Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 12 (23.3.1900)
- Article
- Judeneinwanderung in der Türkei
- Date
- 1900-03-23
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ,Die & Welt" Nr. 12 Türkei ins Auge zu fassen. Sie ist gerade jetzt sehr interessant, und möglicherweise findet man in ihr eines der Motive, welche den Sultan bei seiner EntSchliessung geleilet haben, den Juden der benachbarten Länder den Eintritt in die Grenzen seines Reiches und ihre Ansiedlung innerhalb desselben nicht weiter zu versagen. Es beginnt sich nämlich seit kurzem das alte diplom itiscke Spiel am Bosporus zu erneuern. Auf die Pforte werden von allen Seiten Pressionen geübt, und jeder Botschafter, der sich im Sultanspalaste zeigt, wird mit ängstlich misstrauischen Blicken begrüsst. Früher war dies der alltägliche Zustand, nur beschränkte sich der Kampf der auswärtigen Einflüsse in der Regel auf ein diplomatisches Duell zwischen dem britischen und dem russischen Botschafter. Wenn Mentschikow im Palaste eine laute Sprache führte, so erhob Lord Stratford seine Stimme zu noch barscherem Tone. Erst mit der Entscheidung der Kreta-Frage durch das „europäische Concert", von dem sich in letzter Stunde Deutschland und Oesterreich - Ungarn zurückzogen — sie legten nach dem bekannten Ausspruche „die Flöte aut dea Tisch" — trat eine radicale Veränderung ein. Der Einfluss Englands schrumpfte zusammen, weil die britische Politik sich unfreundlich gegen die Türkei gezeigt hatte. Aber an Englands Stehe trat Deutschland, und jetzt hat dessen Botschafter die augenfälligste diplomatische Präponderanz. Deutschland geniesst grössten Respect und begegnet dem kleinsten Misstrauen bei dem Sultan und dessen Rathgebern. In dieser diplomatischen Constellation ist aber seit ganz kurzer Zeit ein leises Schwanken wahrzunehmen. Die Erfolge Deutschlands, die sich namentlich in wirtschaftlicher Hinsicht offenbaren und zunächst in der Concessionierung der Bagdad-Bahn einen sehr concreten Ausdruck gefunden haben, wecken das natürliche Verlangen Russlands, auch seinerseits die Eisenbahnverbindung mittelst einer von der Grenze Transk.ispiens ausgehenden Linie durch türkisches Gebiet in der Richtung nach dem persischen Golfe zu sichern, und der russische Botschafter übt demgemäss einen unverkennbaren Druck auf die Pforte. Das wäre indessen kein Grund, von dem Wiederaufleben der alten Rivalitäten zu sprechen, denn Russland und Deutschland stehen einander nicht im Wege. Vielmehr ist neuerdings ein stärkeres Hervortreten Englands wieder zu spüren. In London zittert man um den drohenden Verlust der persischen Einflusssphäre und sucht demgemäss in der Türkei wieder festeren Boden zu gewinnen. England hat nicht klug daran gethan, die Türkei auch nur vorübergehend als quantite negligeable zu behandeln. Das muss in den ersten Nöthen des südafrikanischen Krieges den britischen Staatsmännern lebhaft zum Bewusstsein gekommen sein. Jetzt ist der Sultan wieder sehr umworben, aber je mehr der Kampf der Mächte um den Einfluss am Bosporus sich compliciert, desto wichtiger wird es für die Türkei, ihre eigenen Fundamente zu stärken. Sie hat mit ihren Truppen die Griechen überwinden können, aber die schwerere Aufgabe ist, sich rechtzeitig für den Kampf zu rüsten, der ihr auf dem Gebiete der wirtschaftlichen und culturellen Entwicklung nicht erspart bleiben wird. Zu diesem Kampfe wird sie andere Truppen brauchen, Bataillone, die friedliche Arbeit verrichten, indem sie Gewerbe und Handel, Industrie und