Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 14 (6.4.1900)
- Article
- Die Türkei und die Judeneinwanderung
- Date
- 1900-04-06
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ,Die & Welt" Nr. 14 die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte. An die Erlangung einer solchen kann aber nur gedacht werden unter zwei Voraussetzungen: dass es die ganz bestimmte Scholle sei, welche für den Juden stets mit dem leuchtenden Glanz der Heimatssehnsucht umwoben ist, und dass ferner die Bürgschaft des Rechtsschutzes vorhanden sei, welche nur der Sultan als der Herr des Landes zu bieten in der Lage ist. Demnach ist es deutlich, warum keine andersgeartete Juden Wanderung, so wohlmeinend ihre Fürsprecher auch sein mögen, zu dem grossen humanitären und wirtschaftlichen Ziele führen kann, das der Zionismus aufgerichtet hat. Und ferner wird daraus ersichtlich, wie sehr berechtigt es ist, dass die zionistische Organisation nicht früher in praktische Thätigkeit tritt, als bis des Sultans Wort die öffentlich-rechtliche Sicherheil der alt-neuen Juden-Heimstatt verbürgt. Die zionistische Organisation ist fertig; sie kann morgen ihre Arbeit beginnen. Aber nicht ein einziger Jude soll durch sie in ungewisses Schicksal geführt werden: sie ist sich der ungeheuren Verantwortung bewusst. Eine Verwaltungsmassregel der ottomanischen Regierung, vermöge welcher den rumänischen Juden Niederlassung und Staatsangehörigkeit in der Türkei gewährt wird, ist an sich gewiss mit Dank zu verzeichnen. Aber das zionistische Ziel ist solche arbiträre Gewährung nicht. Die Juden, die der zionistischen Leitung anvertraut sind, werden die Wanderung erst unternehmen, wenn alle Bürgschaft für ihr Wohlergehen und ihre Sicherheit geschaffen ist. Und sie wird geschaffen werden, schneller vielleicht als man glaubt, wenn anders die jetzige Concession an einige rumänische Judenfamilien als ein Symptom des erwachenden Wohlwollens anzusehen ist, das der Sultan gegenüber der jüdischen Ansiedlung in Palästina künftig zu beobachten wünscht. Palästina. .1 a I I a. im Mr.rz. Jerusalem. Jerusalem ist in seiner heutigen Gestalt nicht das Jerusalem unserer Ideale. Die jüdischen Massen Jerusalems leben leider in beträchtlicher Finsternis, und wenn heute im Vergleiche zu den letzten Decennien doch ein kleiner Fortschritt zu constatieren ist, so ist er nur auf das Licht, das von den Colonien ausgeht, zurückzuführen. Wenn man beobachtet, was Franzosen, Engländer, Deutsche u. a. für ihr Volk hier thun, so muss man staunen, wie wenig die Juden Europas für ihr Volk thun, und wie planlos man bei den Hilfsactionen vorgeht. Die einzelnen pädagogischen Anstalten Jerusalems unterweisen die Zöglinge wohl in den Gesetzen des Judentliums, aber sie sind nicht imstande, in den Schülern eine unerschütterliche Anhänglichkeit für das Judentlium zu wecken. Je nach dem Wohnorte, respective der „Nationalität* des Anstaltgründers weiden die Kinder zu Franzosen, Engländern, Deutschen etc. erzogen: das Judenthum wird vernachlässigt Die natürliche Folge davon ist, dass solcherart herangebildetes Menschenmaterial nur zu leicht der Mission in die Hände fällt. Eine weitere Misere Jerusalems ist die Spitalfrage. Die vorhandenen zwei Anstalten, das Spital Bikur Cholim und das Spital Misgab ladach, sind einerseits in ihren Räumlichkeiten überaus beschränkt, andererseits spotten sie in hygienischer Hinsicht allen modernen Spitalsbegriffen. Im Spitale Bikur Cholim thut