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Die Welt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Article
Dajenu
Date
1900-04-13
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 15 JDie x£ Weit" Seite 13 diese Fremdlinge auf Verderben für Dich und unser Volk ... Warum suchst Du nicht unter diesen den Dieb des Ringes? Es sind, ihrer nicht viele: Blase allen das Lebenslicht aus und Du bist sicher in Deinem Reiche und auf Deinem Throne. Thu das recht bald — noch bist Du allmächtig, erhabener Herr und König!" „Meinst Du die Hebräer?" fragte hierauf der König. „Dieselben. Bei Pharao haben sie Gold und Silber gestohlen und schlichen bei Nacht und Nebel aus Mizrajim. Heute gerade feiern sie das Erinnerungsfest an diese Schandthat. Das Blut unserer Kinder mischen sie dabei in ihren Wein und in ihr Brot . . . Weh* ihnen! „Weh" ihnen, wenn's wahr ist," entgegnete der König und erhob sich: „Wir wollen sehen! . . ." Damit entliess er den Minister. Als dieser fortgegangen war, Hess der König den Hofschneider kommen, schloss sich mit ihm ein, löste die unzähligen Zöpfchen seines Haupt- und Barthaares auf, liess sich ein seltsames Gewand, zurechtnähen und nachher den Schneider enthaupten. Bei Anbruch der Nacht verliess er sodann, seinen eigenen Wachen selbst unkenntlich, den Palast und lenkte seine Schritte ins Juden quartier, um der Sache auf den Grund zu kommen. Die Juden waren eben aus ihren Bethäusern — schon damals hatten zweihundert Juden dreizehn Bethäuser — heimgekehrt und rüsteten gerade zum Osterabendmahl, dem Seder. als der verkleidete König am Fenster des ersten Judenhäuschens Halt machte und neugierig hineinsah. Die verdüsterte Miene des Königs hellte sich etwasauf. Ein seltsames Bild bot sich ihm dar: In ärmlicher, aber sauber hergerichteter Stube, erhellt von Oelnäpfchen, ein weissgedeckter Tisch mit Osterbroten, Eiern, Wein und anderem, ein Lager mit schneeigem Linnen bedeckt. Um den Tisch herum die ganze Familie: der Vater auf dem Lager hingestreckt, die Linke unter dem Haupte, in der Rechten ein Buch, aus dem er etwas vorzutragen schien;; die junge Frau mit den fünf Kindern lauschten in freudiger Andacht. Mit frommer Neugierde sahen sie den Ceremonien zu, die so voll Symbolik für den Eingeweihten sind. Bei diesem Feste hätte sich der König die Hebräer anders vorgestellt — nach der Schilderung Dajenus. „Das werden vielleicht nicht die echten, rechten sein . ." Er gieng weiter: Das gleiche Bild, und dann wieder ein ähnliches, überall was anderes und überall dasselbe. Ganz stutzig ward der König, als er bei einein grösseren Hause vorbeigieng, aus dem Stimmen vieler Männer vernehmbar waren. Er lauschte, er konnte nicht verstehen. Er blickt hinein und sah um einen Tisch zwöL Greise, die lebhaft gesticulierten und sprachen. Sie trugen weisse, weite Kittel, die ihnen im Vereine mit den weissen wallenden Barten ein würdevolles patriarchalisches Aussehen gaben. „Aha", dachte der König. „das sind die Weisen des Volkes, die werden gewiss jetzt über meinen Ring zurathe sitzen." Und wie er so dachte, schlugen ihm laut und vielstimmig die Worte an"s Ohr: „Dajenu! ... Dajenu! . . . Dajenu!" Von unverständlichen Zwischensätzen getrennt, aber der Name seines Ministers klang deutlich vernehmbar. Er wusste genug und kehrte um. Es war schon fast Mitternacht, als er amThore seines Palastes anlangte, sich zu erkennen gab und bei den Wachtposten Einlass begehrte. Aber sie wiesen ihn zurück. „Ich bin der König! . . ." Er betheuerte es mehrmals vergebens. „Zeige Deinen Ring, wenn Du der König bist." Das konnte er nicht und ward abgewiesen. „Ruft mir meine Gattin Ozaris, sie wird mich erkennen!" Es geschah — auch sie erkannte ihn nieht. und niemand von der zahlreichen Dienerschaft und Garden, die beim Lärm aufgestanden und herausgekommen waren. Von seinen eigenen Dienern fortgestossen, irrte der König in den finstern Strassen seiner Residenz umher und wusste nicht, wo er sein gesalbtes Haupt niederlegen solle. Man erkannte ihn nicht — wollte man ihn nicht anerkennen V Beginnt bereits der Fluch zu wirken nach dem Verlust des Ringes? . . . Entsetzen durchschauerte ihn. Dann tröstete er sich wieder: Morgen, morgen, wenn es Tag wird, werde man ihn erkennen, und er wird den Ring von Dajenu zurückbekommen und den Dieb enthaupten lassen ... Doch wieder schlichen sich bange Zweifel in seine Brust. Und