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Die Welt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Article
Passah in Samarkand
Date
1900-04-13
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 15 „Die & Welt" Seite 5 brämte Sammtkappe, und die Frauen müssen, wenn sie das Ghetto verlassen, Kopf und Gesicht bedecken, da sie sonst insultiert werden könnten. Durch schmale, zur Regenzeit mit Koth und Tümpeln reich bedeckte Gässchen zog ich eines Tages, um den reichen Juden Mosche Boruchow zu besuchen; in meiner Begleitung waren einige Dschigitten. Es war Osterzeit: durch das ungewohnte Ereignis aus ihren mit den Paraden gegen den Hof zugekehrten Häuschen herausgelockt, kamen Erwachsene und Kinder heraus : doch kaum dass die Frauen die Dschigitten erblickt hatten, versteckten sie sich rasch. Bei Mosches Haus wurde unsere Gesellschaft von Jusuf, dem ältesten Sohne Mosches und anderen angesehenen Juden empfangen und ins Haus geführt. Hier kam uns Mosche Boruchow entgegen, ein dicker, etwa sechzigjähriger Jude, mit röthlichem Gesicht und kleinen, scharfen Aeuglein. Trotz dieser Fülle waren seine Bewegungen rasch und die Gesten leichtbewegt. Doch benahm er sich so nur uns gegenüber; in Gesellschaft reicher Sarten war sein Benehmen entsprechend dem ihrigen steif-vornehm, zurückhaltend, und nichts verrieth seine angeborene jüdische Beweglichkeit. Er drückte in persischer Sprache — der Jargon der westlichen Juden ist dort unbekannt — seine Freude aus, russische Gäste empfangen zu dürfen, und lud uns ein, in die reich ausgestatteten Empfangsräume, wo der Tisch bereits üppig gedeckt war, einzutreten. Nur die „Mazzes" wiesen darauf hin, dass wir bei einem jüdischen Mittagessen sind — alle anderen Speisen unterschieden sich in nichts von den üblichen Landesspeiseu. Nach uns traten ins Zimmer die Verwandten, Söhne und Enkel Mosche Boruchows. Nicht ohne Stolz stellte er uns alle vor, von dem etwa vierzigjährigen Jusuf angefangen bis auf den Erstgeborenen Jusufs, einen siebzehnjährigen Jüngling. In der Thür drängten sich viele Kinder verschiedenen Alters. Enkel, — erklärte Mosche mit zufriedenem Lächeln. — Und das — er nahm einen schön gekleideten, rothwangigen, blauäugigen, etwa vierjährigen Knaben bei der Hand und führte ihn zu uns — ist mein Benjamin, mein Letzter, der Kleinste. — — Ihr Sohn? — fragte ich erstaunt. — Mein Sohn, — antwortete bescheiden Mosche und legte die Hand auf das Haupt des Knäbleins. — Von der dritten Frau . . . Gott hat gesegnet . . . Die erste Frau schenkte zehn Kinder . .. Sieben Söhne und drei Töchter ... Die zweite — sechs Kinder . .. Vier Söhne, zwei Töchter . . . Die dritte — einen Sohn, eine Tochter .. . — Und alle leben? — Alle leben, Gottseidank . . . Das letzte Mädchen nahm Gott zn sich . . . Was kann man machen! Sein Wille! . . . schloss Mosche, ohne die Hand vom Haupte Benjamins, der uns neugierig mit seinen blauen Aeuglein betrachtete, wegzunehmen. Bald darauf erschienen die drei Weiber Boruchows in Begleitung der Töchter und Schwiegertöchter . .. Ich blickte Mosche Boruchow an. Er senkte bescheiden die Augen, doch konnte er das selbstgefällige Lächeln, welches seine fleischigen Lippen umspielte, nicht unterdrücken. Durch besondere Schö .heit zeichnete sich der weibliche Theil der Boruchow'schen Familie nicht aus: grosse, schwarze Augen, kräftig gebogene Nasen, fleischige Lippen. Am schönsten erschien mir Mosches jüngste Gattin — eine hübsche, blondhaarige, etwa zwanzigjährige Frau mit klaren, blauen Augen und einem verschämten, schüchternen Lächeln auf den rosigen Lippen — doch auch sie, wie die anderen Frauen, verunzierte ein durch ein Nasenloch gesteckter, mit einem schweren Edelstein verzierter Ring, welcher wie eine hässliche