Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 13 (30.3.1900)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1900-03-30
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 8 ,Die & Welt" Nr. 13 Zeitschriftenrundschau. „News of the Week", eine Londoner Zeitschrift, brachte in einer ihrer letzten Nummern einen interessanten Aufsatz über die Armenpflege bei den Juden und bei den Engländern. Der Aufsatz gipfelt darin, dass sich die englische Gesellschaft die Wohlfahrtseinrichtungen der Juden zum Muster nehmen könne. Unter dem Titel .Jerusalem ' erscheint seit kurzem in Krakau eine literarisch-bibliographische Revue in hebräischer Sprache. Diese Revue, die vorläufig alle zwei Monate erscheinen soll, ist bestimmt, eine LüVke im hebräischen Schriftthum auszufüllen. Die Anzahl der Neuerscheinungen des hebräischen Büchermarktes ist nämlich in der letzten Zeit derart angewachsen, dass es den hebräischen Tages- und Wochenblättern bei bestem Willen nicht möglich war, dieselben einer Besprechung zu unterziehen. Die Aufgabe der neuen Zeitschrift soll es nun sein, das hebräische Lesepublicuni mit den Neuerscheinungen des hebräischen Büchermarktes bekannt zu machen. Die uns vorliegende erste Nummer legt davon Zeugnis ab. wie ernst die Redaction ihre Aufgabe auffasst. Fast sämmtliche Neuerscheinungen des hebräischen und allgemein-jüdischen Büchermarktes der letzten Zeit erfahren hier eine mehr oder minder ausführliche Würdigung. Nebstdem werden in dieser Nummer auch mehrere der interessanten Erscheinungen der Jargonliteratur besprochen. Die Revue „Jerusalem", als deren Herausgeber Herr J. Kreppel zeichnet, wird in hebräischen Leserkreisen sicherlich Anklang finden, j. z. „L'Echo Sioniste" enthält in seiner letzten Nummer einen instructiven Artikel über die Rothschil d'schen Colonien. Der Schreiber schildert die bekannten Zustände und wünscht, dass die J. C. A. den (Kolonisten mehr Freiheiten in der Verwaltung und im Verkaufe der Naturproducte gewähre. Der Artikel plaidiert für genossenschaftliche Vereinigung der Colonisten, Gewährung grösserer Credite seitens der Jüdischen Colonialbank unter gegenseitiger Haftung der Colonisten. Es sei zur Erzielung besserer Zustände absolut nothwendig, den Colonisten mehr Freiheiten als bisher zu gewähren. Die Colonisten hätten den Beweis geliefert, dass sie ihre Sache verstehen, namentlich gegenüber dem Fiasko in Argentinien müsse die neue Verwaltung einsehen, dass in Palästina bessere Zustände herrschen, und dementsprechend müsse auch die Behandlung der Colonien wie der Colonisten sein. In der Londoner hebräischen Zeitschrift „Hajehudi" veröffentlicht Dr. K. Lippe einen Artikel über „Die jüdische Cultur und der Baseler Congress". Der ehrwürdige Alterspräsident des I. Congresses hebt hervor, dass unser Volk trotz der Zerstreuung eine nationale Cultur sich bewahrt habe. Man müsse aber nicht denken, dass sich die jüdische Cultur als etwas absolut Homogenes äussere. Darum habe sich Dr. Lippe auch allen jenen Discussionen auf dem Congresse widersetzt, die Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse hervorbringen könnten. Man möge sich mit der Wiederbelebung der hebräischen Sprache und Literatur begnügen, und die Culturfrage werde ihre Lösung von selbst finden. „L'Echo Sioniste" schreibt in einer seiner letzten Nummern: „Wegen des Commentars, womit wir den Bericht über eine antizionistische Rede des Rabbiners Dr. Löwenstein aus Mosbach (Baden) begleitet haben, macht uns die „Laubhütte", ohne uns zu nennen, Vorwürfe. Es scheine ihr, als hätten wir einen Zwiespalt entfacht zwischen politischen und Colonisations-Zionisten. Das Blatt irrt. Wir haben keine Confusion angerichtet; im Gegentheile, wir haben recht gut begriffen, dass die Rabbiner-Blitze den politischen Zionisten