Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 13 (30.3.1900)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1900-03-30
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 13 „Die j& Welt" Seite 9 und dabei dessen ethische Fehler erkennt. Es ist nicht unsere Aufgabe, ihm von der Colonisation Palästinas abzurathen; aber wir glauben doch, dass es heute seine erste Aufgabe sein soll, überall und vor allem zuhause zu reformieren. Ein Wechsel des Bodens bewirkt noch keine Reform des Herzens und des Sinnes, und ein Wechsel der Beschäftigung ist, so weit er zu einer Reform nöthig ist. überall möglich." G. In der letzten Nummer des „Jewish World" nimmt J. Raffalowich das Wort, um dem im „Jewish Chronicle" veröffentlichten Berichte von Miss d'A vigdor und Mr. Walter Cohen bezüglich der Colonisation Palästinas entgegenzutreten. Beide hatten darüber sehr ungünstig berichtet. Herr R a ff al o w i c h weist nun nicht nur aul seinen 18jährigen Aufenthalt im Heiligen Lande hin. sondern auch auf die Berichte aller nichtjüiischen Reisenden. Wenn die Verhältnisse in den Rothschil d'schen Colonien manches zu wünschen übrig lassen, so tragen die Colonisten keine Schuld daran, sondern andere bekannte Umstände. Infolge eines technischen Versehens musste die Rubrik „Die Woche" diesmal im letzten Momente wegbleiben. Tribüne. (Für das in dieser Rubrik Publicierte ist die Redaction nicht verantwortlich.) Aufruf. Mit dem 20. Februar ist der Schreckcnstay für Boryslaw eingetroffen. Mit diesem Tage musste mich den Vorschriften der Bergpolizei der ganze Betrieb in allen Schächten eingestellt werden. Tausende von jüdischen Arbeitern sind nunmehr dem bittersten Elend und der grössten Noth ausgeliefert. Hunderten von jüdischen Familien mangelt es bereits am allernothwendigsten, an Brot. Oefters schon ist der Nothschrei von Boryslaw hinausgedrungen, es wurde auch Hilfe geleistet, aber in einer Weise, die die grässliche Lage nur umso greller beleuchtete. Auch gegenwärtig arbeitet ein bestehendes Unterstützungs-Comite mit Eifer nach dem festen Plane, die arbeitslosen Familien allmählich nach Massgabe der Mittel nach Amerika zu befördern. Was sollen aber jene Unglücklichen beginnen, auf die noch nicht das glückliche Los der Auswanderungs- Begünstigung gefallen ist? Sie können nicht mehr warten, denn warten ist für sie gleichbedeutend mit Hungertod. Unmöglich kann die jüdische Barmherzigkeit ein solches Elend mit Gleichgiltigkeit betrachten. Und so wenden wir uns noch einmal an die jüdische Oeffentlichkeit mit dem dringenden Aufrufe, der jüdischen Arbeiter von Boryslaw, die nicht durch eigene Schuld, sondern durch unerbitterliche Verhältnisse ins Elend gerathen sind, nicht zu vergessen. Die Hilfe muss rasch sein, denn die Gefahr ist gross. Die Administration der „Welt" hat sich bereit erklärt, Spenden für die nothleidenden Arbeiter entgegenzunehmen. Der Bürgermeister: Kornhaber. Weltchronik. Aus Palästina. Einem uns freudlichst zur Verfügung gestellten Privatbriefe entnehmen wir folgende Stellen: »Heute ritten wir nach Amkez oder Umchais, einemDorf, das im Talmud Gader genannt wird. Amkez liegt auf einer Bergkuppe, von der man in das Thal der warmen Quellen hinabsteigt. Dieses Thal liegt sehr tief. Neben den warmen Quellen befindet sich in einer Bodensenkung ein Wasserbecken „AI Chami" genannt, das gegen Westen offen ist und im Süden vom Bache -Jarmuch, welcher vom östli<-h gelegenen Goianberge kommt, durchzogen wird. Das Thal liegt nördlich von Gader. das Becken an der Nordseite des Thaies. Arabisch heisst das