Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 15 (13.4.1900)
- Article
- Die Poesie des Judenthums
- Date
- 1900-04-13
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 15 ^Die z£ Welt4- Seite 3 und darüber könnte man wohl, wie Ibsens Eilert Lövberg über die Zukunft, immerhin einiges sagen". Des Judenthums ursprünglichste und eigentümlichste Poesie stellte sich im alten Testamente dar. Vorzüglich die patriarchalischen Zeiten geben von ihr einen schönen und ausreichenden Begriff, und Goethe kommt auf sie immer wieder zurück. Wenn Werther am Brunnen sitzt, wohin die Mädchen aus der Stadt kommen und Wasser holen, so denkt er daran, dass dieses harmloseste Geschäft und nöthigste „ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten". Die patriarchalische Idee lebt so lebhaft um ihn, wie sie alle, die Altväter, am Brunnen Bekanntschaften machen und freien. Und noch in „Dichtung und Wahrheit" widmet Goethe jenen Zeiten — vielleicht sogar mit allzu epischer Breite — eine liebevolle, reine und erhabene Darstellung, die das Poetische jener Epoche wie ungewollt in einem feinen Dämmer erscheinen lässt. „Zum Hirtenstande gehörten die Erzväter. Ihre Lebensweise auf dem Meere der Wüsten und Wreiden gaben ihren Gesinnungen Breite und Freiheit, das Gewölbe des Himmels, unter dem sie wohnten, mit allen seinen nächtlichen Sternen, ihren Gefühlen Erhabenheit, und sie bedurften mehr als der thätige, gewandte Jäger, mehr als der sichere, sorgfältige, hausbewohnende Ackersmann des unerschütterlichen Glaubens, dass ein Gott ihnen zur Seite ziehe, dass er sie besuche, an ihnen Antheil nehme, sie führe und rette." Diese „schöne Welt" ist umso poetischer, als ihre Begebenheiten „Familienauftritte" sind, „die sich noch nicht in eine Geschichte des israelitischen Volkes verloren haben". Menschlich, schön und heiter stellt sich der ..sanfte, wahrhaft urväterliche* Charakter Abrahams dar und als eine „edle Familie" seine ebenbürtige Nachkommenschaft. Aber dem modernen Juden ist diese uralte Poesie in Wahrheit doch recht fremd geworden: dem modernen 'jüdischen Dichter, der sie Wiederaufleben lasst. steigt sie nicht aus dem dunklen Blute empor, sondern sie muss erst aus einer Impression dieser starken alttestamentarischen Dichtungen hervorgehen. Oas selbige mag dies Verhältnis sein, als das, in welchem der moderne Deutsche zu seinem Nibelungenliede steht. Nicht nur Friedrich der Grosse lehnte es in einer auffällig schroffen Form ab, sondern auch Goethes wunderliche Recension der Simrock'schen Nibelungen-üebersetzung verräth eine mehr pflichtmässige als herzliche, begeisterte Bewunderung für die riesenhafte Dichtung. Wenn den Deutschen vom Nibelungenliede die „gröbste Roheit und Härte" zurückstossen mag, so den modernen Juden von seiner ältesten Poesie die Züge von Wildheit und Grausamkeit, die, so menschlich und schön auch die Religion der Erzväter ist, doch hindurchgehen, die blutigen Opfer von Feinden und Freunden, die grausame Art der Thieropfer und dergleichen. Und ist der Deutsche seiner ursprünglichen Poesie durch das Christenthum entfremdet worden, so der moderne Jude der seinigen durch das Ghetto. In des Ghettos dumpfer Mauerluft musste aller kriegerische und herrische Sinn des Volkes, der vielleicht niemals sehr gross gewesen, völlig absterben : und dies musste die bedeutsamste Wirkung auf seine „Poesie" thun; denn neben den erotischen sind die kriegerischen Gefühle die eigentlichsten Triebkräfte des poetischen Empfindens, wie desgleichen die kriegerischen auf die erotischen selber wirken. Die Poesie der germanischen Rasse wird am deutlichsten dargestellt durch die leuchtende Gestalt des Percy Heisssporn, die von Shakespeare, dem „Speerschüttler", erfunden ist, und in der sich die männliche Liebe durch jene kriegerische Tapferkeit gerade in ihrer höchsten Reinheit erweist. Hingegen muss es leider gesagt werden, dass das Liebesgefühl der jüdischen Poesie oft etwas Schwüles, Schwächliches hat Oder es hat in der familiären Enge des Ghettos etwas hausbacken Philiströses. Wenn man die schönste und zaubervollste Ghetto-Poesie, Heines „Rabbi von Bacharach", sorgfältig betrachtet, so könnte man erkennen, dass alle eigentlich „romantische" Poesie von dem Leben ausserhalb der Ghettomauern hervorgebracht wird, dass innerhalb derselben aber eine eigene seltsame Poesie waltet, die vorzüglich auf einem freien, feinen Humor beruht. Dieser Humor stellt sich nicht wie der der germanischen Völker in vollsaftigen, derben realistischen Gestalten dar, sondern ähnlich wie in altspanischen oder altenglischen Lustspielen besteht er in einem feinen, heiteren, unbefangenen Spiele mit dem Dasein, welchem so eine echt poetische Verfeinerung zutheil wird. Dieser feine, witzige Humor mag des Ghettos echteste Poesie sein. Wenn wir ihn nach Heines „Rabbi von Bacharach" bei keinem jüdischen Poeten mehr wiederfinden, so