Warze an der Nase hieng. Ausser den drei Frauen Mosches und Jusufs Frau, entfernten sich die anderen; die verbliebenen Frauen jedoch trugen, mit Hilfe zweier Mädchen, die Schüsseln ein und aus. Mosche gab unseren Bitten nach und setzte sich neben uns, die anderen blieben aus lauter Ehrfurcht vor uns in Gruppen stehen. Als das Essen zu Ende gieng und die alten getriebenen Becher wieder mit duftendem, von dem Wirt für das Osterfest eigens vorbereitetem Weine gefüllt waren, entfernten sich Mosche und Jusuf und kamen nach einigen Minuten zurück, einen silberweissen Greis, im seidenen Mantel und eine blausammtene mit Zobel verbrämten Kappe auf dem ganz kahlen Schädel, an der Hand führend. Das schmale, gutmüthige, blassgelbe Gesicht des Alten mit der dünnen, gespitzten Nase, den buschigen, weissen Brauen und dem langen, auf die Brust fallenden weissen Bart, erinnerte an die Farbe des Elfenbeins. Der Alte bewegte sich mit Mühe vorwärts, doch war seine Gestalt aufrecht . . . — Das ist mein Vater, — sagte ehrfurchtsvoll Mosche. — Er ist 90 Jahre alt. Der Greis strich sich mit den blassen, ausgetrockneten Händen — als Zeichen des Bewillkommens — seinen Bart und sprach mit schwacher, jedoch wohllautender Stimme einige Worte persisch. — Der Grossvater freut sich, dass so hohe Gäste sein Haus besucht haben, — sagte Jusuf» welcher die Rolle des Dolmetsch übernommen hatte, da Mosche sich schlecht in russischer Sprache ausdrückte. . . - Jusuf schwieg, und wiederum ertönte, wie der zitternde Laut einer schwach gespannten Saite, in der allgemeinen tiefen Stille die Stimme des Greises. Und die Söhne, Enkel und Urenkel dieses wie aus den biblischen Zeiten erstandenen Patriarchen horchten gerührt und mit Herzklopfen jedem Laut, jedem Wort, welche den blauen Lippen des Greises entflogen. Jusuf, den Körper und Kopf gegen den Alten vorgebeugt, richtete sich, als dieser schwieg, auf und sprach: — Der Grossvater wünscht, dass Sie in diesen Hause Ruhe finden mögen . . . Der Grossvater wünscht Ihnen und Ihrer Familie Glück und Segen. Unwillkürlich wurden wir von Ehrfurcht diesem Greisenalter gegenüber ergriffen, von jener Stimmung, welche t'ie jüngsten und ältesten, diese starken, gesunden, kräftigen Menschen erfüllte, und erwiderten in gefühlvollen Worten den Gruss des Alten. Jusuf übersetzte dem Greise wörtlich unsere Antwort. Sein erloschener Blick leuchtete auf. Er bat uns Platz zu nehmen, und setzte sich darauf in seinen Lehnstuhl. Alle Verwandten näherten sich und stellten sich im Halbkreis um das Familienhaupt Als sich alles beruhigte, nahm Mosche aus einem Lederfutteral einen goldenen Becher, eine kostbare, alte Arbeit, welche von einem Geschlecht aufs andere übergieng — wie uns nachträglich Jusuf erklärte — füllte ihn bis zum Rand .mit Wein und reichte den Becher dem Greise. Mit zitternder Hand empfieng der Greis denselben und stand mit Hilfe des Sohnes und des Enkels auf; wir folgten seinem Beispiele, und wiederum ertönte, wie das Säuseln des Windes, die leise Stimme des Alten ... Er nippte an dem Weine, setzte sich und sprach weiter: — Der Grossvater erinnert sich noch — übersetzte Jusuf — des Unglücks der Juden in Bukara und in anderen asiatischen Städten . . . Ueberau mussten sie sich verbergen,...... Ihr Reichthum wurde ihnen weggenommen, ihre Häuser zerstört . . . Den Grossvater trieb man mit der Peitsche aus einer Stadt in die andere . . . Bei diesen Worten Jusufs entrang sich den Anwesenden ein Stöhnen, und Mosche bedeckte mit den Händen sein Antlitz. Nur der Greis sass unbeweglich und blickte sanft lächelnd auf uns. — Sogar die reichsten Kaufleute durften kein Pferd reiten und mussten zu Fuss gehen; durften nicht ohne Strick

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