gegolten, denen anzugehören wir die Ehre haben. Ob es sich nun um „politische" oder „colonisatorische" Zionisten handelt, die vom Herrn Rabbiner in Mosbach ausgesprochene Excommunication ist immerhin lächerlich und. anmassend." „American Hebrew" bringt in seiner letzten vorliegenden Nummer einen vorzüglichen Artikel aus der Feder unserer Gesinnungsgenossin Lea A s c.h e r in Worcester über die Frage „Was macht den Zionismus nothwendig?" „Weekly Standard" vom 3. d. M. bringt einen interessanten Bericht über die Predigt eines anglicanischen Geistlichen. Rev. J. Levinsohn sprach über „Die Juden der Gegenwartundder Zionismus" und führte ungefähr Folgendes aus: „Die unter allen Nationen zerstreuten Juden kann man in drei Kategorien eintheilen : Orthodoxe, Reformer und Indifferente. Diese Spaltung hindert nicht im mindesten die Ausbreitung des Zionismus in jenen Ländern, wo die Juden verfolgt werden. Die Absicht der Zionisten besteht in der Wiedererwerbung Palästinas. Sie suchen mit dem Sultan ein Abkommen zu treffen, seines Beistandes zur Erreichung ihrer Absicht sich zu vergewissern, um als Nation wieder anerkannt zu werden." Die in Wien erscheinende jüdische Zeitschrift „Die Wahrheit" bringt in ihren jüngsten Nummern eine Artikelserie über die Schächtfrage aus der Feder Hermann Berliners. In sachkundiger Weise und auf Grund zahlreicher Gutachten von namhaften Veterinär ärzten und Physiologen werden von dem Autor die Vorzüge des Schächtverfahrens gegenüber allen anderen Tödtungsmethoden dargelegt und die Ausführungen des Magistrats- Vicedirectors Preyer im Wiener Thierschutz verein ad absurdum geführt. Die Nummer vom '■). März der ..Hatchiah", der in Chicago erscheinenden ausgezeichneten hebräischen Wochenschrift, enthält u. a. einen aus Anlass des Purim höchst actuellen polemischen Artikel gegen die rabbinischen Gegner des Zionismus, die das Bestehen einer jüdischen Nation leugnen und behaupten, die Juden wären lediglich eine religiöse Gemeinschaft. An der Hand des Buches „Esther" weist der Artikelschreiber das .Unlogische und Unhaltbare dieser rabbinischen Ansicht nach. j. z. „Stirling Observer" schreibt: „Die Schwierigkeiten, mit denen die von den Juden betriebene Colonisation Palästinas noch zu kämpfen hat, sind sehr zu bedauern, namentlich für die, welche an die biblischen Prophezeiungen glauben. Der Sultan könnte wohl einen Augenblick, irregeleitet von seinen Rathgebern, zögern, die von den Juden verlangten Privilegien zu gewähren. Er wird indes bald zur richtigen Erkenntnis gelangen. Nimmt aber die Einwanderung in Palästina erst eine feste Gestalt an, dann wird sie sich als ein neues, glänzendes Capitel in der jüdischen Geschichte darstellen. Zerstreut über die ganze Erde, waren die Juden bisweilen beschützt, oft nur geduldet, aber immer verfolgt. Bei uns in England behandelt man sie wie unseresgleichen, und trotz dieser Gleichstellung lebt in ihnen ein nationaler Geist. Sie wollen sich erhalten. Welch ein merkwürdiges Volk! . . -" Das czechisch - realistische Organ des Professors M a s a r y k, der „Czas", schreibt in Nr. 37 vom 24. März 1900 in dem Artikel „Das Verhältnis unserer Partei zu den übrigen Parteien" Folgendes über seine Stellung zur Judenfrage : «Das Losungswort „Assimilation", hauptsächlich vom Liberalismus verbreitet, ist nicht genügend genau bestimmt. Rassenassimilation? Der müsste sicherlich eine Assimilation in der Cultur vorangehen, die nur durch beiderseitige Reform vor sich gehen könnte. Ebenso wie wir zur Erkenntnis gelangen müssen, dass.wir einer durchgreifenden Reform bedürfen, so müssen auch die Juden erkennen und es fühlen, dass sie sich reformieren müssen — doch das ist ihre Sorge. Und von dieser Seite ist uns der Zionismus sympathisch, weil er sich seines Judenthums nicht schämt