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Die Welt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Article
Passah in Samarkand
Date
1900-04-13
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seile 6 „Die i> Weif Nr. 15 um die Lenden das Haus verlassen, damit jeder Bukarer, Sarte, Csbecke wisse, dass es ein Jude sei, und dass jeder dem Juden angethane Schimpf ohne Belang ist. . . Das war Jehovas Wille . . . Die Sünden der Väter strafte er an den Söhnen . .. Doch Jehova erhörte die Gebete und Thränen seines unglücklichen Volkes ... Der Alte stand auf und streckte seine Arme gegen uns. Wir traten zu ihm ... Er flüsterte einige Worte . . . — Der Grossvater flehte den Segen Gottes auf Sie und Ihre Kinder herab, sagte Jasuf leise. Der Greis lächelte uns sanft zu, strich nochmals als Zeichen des Grusses seinen Bart, und gieng, auf die Arme des Sohnes und des Enkels gestützt, aus dem Zimmer . . . Bald verliessen auch wir das gastfreundliche Haus . . . — Ein reicher Mann ist Mosche Boruchow — sagte ich einem Dschigitten, der, beim Pferd stehend, meiner Befehle harrte. — — Der reichste in ganz Samarkand — antwortete der Dschigitte, ein bejahrter, erfahrener Sarte, welcher leidlich russisch sprach. — Auch ein guter Mensch? — bemerkte ich fragend. Der Sarte schwieg. — Dschugut! — presste er endlich durch die Zähne, und in seiner Stimme lag eine unaussprechliche Verachtung. A. B. Die Notwendigkeit einer Talmudübersetzung. Wenig gekannt, aber viel verlästert ist der Talmud. Dies ist sein Los seit jeher. Doch hat sich in früheren Zeiten wenigstens ab und zu der Wunsch geregt, nachträglich das kennenzulernen, was man geächtet hat. Aus dieser etwas verspäteten Wissbegierde ist die erste Talmudübersetzung hervorgegangen. Kaiser Maximilian hatte im Jahre 1509 befohlen, alle hebräischen Bücher zu verbrennen und damit den Streit zwischen Reuchlin und den Kölner Dominicanern entflammt. Wie er dadurch der indirecte Urheber der berühmten Dunkelmännerbriefe wurde, so gab er unmittelbaren Anlass zur ersten Tahnudübersetzung, indem er nach dem Siege Reuchlins dem inzwischen zu seinem Leibarzt ernannten Philosophie - Professor Paul Ricius, einem getauften Juden, um das Jahr 1519 den Auftrag ertheilte, ihm den „ganzen Talmud" zu übersetzen. So entstanden die „Talmudica novissime in Latinum conversa, perjueunda comm." (Augsburg 1519). Mehr als je ist die Uebersetzung des Talmud heute eine dringende Notwendigkeit, da das Studium des Talmud in entschiedener Abnahme begriffen und die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen ist, dass ihm keine Renaissance mehr erblühen wird. Wahr, leider nur allzu wahr sagt Erich Bischoff in seiner „Kritischen Geschichte der Talmud-Ueberetzung aller Zeiten undZungen" (Frankfurt a. M., J. Kaufmann, 1899) : „Mit der Verflachung der Theologie gieng auch das Talmudstudium zurück, die seichte Aufklärung (bei Christen übrigens und Juden) vertrug sich mit dem „Meere des Talmud" nicht. Wo sind heute die Special-Professoren für „Litteratura Talmudica"? Ganze drei deutsche Universitäts-Professoren lesen heute noch ab und zu über den oder jenen Mischnah- Tractat, aber doch nur sozusagen im Nebenamte. Wie wenige Theologie-Studierende wissen etwas vom Talmud, wie wenige christliche Gelehrte haben wohl einen ganzen Tractat durchgearbeitet! Wie wenige Juden auch, die in Deutschland geboren und erzogen sind, haben noch profunde Talmud-Kenntnis! Russland, Galizien, Ungarn, Böhmen sind . zumeist die Geburtsländer der noch vorhandenen jüdischen wirklichen Talmudisten, und wenn man die Arbeiten des jüngeren Nachwuchses ansieht, so bieten sie zumeist auch schon ein Bild des Niederganges." Es ist also die höchste Zeit, an eine Bergung der im Talmud niedergelegten Schätze zu denken. Es könnte uns mit