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Die Welt · 1900-04-13 · 15 (13.4.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
15 (13.4.1900)
Article
Mizraim
Date
1900-04-13
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zn richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heiter. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 DolL 40 Ct. Nr. 15. Wien, 13. April 1900. 4. Jahrgang Mizraim. Was die rücksichtslose Brutalität, mit welcher die Aegypter unsere Vorväter gedrückt und geknechtet haben, insbesondere kennzeichnet, ist der Umstand, dass gerade die Aegypter ihre politische Grösse, ihre ganze Rettung vom Hungertode einem Sprössling aus dem Hause Israels, dem Joseph, verdankten. Seine Famile kam nach Aegypten und genoss dort nicht nur alle bürgerlichen Rechte, sondern sogar die höchsten fürstlichen Ehren und Auszeichnungen. Dass die Aegypter das, was sie der eingewanderten Hebräerfamilie verdankten, mit so schnödem Undank heimzahlten, darin lag das Empörende und Schmerzliche dieser brutalen Vergewaltigung. Das landläufige Sprüchlein „Undank ist der Welt Lohn" hat auch heute noch seine Berechtigung. Schliessen sich etwa den Aegyptern von damals die Germanen, Czechen und Polen von heute nicht würdig an? In heiss umstrittenen Gegenden haben wir Juden uns exponiert und die Leiter gehalten, auf deren Sprossen die Nationen zur politischen Machtstellung emporklommen. Wir haben uns den Czechen assimiliert und uns geberdet, als wallte in unseren Adern hussitisches Blut. Wir haben den Polen blinde Gefolgschaft geleistet und vortreffliches, unschätzbares Stimmvieh für sie abgegeben. Und was haben wir dafür geerntet? Dass alle Nationen und alle Parteien, mögen sie auch sonst durch eine noch so grosse Kluft getrennt sein, sich zu einem harmonischen, wenig angenehmen Concerte vereinigen, wenn auf die Juden die Sprache kommt, dass sie uns einmüthig um unsere Menschenrechte betrügen. Der Judenhass hat in Oesterreich scheinbar seinen Höhepunkt erreicht. Wir werden in unseren elementarsten Gefühlen verletzt. In Galizien wird in grossem Stile Seelenfang betrieben: jüdischen Eltern werden in maiorem Dei gloriam ihre Kinder geraubt und in Klöster entführt; alle Bitten, Thränen, Proteste der Eltern nützen nichts, es wird mit diesen geradezu Komödie gespielt; die Cultur ist glücklich bei dem Faustrechte angelangt. Eine neue Aera ist im zwanzigsten Jahrhundert angebrochen, die Morgenröthe einer neuen Zeit, welche den Juden für vogelfrei erklärt und ihm gegenüber eine Ausnahmsethik statuiert, die in dem Grundsatze: „Der Zweck heiligt die Mittel" gipfelt und auf den ethischen Nihilismus hinausläuft. Wer sich der Juden annimmt, wird mit gleichem Masse wie sie gemessen, er wird geächtet. Während am Lemberger Polytechnikum die Vorlesungen sistiert wurden, weil die akademische Jugend ihrem sie ehrenden Unmuthe gegen Professor T h u 11 i e Luft machte, wird an der czechischen Universität in Prag ein anderer Vorgang beliebt. Hier wurden nur die Vorlesungen des Philosophie - Professors Masaryk eingestellt, weil pöbelhafte und irregeführte Studenten gegen ihn, den Anwalt der Juden, demonstrierten. Und da aller guten Dinge drei sind, erscheint noch ein anderes gefahrdrohendes Symptom am Horizont Oesterreichs. Die Judenschaft der Reichshauptstadt wird durch eine famose Wahlreform der Willkür einer brutalen, judenfeindlichen Partei ausgeliefert. Wessen sich die Juden da zu versehen haben werden, brauche ich wohl nicht erst auszumalen. Nur scheinbar also hat der Judenh.iss seinen Gulminationspunkt erreicht, trotzdem er schon die haarsträubendsten Blüten gezeitigt hat. Das Mass ist noch nicht voll. Das Passahfest trifft uns mithin in einer Stimmung, in der wir so recht empfänglich sind für die Leetüre des »Rabbi von Bacharach* und die den Grundton desselben wiedergebenden Verse: Brich aus in lauten Klagen, Du düst'res Märtyrerlied, Das ich so lang getragen Im flammenstillen Gemüth! Es dringt in alle Ohren. Und durch die Ohren ins Herz; Ich habe gewaltig beschworen Den tausendjährigen Schmerz. Es weinen die Grossen und Kleinen, Sogar die kalten Herr'n, Die Frauen und Blumen weinen, Es weinen am Himmel die Stern"! Und alle die Thränen fliessen Nach Süden, im stillen Verein, Sie fliessen und ergiessen Sich all* in den Jordan hinein. Sollen diese Thränen ewig fliessen? Soll. Israel nie aufhören, ein gehetztes Wild zu sein? So weit

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