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Die Welt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Article
Mizraim
Date
1900-04-13
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die j& Welt" Nr. 15 menschliche Berechnung reicht, werden wir unseres Lebens in der Diaspora nie froh werden können. Die Geschichte lehrt uns zur Genüge, dass der beste Mensch nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt. Die Gründe des Antisemitismus liegen im wesentlichen nicht in uns, sondern ausser uns. Nationale und wirtschaftliche Motive liegen ihm zugrunde. Der Interessen-Fanatismus * ist seine Triebfeder. Nur abgefeimte Heuchler geben noch heute ihrem Hasse eine religiöse Färbung. Der Jude ist ein „Fremdling-, man verargt es ihm, dass er hierzulande sich erkühnt, Luft zu schöpfen. Das ist unrechtmässiger Genuss. Die grosse Menge gesteht offenherzig, dass hier materielle Interessen obwalten. Es liegt ein grosses Stück Wahrheit in H e in e s Aeusserung : -Das Volk leidet Mangel, es fehlen ihm die Mittel zum Lebensgenüsse, und obgleich ihm die Priester der Staatsreligion versichern, „dass man auf Erden sei, um zu entbehren und trotz Hunger und Durst der Obrigkeit zu gehorchen" — so hat doch das Volk eine geheime Sehnsucht nach den Mitteln des Genusses, und es hasst diejenigen, in deren Kisten und Kasten dergleichen aufgespeichert liegt; es hasst die Reichen und ist froh, wenn ihm die Religion erlaubt, sich diesem Hasse mit vollem» Qemüthe hinzugeben. Das gemeine Volk hasst in den Juden immer nur die Geldbesitzer, es war immer das aufgehäufte Metall, welches die Blitze seines Zornes auf die Juden herabzog. Der jedesweilige Zeitgeist lieh nun immer jenem Hasse seine Parole . . . Wir leben nicht mehr im Mittelalter, auch das gemeine Volk wird aufgeklärter, schlägt die Juden nicht mehr auf einmal todt und beschönigt seinen Hass nicht mehr mit der Religion; unsere Zeit ist nicht mehr so wenig glaubensheiss, der traditionelle Groll kleidet sich in moderne Redensarten, und der Pöbel in den Bierstuben wie in den Deputiertenkammern declamiert wider die Juden mit mercantilischen, industriellen, wissenschaftlichen oder gar philosophischen Argumenten......Er will den Juden durch alle möglichen Mittel die Ausübung ihrer industriellen Fähigkeiten erschweren. Hier in Frankfurt z. B. dürfen jährlich nur vierundzwanzig Bekenner des mosaischen Glaubens heiraten, damit ihre Population nicht zunimmt und für die christlichen Handelsleute keine allzu starke Concurrenz erzeugt wird. Hier tritt der wirkliche Grund des Judenhasses mit seinem wahren Gesichte hervor, und dieses Gesicht trägt keine düster-fanatische Mönchsmiene, sondern die schlaffen, aufgeklärten Züge eines Krämers, der sich ängstigt, im Handel und Wandel von dem israelitischen Geschäftsgeiste überflügelt zu werden." — Heutzutage ist die Zahl der „Famiiianten" allerdings nicht mehr eingeschränkt, die Juden sind sogar als Vollbürger von staatswegen anerkannt, aber eben nur auf dem Papier. Wohl sagt man : Litera scripta manet; doch das Papier ist geduldig. Es erhebt keinen Einspruch dagegen, dass Juden trotz guter Qualifikationen von Staatsämtern ausgeschlossen und dass Gesetze construiert werden, welche darauf abzielen, den Aermsten unter den Armen, den jüdischen Hausierern, die Existenz zu untergraben — obwohl die letzteren „in Kisten und Kasten" wenig Metall aufgespeichert haben, welches die Blitze des Volkszornes herabzieht. Die Thatsachen haben uns die Augen geöffnet, wir sehen» dass der erstaunliche, verblüffende Aufschwung der Wissenschaften ohnmächtig ist, dem gehässigen Treiben Einhalt zu gebieten. Sehen wir doch sogar Männer der Wissenschaft den Brand schüren. Wenn also die Wissenschaft keineBürgschaft für die Humanität ist, wie können wir mit Zuversicht