Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 15 (13.4.1900)
- Article
- Die Poesie des Judenthums
- Date
- 1900-04-13
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 ,DIe # Welt" Nr. 15 Welt an, und vor ihnen verschwinden die Schranken der Nationalität, aber der Trost, den sie gewähren, ist doch nur ein leidiger Trost und er ersetzt das stolze Bewusstsein nicht, einein grossen, starken, gerechten und gefürchteten Volke anzugehören......Uns einzelnen bleibt inzwischen nur übrig, einem jeden nach seinen Talenten, seiner Neigung und seiner Stellung, die Bildung des Volkes zu mehren, zu stärken und durch dasselbe zu verbreiten nach allen Seiten, und wie nach unten, so auch, und vorzugsweise, nach oben, damit es nicht zurückbleibe hinter den anderen Völkern, sondern wenigstens hierin voraufstehe, damit der Geist nicht verkomme, sondern frisch und heiter bleibe, damit es nicht verzage, nicht kleinmüthig werde, sondern fähig bleibe zu jeglicher grossen That, wenn der Tag des Ruhmes anbricht." _ Aus Palästina. „Hameliz" veröffentlicht einen Privatbrief des Agronomen Sussmann, Directors der Ackerbauschule in Odessa, der in Gemeinschaft mit dem bekannten hebräischen Publicisten A. Ginsberg (Achad-Haam) über Auftrag des „Odessaer Central-Comites zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer in Syrien und Palästina" die jüdischen Colonien in Palästina besucht hatte und seiner in St Petersburg wohnenden Schwester die Eindrücke schildert, die er von dem Lande empfangen hat. Bemerkt muss werden, dass Herr Sussmann nicht zu den Zionisten zählt und von der Odessaer Gesellschaft bloss in seiner Eigenschaft als landwirtschaftlicher Sachverständiger entsandt worden war. Wir citieren aus dem Briefe des Herrn Sussmann die folgenden hochinteressanten Stellen: „—Wie gesagt, Palästina könnte zu einer einzigen, landwirtschaftlichen Perle werden, wenn der Boden in berufene Hände käme. Leider kann man auf Schritt und Tritt bemerken, dass die besten Grundstücke den arabischen Capitalisten zufallen, von denen sie vernachlässigt werden." „Was soll ich noch von Palästina erzählen? Es gibt keine solchen bestrickenden Gebirgszüge, keinen so wundervollen Himmel wie in Galiläa — so, denke ich, muss jeder Künstler ausrufen, der durch diese Gebirgs-und Thallandschaft zieht. — Es gibt für den mit modernen Hilfsmitteln arbeitenden Landmann keine dankbarere, fruchtbringendere, wenn auch anstrengende Thätigkeit, als in Galiläa — so muss der Agronom sprechen, der diesen gesegneten Landstrich bereist. So oft das Auge des Reisenden sich an den Herrlichkeiten der Gegend ergötzt, so oft es die allerorten wahrnehmbaren Fruchtbarkeitsphänomene anstaunt, regt sich die Frage: Wird dies alles immer in dieser Verwahrlosung bleiben? Theure Schwester, während meiner Reise in Palästina, als ich im Jänner eine Reihe von Sommertagen verlebte, musste ich oft an Dich und an Deinen Aufenthalt in dem feuchtkalten Petersburg denken. Ich sah hier zwei Mädchen, die von Kiewer Aerzten für die Winterszeit zu klimatischer Cur hierher geschickt worden waren; sie fühlten sich sehr gekräftigt und ihr Wohlbefinden war stets ungetrübt. Ohne Zweifel würde ein Winteraufenthalt in Palästina auch Dir ausserordentlich wohlthun. Wie schön wäre es, könnten wir hier zusammen wenigstens einen Winter verbringen!" Dasselbe. Blatt veröffentlicht in seiner Nr. 60 ein Interview, das ein Mitarbeiter des „Woschod" mit Herrn Sussmann hatte. Dieser äusserte bei dieser Gelegenheit: „Es dürfte kaum ein Land geben, wo der Jude so vollkommen -das werden könnte, was er wünscht, nämlich ein civilisierter Landmann, wie in Palästina. Der Boden ist dort im allgemeinen für den fleissigen Arbeiter sehr ergiebig; er zeichnet sich aber insbesondere dadurch aus, dass er für die verschiedensten Cerealien und Früchte, für jede Art von Agricultur geeignet ist. Auf einem mässig grossen Grundstücke in Palästina kann sich der Landwirt nebst einem Weizenfelde einen Orangengarten einrichten und daneben. Oliven pflanzen und Lupinen ziehen, einen Weingarten anlegen und Mais bauen. Seine Kühe können den Anger am Bache oder am Teiche abgrasen, während seine Schafe und Ziegen auf den umliegenden Bergen die Kräuter und Pflanzen finden, die ihnen wohlschmecken. Auf diese Weise kann der Colonist in Palästina aus seinem Boden Producte der verschiedensten Art gewinnen, die ihm zusammen all das bieten, was er in seinem Haushalte braucht. Trotz alledem aber ist der Zustand der Colonien noch nicht ganz befriedigend. Nach 18 Jahren steter Arbeit und eifrigen Bemühens, nach so beträchlichem Aufwände hätte man wohl bessere Erfolge erhoffen mögen. Man muss aber nicht vergessen, wie viel Hindernisse sich der Entwicklung