenste und von den modernen Ideen durchdrungenste, der Jude in Deutschland, in Frankreich ist seiner factischen Stellung nach im Staate wie in der Gesellschaft der „ Juif Polonais", so sehr er auch seit einem halben Jahrhundert die volle Befähigung erwiesen hat, an