darauf hoffen, dass eine Zeitkommen wird, in welcher es uns definitiv gegönnt sein wird, uns inRuhe voll und ganz auszuleben? Geben wir uns keiner Selbsttäuschung hin! Wer den Willen zum Leben und Herz für seine Kinder hat und der Gefahr klar und fest ins Auge schaut, wird" und muss die Panacee des Judenthums in dem Zionismus erblicken, der für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina anstrebt Wir Juden haben, wie jedes andere Volk, nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, die heilige Pflicht, uns nicht für immer mit der Dornenkrone des Martyriums zu begnügen. Wer nicht von einem gesunden Egoismus beseelt ist, der büsst allmählich seinen Lebenstrieb ein und verkümmert Dieser gesunde Egoismus fordert von uns kategorisch, nicht zu ruhen und zu rasten, bis wir in der Lage sein werden, den Auszug aus Mizraim zum zweitenmale zu feiern, den modernen ägyptischen Ländern, in denen uns der Aufenthalt verleidet und verekelt wird, und in denen wir nicht Menschen unter Menschen sein dürfen, den Rücken zu kehren. Nach Osten, wo die Sonne aufgeht, richten wir unsere Blicke, nach dem Osten, wo ein gottbegnadeter, unerreichter und unerreichbarer Künstler ein grosses, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes schuf, das allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Welt als Prototyp dienen konnte und in der That auch diente! Streben wir nach Palästina, wo uns niemand daran hindern wird, das Dichterwort: „Nur der erringt sich Freiheit, wie . das Leben, Der täglich sie erobern muss." in die Wirklichkeit zu übersetzen! Fassen wir allen iüdischen Protestanten zum Trotze den Ruf der Hagadah: .Im nächsten Jahre in Jerusalem!" nicht, symbolisch, sondern realistisch auf, damit uns dereinst wiedererwachende Lebenslust den jauchzenden Aufschrei entlocke : „Ich war schon so alt, Nun bin ich so jung. Als lebt" ich von neuem das Leben." I v r i. Die Poesie des Judenthums. Von Robert Jaffe. Der Begriff des Poetischen war einige Zeit in Misscredit gekommen durchdie stürmischen Angriffe der naturalistischen Bewegung. In der Epigonen-Poesie, die immer blasser und schemenhafter wurde, hatte sich eine so süssliche, fade, verlogene Welt dargestellt, dass die brutalste Prosa des Werkeltages wie Seeluft erquickend und erfrischend wirken musste. Sie wurde auch dadurch \recht erträglich gemacht, dass ihr die höchste technische Vollkommenheit gegeben wurde, und da die Dichtung immer mehr zu einer bildenden Kunst umgewandelt werden sollte, liess sich den künstlerischen Massstäb-en auch genügen ohne das eigentlich Poetische, welches ja von den bildenden Künsten nicht ohne Weiteres gefordert werden dürfte: die Schärfe der Charakterisierung, die Echtheit und Exactheit der Beobachtung schienen alles Poetische verschlungen zu haben. Aber es konnte nicht auf die Dauer entfernt werden; denn wodurch die Dichtung mit einem ursprünglichen naturgesetzten Bedürfnis der Menschheit zusammenhängt, das dürfte das Poetische sein. Wir mögen bis zu den Naturvölkern zurückgehen, so scheint sich die Dichtung nur als Ausdruck für jene erhöhten Momente des Lebens eingestellt zu haben, welche man eben die poetischen nennt. Jedoch erklären kann den Begriff diese Gleichung recht wenig; er lässt sich so wenig einfangen wie ein Schmetterling, der über uns flattert, und wenn zwei noch so gelehrte und scharfsinnige Leute darüber disputieren wollten, sie müssten unmuthig vor dem Unbegrenzten und Unbegrenzbaren abbrechen und es den Poeten selber überlassen, welche es aber auch nur in der Hand, ja bis in die Fingerspitzen fühlen und doch nicht aussprechen könnten. Hingegen zeichnen sich die Begriffe des Poetischen bei den verschiedenen Völkern gegeneinander ziemlich deutlich ab,

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