all die Enthaupteten tanzten um ihn, unter dem Arme ihre Köpfe, die ihn höhnisch angrinsten. Und Dajenu stand mit der goldenen Krone am Haupte vor ihm und trug den blitzenden Ring am Finger und befahl ihm, dem König, sein Knie vor ihm zu beugen. — Aus dem schwarzen Blute der Nacht stiegen dem König die grausigsten Schreckgebilde auf — er begann sich zu fürchten und ward überdies müde, sehr müde. Kurz entschlossen, pochte er an das erstbeste Hausthor an, gab sich dem ihm Oeffnenden zu erkennen und bat um Unterkunft. Verhöhnt wurde er. beschimpft und fortgejagt. So ergieng es ihm auch beim zweiten, zehnten. Er weinte bitterlich. Der unglückliche Herrscher brach zusammen: ein obdachloser Bettler, gedachte er der Juden, in deren Behausungen es so friedsam und anheimelnd zugieng. Er wollte noch das letzte versuchen und gieng ins Judenquartier zurück. In einem Häuschen war noch Licht, er schritt zur Thür, war aber noch unentschlossen, ob er hier, nach so vielen Enttäuschungen, anklopfen sollte, da that sich die Thüre wie von selbst auf und ein „Boruch habo!" ein Willkommen schlug an sein Ohr, noch bevor er gesehen werden konnte. Nach einigem Zaudern trat der König ein. „Schefauch chamosschu al hagoim!" mehr brachte der Hausherr nicht hervor, das Wort blieb ihm im Halse stecken, er sprang vom Tische, an den er, den Eintritt des Fremden nicht sofort bemerkend, zurückgekehrt war, wieder auf — mit ihm alle Hausleute — und sie blickten alle starr und unverwandt, heiligen Schreck in den Mienen, auf den seltsamen Ankömmling. „Bist Du Eliahu-ha-Nabi?x fragte endlich, von der Ueberraschung sich einigermassen erholend, der Jude mit bebender Stimme. „Ich bin — Dein König!... Erkenne mich!" Der König rief es mit der letzten Kraft, die er noch aufbringen konnte, und mit der ganzen Majestät, die ihm angeboren war. Enttäuscht und ungläubig musterte der Hebräer nunmehr den also Antwortenden. Dann aber, ihm tief, tief in die Augen blickend, verneigte er sich dreimal und küsste den Saum seines Gewandes: „Ja! Du bist mein König! Gott sei mit Dir und uns allen! . . . Seit zehn Jahren hab" ich Dein erleuchtet Antlitz nicht gesehen — aber auch nicht vergessen." Die Hausleute alle fielen bei diesen Worten des Familienoberhauptes vor dem König nieder. Diesem that es in dem Augenblicke ungemein wohl, dass er wenigstens von einigen Menschen anerkannt werdet und ein huldvolles Lächeln dämmerte in seinem Gesichte auf, getrübt von leiser Wehmuth. „Auch damals hast Du, mein König, so gelächelt, als ich Dich vor zehn Jahren zum erstenmale sahi . . . Du rittest vorbei auf einem Maulesel; als ich unter meiner Last zusammenbrach. Sie wollten mich peitschen, weil ich Dir den Weg verlegte, da gebotest Du ihnen, meine Last zu mir nachhause zu tragen, und beschenktest mich reichlich. Noch heute ruht Dein Segen auf mir. Gott ist mir besonders gnädig, dass er Dich heute in mein Haus geführt. Sei mein Gast, o König, und trink' von diesem Ehrenbecher, der für den Propheten Eliahu bestimmt war, denn wir erwarten ihn heute." Der König leerte den dargereichten Becher und fragte dann lächelnd : „Ist kein Blut darin?" „Ja," sagte der Hebräer, dem hohen Gaste den Ehrensitz abtretend und selbst stehen bleibend, „ja, es ist Blut darinnen, mein theurer König! Das Blut meiner Ahnen, die für ihren Glauben geblutet, mein eigen Blut ist drin und das Blut meiner Kinder. — Ja, es ist Blut darinnen, Blut und auch — Thränen.. . ." Er zerdrückte bei diesen Worten eine Thräne zwischen den grauen Wimpern, da ihm die Erinnerung an die Leiden aufstieg, die er und seine Ahnen seit der Verjagung aus dem verheissenen Lande erdulden mussten. Er brach plötzlich ab und bat demüthig: „lss auch von unser'm Osterbrote, so Du es nicht gering achtest. Auch an diesem Brote kleben blutige Erinnerungen." Der König ass und trank, so bewegt er auch war. und liess sich die Leidensgeschichte des Volkes von dem Hebräer erzählen. Darüber vergieng die Nacht. Als es Morgen ward, war schon unter den Juden die Nachricht verbreitet, dass der König in ihrer Mitte weile, und alles drängte, ihm zu huldigen, ihn zu sehen. Der König verliess dankend seinen Gastgeber und schritt fürbass zu seinem Palaste, umringt vom johlenden Volke, das: „Es lebe der König I" aus vollem Halse rief. Nunmehr Hessen ihn die Wachen ein, und der König gebot

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