der Colonien in den Weg stellten, wie viel Irrthümer notwendig begangen werden mussten, ehe die Erfahrung den richtigen Weg wies." Auf die Frage des Interviewers, wie den Colonisten und der Colonisation aufgeholfen werden könnte, erwiderte Herr Sussmann: „Eines steht fest, dass nämlich überall das Bedürfnis nach mehr Boden fühlbar ist Denoch irren diejenigen, die annehmen, alles würde mit einem Schlage gut, wenn wir jedem Colonisten so und soviel Dunam Grundbesitz zugeben könnten. Von der Quantität des Bodens allein hängt der Wohlstand und die feste Position des Colonisten nicht ab; die Art der Bebauung und die ökonomische Methode fällt hier schwer ins Gewicht In „Rechoboth" und „Gederah" beispielsweise ist die Errichtung kleiner Keltern zur Weinbereitung dringend nothwendig, da der Transport der Trauben von dort nach den Kellereien von R i s c h o n L e z i o n übermässig theuer zu stehen kommt und zudem eine Plackerei ist. die die menschliche Kraft fast übersteigt. Die armen Colonisten müssen zwei Monate lang Tag und Nacht arbeiten, und die meisten von ihnen müssen sich nach der Lese krank zubette legen, so strengt sie diese Arbeit an. Ausserdem geht eine grosse Menge Trauben auf dem Wege zugrunde. Diese Colonien brauchen also Keltern und etwas mehr Saatboden. Ferner muss man trachten, den Weinen in grösserem Ausmasse den Weltmarkt zu erobern. Nebstdem sind noch andere Reformen vonnöthen: Es müssten unter den Colonisten gründliche Kenntnisse in der Dorfwirtschaft verbreitet werden u. s. w. Man sehe sich doch z. B. die Post an, die nach Rischon Lezion kommt. Da sieht man Massen von Zeitungen, wie die „Neue Freie Presse", „Debats", „Times" etc. Aber alles, was die Colonisten aus dieser Zeitungsflut schöpfen, enthält nicht das, was gerade für sie am wissenswertesten ist. Mögen sie sich praktische landwirtschaftliche Kentnisse aneignen, und sie werden ein Recht haben, sich gebildete Landwirte zu nennen. Besonders müsste man das Augenmerk auf die heranwachsende Generation legen; der eine gute, zweckdienliche Erziehung zu geben, ist heilige Pflicht. Es müssten Dorfschulen errichtet werden mit einem Unterrichtsplane, der den localen Bedürfnissen genau anzupassen wäi-e. Die Lehrer müssten ganz unabhängig sein, damit sie sich ganz ihrer pädagogischen Thätigkeit widmen können und nicht immer Bedacht nehmen müssen, die Zufriedenheit des einen zu erlangen, die Gunst des anderen zu erringen, die Eitelkeit des dritten zu befriedigen. An dem erforderlichen Materiale fehlt es uns nicht. In jedem gottvergessenen Winkel Russlands finden wir gebildete und rechtschaffene junge Leute, die an die Zukunft ihres Volkes glauben und förmlich darnach lechzen, für ihre Brüder etwas zu thun. Und in Palästina gibt's viel Arbeit und wenig Arbeiter. Gar viel können die Colonisten selbst zur Verbesserung ihrer Lage thun. Nicht ohne tiefe Bewegung kann ich der Colonistentypen gedenken, die ich in Palästina gesehen habe. Ich habe nicht viele solche Colonisten gesehen, aber die wenigen, was für Männer sind das! Ihr ganzes Leben, all ihre Kräfte haben sie an die Scholle gehängt, die sie lieben wie sich selbst. All ihr Sinnen und Trachten ist auf die Frage concentriert: Was thun und wie es anstellen, um der Hindernisse Herr zu werden und das heissersehnte Ziel zu erreichen — von der eigenen Hände Arbeit frei und sorglos zu leben? Die Colonisten in Palästina, die bisher viel zu erdulden hatten und viele Schicksalsprüfungen überstanden haben, können nun selbst ihre Freiheit erringen. Nun, da ihnen neuer Boden zugewiesen wird, müssen sie mit neuen Kräften arbeiten und nach Möglichkeit bestrebt sein, sich ohne Taglöhner zu behelfen. Das Land aber, das heute an vielen Punkten den Eindruck einer vom Sonnenbrande durchglühten Einöde macht, kann zu einem Wunderlande werden. Angelegentliche Arbeit kann es bewirken, dass der Boden von einer blühenden Vegetation überzogen werde. Wer da glaubt, Palästina habe Mangel an Wasser, irrt sehr. Es genügt, die Sümpfe und Stauwässer rationell auszunützen, um ganz Palästina ausreichend zu bewässern. An die Stelle der Sümple könnte man Lustgärten, Fichtenwäldchen etc. pflanzen. — Eucalypten würden die Luft von Miasmen reinigen." M. Z. Passah in Samarkand.*) Die Samarkander Juden wohnen alle in einem abgesonderten Viertel.**) Ihre Häuser unterscheiden sich wenig von den Häusern der Ureinwohner: auch ihre Kleidung, die der Männer wie der Frauen, gleicht der des Sarten — nur tragen die Männer statt eines Turbans eine pelzvor- '*) Wir entnehmen diese Schilderung einem Aufsatz des russischen Schriftstellers E. Ordow, welcher sich zur Zeit in Teschkent aufhält. **) Dschugut-Khank. Dschugut.Jugut=Jude;Dschugut- Khanä^Judenviertel.