Verkehr in Schwung bringen, die vernachlässigte Erdscholle wieder auflockern und erntel'ähig machen, die Production beleben, zwischen Import und Export eine Brücke bauen. Die Gadres dieser Friedens-Bataillone sind leicht zu beschaffen, einen vielversprechenden Anfang dazu kann die Einwanderung der bulgarischen Juden bilden. Das sind Heimatlose, die eine Heimat suchen, um für sie zu arbeiten. Die Cypernfrage. Von Leo Paperiiu Bis in die letzte Zeit hinein glaubten wir, dass die Juden in Bezug auf coloniale Ausdehnung unter allen Nationen den ersten Platz einnehmen. Wir waren gewohnt, in allen Geographiebüchern zu lesen, dass unsere Rasse so ziemlich überall vertreten sei und dass sie mehr oder weniger zahlreiche Golonien bilde, selbst in den entferntesten Ländern. Es scheint aber, dass wir uns im Irrthum befanden. In der That haben in den letzten Jahren verschiedene jüdische Entdecker äusserst interessante Thatsachen festgestellt Im Jahre 1892 erfuhren wir durch Baron Hirsch, dass Argentinien der Juden völlig ermangle. Einige Jahre später constatierte ein gewisser Friedmann deren völliges Fehlen in verschiedenen Gegenden Arabiens. In der jüngsten Zeit endlich erfahren wir durch einen amerikanischen Journalisten, David T r i e t s c h, die Anomalie, dass auf der Insel Cypern die Juden nicht in passender Weise vertreten seien. Man weiss in diesem Momente noch nicht, ob es Juden am Nordpol, auf dem Mars oder im Monde gibt; man wartet dort ohne Zweifel auf jüdische Entdecker. Lassen wir indes die Geographen der Vergangenheit wie die der Zukunft und sprechen nur von dem, was uns für den Augenblick am meisten interessiert, nämlich von dem Cypernproject des Herrn Trietsch. Herr Trietsch ist weder Wohlthäter wie Baron Hirsch, noch ein zweifelhafter Unternehmer wie F r i e d rn a n n. er gibt sich vielmehr den Anschein, als sei er sowohl Politiker, wie Nationalökonom. Sprechen wir heute von dem Politiker. Politisch scheint uns die aufgeworfene Frage nicht sehr wichtig. Wir sehen nicht recht ein, wie die Etablierung von Juden in Cypern ein Bollwerk für Palästina sein könnte, wo doch eine einigermassen grosse jüdische Bevölkerung noch fehlt. Soll dieser Staat, wie man uns glauben machen will, die erste Etappe bilden auf dem Marsche nach Palästina? Das wäre bizarr. Man scheint zu vergessen, dass eine sociale oder politische Gruppierung nicht wie die Figur eines Schachbrettes ist, die man nach Bedürfnis vor- und zurückschieben kann. Herr Trietsch denkt also daran, die Juden auf Cypern sesshaft zu machen. Er denkt, wie uns scheint, nicht daran, dass die Juden dort unter Zelten leben müssten, wie in der Wüste. Aber was wäre von einer derartigen Eroberung zu erhoffen? Würden dadurch die Hindernisse beseitigt, welche sich uns in den Weg stellen? Wir fragen uns, wo ist die Hilfe, die eine autonome englische Provinz zu bieten vermöchte? Ihr politischer Einfluss wiegt doch nicht gar schwer. Oder sollte es sich um eine englische Intervention handeln? Lohnte es sich, darum einen Umweg zu machen? Wir verstehen absolut nicht, warum wir auf Umwegen dem Ziele zusteuern sollen, wo doch der politische Zionismus mit aller Klarheit den geraden Weg weist. Abgesehen davon, würde die vom Congresse eingeschlagene Politik dadurch compromittiert, die auf gegenseitige Concessionen basierende Politik nach dem Grundsatze: „Do, ut des*. Man merke wohl: Wir erörtern die Fragfc mit Leuten, die die Cypern-ldee mit ihren zionistischen Ideen vereinen zu können glauben. Wir lassen jene,