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Die Welt · 1900-03-23 · 12 (23.3.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
12 (23.3.1900)
Article
Judeneinwanderung in der Türkei
Date
1900-03-23
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaction und Administration: WIEN IX., TQrkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heller. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. 12 Wien, 23. März 1900. 4. Jahrgang Nachdem Ende des Monats viele Abonnements ablaufen, wird um rechtzeitige Erneuerung gebeten. Geldsendungen aus Russland erfolgen am besten in recommandierten Briefen. Papiergeld aller Staaten wird in Zahlung angenommen, anstatt kleiner Münzen wollen Briefmarken beigeschlossen werden. Judeneinwanderung in der TUrkei. Von 0. Erter. Eine freundliche Meldung kommt aus Gonstantinopel. Den Juden von Bulgarien und Ostrumelien gestattet ein Irade des Sultans unter denselben Bedingungen wie den Muselmanen die Einwanderung in die Türkei. Das ist ein Act des Sultans von grosser Staatsklugheit, die wir gebürend rühmen wollen. Er hat aber auch eine tief menschliche Bedeutung, und deren dürfen wir uns vom Herzen freuen. Betrachten wir zuerst, was menschlich ist und wahrhaft erlösend wirken kann an der Entschliessung des Sultans. Das Schicksar der Juden in Rumänien ist beweinenswert, das der Juden in Bulgarien nicht beneidenswert Der rumänische Jude ist ein Fremdling auf dem Boden, auf dem er geboren wird, auch wenn er auf Generationen von Vorfahren zurückblicken kann, die in Rumänien schon angesessen waren. Was dies für seinen Lebensstand bedeutet, hat man sehr oft schon schaudernd erlebt. Er ist heimatlos, und das heisst, schutzlos sein. Sein Besitz ist schwankend, seine Erwerbsfähigkeit gefesselt, seine persönliche Sicherheit unverbürgt. Wenn, wie gerade in diesem Augenblicke wieder, die beiden sich bekämpfenden politischen Parteien auf die Strasse herabsteigen, um sich mit Demonstrationen und Krawallen anzurempeln, so ist der Jude seines Lebens nicht sicher, denn ihn schützt kein Gesetz. Die Juden in Rumänien gehören zu den Unglücklichsten auf dem Erdball. Und in Bulgarien und Ostrumelien ist es ihnen auch nicht beschieden, Seide zu spinnen. Die politische Entwicklung in Bulgarien ist un- . sicher und turbulent, der finanzielle Zustand ist kläglich, der Volkscharakter zur Toleranz wenig qualificiert. Nun eröffnet der Irade des Sultans den Juden in Ostrumelien und Bulgarien die Möglichkeit, im türkischen Reiche eine Zuflucht zu finden. Er stellt ihre Einwanderung unter die gleichen Bedingungen, wie die Einwanderung der Muselmanen. In der Türkei gibt es keinen Antisemitismus. Den Juden ist in der Türkei jederzeit Luft und Licht mindestens zu materieller Entfaltung gegönnt worden. Nicht zu den Juden, sondern zu den slavischen Christen, in deren Namen Europa die Türkei so sehr bedrängte, ist der Muselman in einen harten Gegensatz getrieben worden. Wenn es tortan den unglücklichen Juden Bulgariens und Ostrumeliens gestattet sein wird, im türkischen Reiche Zuflucht zu suchen, so wird ihr Los gebessert sein. Die türkischen Juden in Salonich, in Constantinopel, in Smyrna sind gute Vorbilder, denen die jüdischen Einwanderer aus Bulgarien nachstreben, an denen sie den festen Rückhalt der Blutsverwandtschaft gewinnen können. Ihrer Betriebsamkeit, ihrer Entwicklung in Wohlstand und Ueberwindung der Lebensnothdurft wird keine Schranke gesetzt sein. Ob die Menschlichkeit zur Entschliessung des Sultans den entscheidenden Anstoss gegeben hat, darüber stellen wir keine Reflexionen an. Uns ist sie natürlich das Vorwiegende. Wir haben das Elend der Balkan-Juden so schwer mitempfunden, dass wir die Erleichterung desselben wie einen Lichstrahl, der uns selbst den Weg erhellt, begrüssen. Aber wir verkennen nicht, dass die Entschliessung des Sultans von grosser Staatsklugheit eingegeben ist. Die Türkei braucht nothwendig den Zufluss von betriebsamem Menschenmaterial, das, ohne ein destructives Element im Staate zu bilden, für diesen vielmehr ein ökonomisches, ein Güter vermehrendes Element zu sein geeignet ist. Der Alttürke ist bieder, treuherzig, rechtschaffen, aber er ist nicht beweglich und rührig, wie Handel und Verkehl? es erheischen. Auch die Türkei kann in unserem Zeitalter nicht in der lethargischen Abgeschlossenheit früherer Epochen verharren. Je liberaler sie die jüdische Einwanderung erleichtert, desto sicherer verstärkt sie gegenüber den revolutionären slavischen und armenischen Elementen die Grundlagen ihres eigenen Bestandes. Der Sultan kann auf die Dankbarkeit der jüdischen Einwanderer rechnen. Um die politische Tragweite des Actes zu ermessen, mittelst dessen der Sultan den Juden aus Bulgarien die Einwanderung in die Türkei unter den gleichen Bedingungen wie den Muselmanen er möglicht, ist es nützlich, die momentane Situationder-

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