dürfte dies einer anderen literarischen Erscheinung vergleichbar sein, dass nämlich die Gestalt Jesu Christi die grossen deutschen Dichter nicht zur Darstellung verlocken konnte. Wie sie aus rationalistischer oder gar pantheistischer oder atheistischer Befangenheit die poetischen Reize dieser poesievollen Gestalt gar nicht sahen, so trübten den Blick jüdischer Dichter vor dem Ghetto politische Empfindungen. Man sah in ihm nur ein „Stück Mittelalter", und in täppischem, gleichsam Nikolai'schem Aufklärungsdünkel und zugleich mit peinlichem Gefühle blickte man auf alles herab, was noch mit dem Ghetto zusammenhieng; wie der Jude überhaupt nicht gerne nach rückwärts schaute und ohne jegliches historische Gefühl immer den ausgesprochensten Typus des modernen Menschen zeigte. Der Literarhistoriker Scherer fragt mit Recht, wie denn die so poesievolle Erscheinung des jungen Goethe mit dem historischen Deutschen zusammenhänge. Goethe selber empfand es in seiner Abneigung gegen das deutsche Studentenleben, gegen das sein Freund Merk sogar einen charakteristisch leidenschaftlichen Hass empfunden hat. Goethes Milieu war doch eigentlich das des reichen Handelsstandes, wie es auch der Poesie von J. P. Jakobsen und zum Theil von Gerhart Hauptmann eigenthümlich ist. Und diese feine, zarte, künstlerische Atmosphäre ist grade die Poesie, deren auch der moderne Jude in der peinlichen Zwangslage seiner halben Existenz noch leichter theilhaftig wird als der erd- und schollengebundene Deutsche. Es gibt Gestalten moderner deutscher Dichter, die, weil sie in diesem reichen Handelsstande leben, ein aufmerksamer Beobachter ohneweiters für jüdische ansprechen möchte: unter anderen den jungen Kaufmann Adolf im „Collegen Crampton" und in Hartlebens „Erziehung zur Ehe" der reiche Kaufmannssohn Hermann. Der moderne Jude, der künstlerischen und nicht politischen Interessen zugewandt ist, besitzt denn auch einen feinen anmuthigen Reiz, wie kaum irgend ein anderer Jüngling: während freilich der wissenschaftliche und politische junge Jude diesen poetischen Reiz gleichsam völlig durchrissen hat. Er ist der Erbe der Talmudisten: ein junger sehr scharfsinniger russischer Jude kann ein Buch schreiben „Goethes Charakter, eine Seelenschilderung", wo gerade Goethe keine Erscheinung anders als rund und voll in ihrer concrelen d. i. poetischen Sinnlichkeit nehmen konnte und solch Buch über seinen „Charakter" gewisslieh als das unerfreulichste empfunden hätte. Die feinen poetischen Juden hingegen mögen auch einen demgemässen Stammbaum haben, wie zum Beispiel Heine von Hofjuden abstammen soll, und Auerbach erzählt, dass unter seinen Vorfahren ein leichtsinniger Geiger gewesen, der ihm viel von seinem Blute vererbt. Aber der moderne jüdische Poesie-Typus zeigt doch auch noch eine andere Seite, und diese reicht über die Ghetto-Existenz zurück, sogar bis zum Alten Testamente, den Büchern Hiob und Koheleth. Dies ist das Gedankenleben, wie sich das jüdische Volk ja nur als Gedankenvolk durch die Jahrtausende hat hinschleppen können. Wenn für die anderen Völker zu der privaten Existenz noch das kriegerische Element hinzutritt, so mag für den Juden in seiner zarten individuellen Existenz das Gedankenleben gleichsam das heroische Element bilden. Der Zionismus könnte für die Poesie des Judenthums dieses heroische Element desgleichen darstellen. Aber der Dichter braucht fertige Zustände, und wenn Franz Mehring, der Berliner Aesthetiker der Sbcialdemokratie, den deutschen Naturalisten den Vorwurf machte, dass sie zwar die Zersetzung der bürgerlichen Gesellschaft und das leidende Proletariat darzustellen müssten, aber die ideale Zukunfts* hoffnungen nicht, die darüber schwebten, so mag er wahrlich Unbilliges gefordert und den Mangel an künstlerischem Verständnis erwiesen haben. Das Werdende, Chaotische einer Epoche, kann diese freilich zu einer poetisch höchst fruchtbaren machen, und man könnte sich in der Zeit des werdenden Zionismus gar wohl eine grosse Blüte jüdischer Poesie vorstellen. Aber sie könnte nicht mit dem Zionismus in die Zukunft weisen. Der jüdische Dichter vermag sich auch mit der wunderlichen, peinlichen Stellung seines Volkes im gegenwärtigen Culturleben am ehesten auszusöhnen, ohne dass diese Aussöhnung freilich eine vollkommene und und dauernde sein könnte; worüber in einer ganz wunderbar übereinstimmenden Weise die herrlichen Worte sprechen, die Goethe über sein Verhältnis zur deutschen Nation gesagt hat: „.......Ich habe oft einen bitteren Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen ist. Eine Vergleichung des deutschen Volkes mit anderen Völkern erregt uns schmerzliche Gefühle) über welche ich auf herzliche Weise hinwegzukommen suche * und in der Wissenschaft und in der Kunst habe ich die Schwingen gefunden, durch welche man sich darüber zu heben vermag: denn Wissenschaft und Kunst gehören der