der Arzt Dr. Wallach, was er kann, wie sehr ist er aber in seinen Actionen durch Platzmangel, schlechtes Bettmaterial und auch durch Ebbe in den Spitalfonds eingeengt! In der Anstalt Misgab ladach liegen die Verhältnisse etwas besser. Grössere Reinlichkeit, bequemere Räumlichkeiten, besseres Material, geringerer, ausschliesslich aus Spaniolen bestehender Krankenstand. Von der Eröffnung des Amsterdamer neuen Hospitals erwartet man Abhilfe in jeder Richtung. Das Rothschild-Spital ist ein Musterinstitut ersten Ranges; leider zu klein für die Nachfrage. Kann es daher wundernehmen, wenn man das englische Spital der Society for promoting Christianity amongst the Jews stets von Juden überfüllt sieht? Das ist eine Anstalt, die in jeder Hinsicht tadellos ist. Auch mit den Wohnungsverhältnissen ist es recht schlecht bestellt. Da fehlt es überall an Luft, an Licht, an der nöthigen Reinlichkeit. Ausgenommen sind vielleicht die Häuser der Boccharen, die Wohnungen am Deutschen Platze (Berg Zion), eventuell die wenigen gut dotierten ungarischen Häuser. Alle übrigen Herbergstätten des armen Volkes stehen tief unter dem Begriffe „Menschliche Wohnung". Dass eine unter so ungünstigen Verhältnissen lebende Bevölkerung nicht nur physisch, sondern auch geistig herabkommen muss, ist klar. Die Magenfrage nimmt den Einzelnen ganz gefangen. Arbeii findet er schwer, meist gar nicht, da zwingt ihn das Geschick, sich zu bücken, zu betteln. Aber auch hier ist schon ein starker Umschwung zum Besseren bemerkbar. Heute sieht man schon viele Bachurim zum Spaten greifen und das Land ihrer Väter bearbeiten. Insolange nicht neue, lebensfähige Industrien in Jerusalem entstehen, die die überschüssigen Arbeitskräfte absorbieren oder eine im grossen Stile durchgeführte Golonisation des Landes Massen von Arbeitern Beschäftigung verschafft, wird das Bild Jerusalems das gleiche bleiben. Erst wenn die heilige Stadt nicht bloss das Ideal derer sein wird, welche auf geweihter Erde sterben wollen, erst wenn Jerusalem sich auch des Zuspruches eines jungen, arbeitskräftigen Volkes erfreuen wird, wird eine Blüteperiode anbrechen. Die verschiedenen Producte des Landes, die bisher meist auf den merkwürdigsten Wegen ihre Absatzgebiete erreichten, dürften doch in der Zukunft im Wege des Grosshandels an den Mann gebracht werden. Der Grosshandel nun centralisiert bekanntermassen. Wohin anders könnten nun die Fäden seines gütersammelnden Apparates in Palästina zusammenlaufen, als in Jerusalem. Und die Güterproduction macht in neuester Zeit schöne Fortschritte. Während vor Beginn der jüdischen Golonisation Palästina nur wenig hervorbrachte, kann heute auf agriculturellem Gebiete ein prächtiger Aufschwung verzeichnet werden. Alle möglichen Getreidearten, durchgehends prachtvollster Qualität, Wein, wie ihn kein Land der Welt besser hervorbringt, Gemüse und Obstarten, denen man gewöhnlich in Europa bloss in den Läden der ersten Hotels und Restaurants begegnet, Parfümextracte, die den an der Riviera erzeugteu nicht nachstehen und eben deshalb auch in Frankreich guten Absatz finden, Tabak bester Sorte etc. etc., kurzum, was hier gepflanzt wird, gedeiht. In Petach- Tikwah gepflanzter Thee z. B. (500 Bäume) lieferte eine vorzügliche Ernte. — Und dies herrliche Bild sollte nicht in einem zur ... Thätigkeit erwachenden Jerusalem seine Ergänzung finden? Die jüdische Frau. Wenn der Versuch der Regenerierung unseres Volkes mit dem Aufblühen von 28 Colonien geglückt