Thal Mach*abi. doch gilt dieser Name vorzugsweise für dessen oberen, östlichen Theil, während der untere, westliche Theil Umzara genannt wird. Der Bach -Jarmuch wird auch Scheriet Ulmachabi. d. h. Sturzbach von Machabi, genannt, in der Umgebung rindet man Ruinen. Rings um das Becken sind noch manche Badevorrichtungen erhalten. Der Bach Jarmuch treibt hier eine Mühle. Sonst tränkt er die spärlichen Gai'tenan lagen des Thaies. Der Anblick des Thaies mit seiner üppigen Vegetation von einem südlich gelegenen Hügel aus ist herrlich. Durch systematische Garten- und Parkanlagen Hesse sich das Thal in ein Paradies umwandeln. Der Boden ist von einer ganz ausserordentlichen Fruchtbarkeit. Die Umgebung der oben erwähnten Quellen weist Palmen- und Akazienpflanzungen auf. Aus den Akazienblüten presst ein Beiruther christlicher Kaufmann alljährlich ein viel gesuchtes ätherisches Oel. Diese Felder um die Quellen sind von einer Fruchtbarkeit, von der man sich in Europa keine Vorstellung machen kann. Wenn die Bevölkerung es nur verstünde, einfache Gemüsegärten anzulegen, welch ergiebige Einnahmsquelle würde sie erhalten. Aber es ist schwer, ihr dies beizubringen, nach einigen Unterredungen habe ich den Versuch als fruchtlos aufgegeben. Im strömenden Regen ritten wir weiter nach Amkez. Ein Ritt durch diese fast weglose Gegend mit allen möglichen Terrainschwierigkeiten ist gerade nicht das Angenehmste, das man sich vorstellen kann. Im Dorfe Amkez mussten wir längere Rast machen. Wir fanden hier Reste altgriechischer Bauten, namentlich kunstvoll angelegte Grüfte mit in Stein gehauenen griechischen Inschriften. Wir haben heute wieder nur ein kleines Stück dieses gottgesegneten Landes gesehen. Touristen, die achtlos an all diesen Wundern der Natur vorüberziehen, müssen aus den devastierten und unbenüt/.ten Feldern falsche Vorstellungen über die Ergiebigkeit des Bodens erhalten. Wer aber tiefer sieht und nicht nur nach seinem Bädeker reist, sondern Land und Leute studiert, wird erkennen, dass hierzu nur ein Culturelement fehlt. Dieses kleine Stückchen Land, das wir bisher gesehen, wieviel tausende jüdischer Arbeiter könnte es beschäftigen, wieviel Ingenieure. Kaufleute. Gewerbetreibende und Handwerker, die rationell arbeiten, könnten hier ein schönes Feld für ihre Thätigkeit finden. Die Natur gibt hier alles, nur der Arbeitswille, die Energie und die modernen Hilfsmittel fehlen. Jüdische Flösser in Galizien und der Bukowina. Polnische Blätter berichten, dass sich galizische und Bukowinaer Juden an der Flösserei auf dem Czeremosz. einem Nebenflusse des Prath, seit letzter Zeit stark betheiligen. Wer das Flösserwesen einigermassen kennl. der wird die Thatsache, dass sich Juden diesem schweren und gefahrvollen Erwerbe widmen, zu würdigen wissen. Die Flösserei ist das Transportieren von in Partien zusammengebundenen Baumstämmen durch das Wasser. Die „Huzulen", ein tapferer ruthenischer Volksstamm, der die nordöstlichen Abhänge der Karpathen in Galizien und der Bukowina bewohnt, liessen sich vor circa 30 Jahren zur Flösserei kaum bewegen. Vor etwa -j Jahren tauchten die ersten jüdischen Flösser aus Kuty in Galizien und Wyznitz in der Bukowina auf. In dem jüdischen Flösserelemente sahen die Huzulen einen gefährlichen Concurrenten, den sie auf jede mögliche Weise aus dem Wege zu räumen trachteten. Den Kampf zwischen den Huzulen, die sich als Monopolinhaber der Flösserei auf dem Czeremosz dünkten, gegen die jüdischen „Eindringlinge*1 war ein schwerer und leidenschaftlicher, wobei mehrere jüdische Flösser ihr Leben verloren.