ihnen so ergehen, wie mit dem Nibelungenhorte. Mit Recht ermahnt der Dichter: „Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück." . Eine Conditio sine qua non einer guten Talmudübersetzung ist die genaue Kenntnis der bisherigen Uebersetzungsleistungen. Wir haben daher allen Grund, dem oben erwähnten Forscher für seine sorgfältige und umsichtige Arbeit dankbar zu sein. Er selbst charakterisiert sie folgendermassen : „Auen meine Arbeit hat wahrscheinlich Mängel; fehlerfreier und vollständiger als die meiner Vorgänger ist sie jedenfalls. Von diesen ist Strack wohl der einzige, der die von ihm besprochenen Schriften alle wirklich in Händen gehabt hat. Bei meinem viel grösseren Material war dies nicht möglich; dennoch kenne ich mehr Uebersetzungen durch den Augenschein, als ein anderer zu kennen sich rühmen dürfte — seines Fleisses darf sich ja nach Lessing jeder rühmen." Es ist bemerkenswert, dass gerade das Zeitalter der lutherischen Orthodoxie das intensivste Talmudstudium aufweist. Kurz vor der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts beginnt die Blütezeit der älteren wissenschaftlichen Talmudübersetzungen, die ihren Höhepunkt in den letzten Jahrzehnten jenes Jahrhunderts findet und bis m die Dreissigerjahre des achtzehnten Jahrhunderts hineinreicht. Trotz des Odiums, das dem Verkehre mit Juden damals anhaftete, sehen wir die Studenten nach jüdischen Lehrern suchen: sie lauschen auch andächtig den Vorträgen, dem „Schiur" bedeutender Rabbiner und halten sich zuweilen einen oder mehrere Hausjuden, die ihnen bei ihren talmudischen Studien unter die Arme greifen. Freilich ist ihnen das Talmudstudium nicht Selbstzweck, sondern Hilfswissenschaft der Theologie, und darin wurzelt die Stärke und zugleich die Schwäche ihrer Talmudübersetzungen. Auf die Aurea aetas der christlichen Talmudistik folgen mehr als sieben recht unfruchtbare Jahrzehnte, in deren Wüstenei Ugolinos und R a b e s Arbeiten die einzigen grösseren Oasen darstellen. Rabe stellt durch seine Bescheidenheit alle eitlen Autoren in den Schatten. Die Vorreden zu dem zweiten und vierten Bande seiner deutschen Mischnah-Uebersetzung enthalten kritische Verbesserungen aus den Recensionen Moses Mendelssohns in den „Briefen, die Literatur betreffend**. Mendelssohn sagt in dem lSö. Briefe : „HerrRabe hat die Kritik ... mit einer Art Selbstverleugnung angenommen, die ihm vielleicht mehr Ehre macht, als wenn er die ganze Mischnah ohne die geringste Unrichtigkeit übersetzt hätte. Er hat unseren 1-2-2. Brief... in die Vorrede zum zweiten Theile einrücken lassen, und .... ohne seinen Beurtheiler zu chicanieren, ohne Ausflüchte zu machen, mit Verleugnung aller schriftstellerischen Eitelkeit gezeigt, wie die getadelten Stellen zu verbessern seien." Ein charakteristischer Unterschied des modernen Uebersetzungswesens von dem der vorangehenden Periode besteht in dem starken Ueberwiegen der jüdischen Talmudübersetzer über die christlichen. Es ist auch bezeichnend, dass die deutsche Sprache den grössten Antheil an der modernen Uebersetzungsarbeit hat. Ephraim Moses Pinner beabsichtigte, eine deutsche Uebersetzung des ganzen Talmud in 28 Bänden herauszugeben. Es ist hochinteressant, dass der erste Band dem Czar Nikolaus L gewidmet ist, der das Werk subventioniert hat. Es ist jedoch über diesen ersten Band nicht hinausgekommen. — Die jüngste Uebersetzung von dem 1871 in Plungiany bei Wilna geborenen Lazarus G oldschmid t, welche auf 80 Lieferungen berechnet ist, erscheint seit 1896. Mit einer selten vorkommenden Einstimmigkeit hat die wissenschaftliche Kritik sowohl über die unzuverlässige Textwiedergabe, wie über die allzu vielen Fehler und das unklare und falsche Deutsch der Uebersetzung den Stab gebrochen.

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