Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Article
- Verwechslungen
- Date
- 1900-03-16
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315863-3367544--18454-3367683- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 ,Die 2£ Welt«« Nr. 11 Religion ist, so ist doch der kein Jude mehr, der noch nicht einmal an den hohen Feiertagen die Synagoge besucht und seine Knaben nicht beschneiden Iässt. So müssten es die Rabbiner doch freudig begrüssen, wenn durch die zionistische Bewegung und das damit neu erwachte Gefühl nationaler Würde den edlen und vorgeschrittenen Juden jede Assimilations-Tendenz aus den Herzen verscheucht wird; und ihre gegensätzliche Stellung zu der nationalen Bewegung müsste nur aus einem papierfarbenen Opportunismus der Oberflächlichkeit erklärt werden können, der eine kleine, umgrenzte Wirklichkeit nicht verwirren lassen möchte. In den deutschen Gegenden, etwa in Westfalen oder Pommern, begegnen wir oft genug der Erscheinung, dass die holdeste jüdische Idylle eine Mischung naiver assimilatorischer Würdelosigkeit und schönster, treueste-r Familienreligiosität aufweist. Die Mütter sehen es wohlgefällig, wenn ein Mädchen wie ein christliches, etwa ein Bauernmädchen, so blond und rothwangig ausschaut, und dabei sind gerade sie die strengsten Wächterinnen der von einem langlebigen, „christlich ausschauenden- Ahn überkommenen Religionsübung. Aber zumeist trifft es doch zu, dass die Assimilations-Tendenz zugleich von der jüdischen Religion abzieht oder gar einen feindseligen Gegensatz hervorruft. Wenn der germanisch klobige Grabbe von den „Juden" spricht, „die durch Schweinefleischessen ihre Bildung beweisen wollen", so kann man auch sagen, dass sie durch eine ostentative Abtrünnigkeit von der jüdischen Religion den Grad und die Echtheit ihrer nationalen Assimilation erweisen möchten. Andererseits mag zugegeben werden, dass, wie sich bei den Juden einmal die leligiösen Gefühle nach der Zerstörung des gottesdienstlichen Centrums, des Tempels, entwickelt haben und an Stelle des nationalen Bewusstseins getreten sind, das wirkliche, irdischej nationale Gefühl einen Gegensatz zu dem theokratischen, von allen irdischen, also auch nationalen Bedürfnissen losgelösten, wolkenschwebenden Religionsbewusstsein bilden könnte. Zwar eine Theokratie nmss nicht' naturnothwendig einen Gegensatz zu nationalen Bedürfnissen bilden; sie kann nationale Bestrebungen gerade stützen und dann unendlich stark machen. Der katholische Clerus war es, der den nationalen Widerstand gegen Napoleon in Spanien und Tirol so erfolgreich machte, und Heine phantasierte einmal, wie der Kaiser auf St Helena seinen Fehler eingesehen hätte, dass er bei der üblen Behandlung des Papstes auf die religiösen Instincte der Völker nicht Rücksicht genommen. Und der Zionist wird die Bedeutung eines echt religiösen Sinnes im Judenthum für seine nationale Wiedergeburt umsomehr anerkennen dürfen und sogar gegen den umfangreichen Ausbau einer hoch berechtigten Theokratie und Hierarchie nichts einzuwenden brauchen, als gerade die gegenwärtige jüdische Religion durch veränderte politische und nationale Verhältnisse wieder zu ihrer ursprünglichen herrlichen Gestalt zurückgewandelt werden könnte. Er wird — gleichsam ein moderner Karait — sagen, dass die jetzige Gestalt sich zu der ursprünglichen so verhalte, als wenn ein Moderner der Verehrung für Goethe dadurch leben wollte, dass er die philologischen Gomrnentare, die umfangreicher sind als Goethes Werke selbst, studieren sollte und nicht nach dem goldenen Wesen seines Abgottes denken und leben. Der altfranzösische, von den Deutschen übernommene Spruch: „Hilf Dir selbst, so wird Dir Gott helfen-, könnte gar ' wohl auf dem Boden der ursprünglichen Religion entwachsen sein. Die religiösen Völker sind die wertvollsten in der Weltgeschichte. Die ihrem Gotte treu sind, werden es auch dem Könige bleiben. Wer eben von echter Religion, also von Ehrfurcht gegen Gott, erfüllt ist, wird nicht gedrängt sein, sein Ich aufdringlich in den Vordergrund zu stellen, und sich gerne einem grossen, allgemeinen Zwecke wie dem Staate unterordnen. Hamanität — Humanität — Nationalität. Von Rüben A. Braudes. In Jerusalem befindet sich eine kleine jüdische Colonie, die mit Erlaubnis des Cyrus unter der Führung von Serubabel aus Babylon zurückgekehrt ist, um gemäss den Weissagungen der Propheten den Tempel wieder aufzubauen. Aber das heilige Werk erlitt eine jähe Unterbrechung. Die Samaritaner hatten die Zurückgekehrten bei dem persischen Könige, dem Nachfolger Cyrus?, denunciert, und die Juden mussten den Bau einstellen. Trauer herrschte darob in der kleinen Schar der heimgekehrten Jüdisch- Nationalen. Die Fundamente des Tempels und der Stadtmauer stehen unvollendet. Alles klagt und jammert und aller Augen sind nach Schuschan, der persisch-medischen Hauptstadt gerichtet; von dort soll eine neue Entscheidung kommen: denn sie haben abermals um die Bewilligung zur Vollendung des Nationalwerkes angesucht. In Schuschan jedoch leben die Juden als persische Unterthanen ruhig und glücklich. Die Assimilation steht hier in vollster Blüte. Die Juden sprechen die Landessprache, gehen Mischehen ein, bekleiden hohe Aemter im Reiche, und einige von ihnen werden ab und zu sogar zur Hoftafel geladen. Dass sie sich unter diesen erfreulichen Umständen um ihre Brüder in Palästina blutwenig kümmern, ist selbstverständlich. Wer wird sich denn um „die paar Fanatiker" scheren, die hinausgewandert sind, das alte Vaterland zu beleben und Jerusalem wieder aufzubauen? Und nun taucht plötzlich Haman auf und theilt dem König die Entdeckung mit: „Es gibt ein Volk in Deinem Reiche, dessen Gesetze andere als die unserigen sind .. . wir müssen es vernichten." Was di,e Juden beständig zu verleugnen suchten -- Haman hat es entdeckt; sie haben ihr jüdisches Volksthum. stets verleugnet, sie wollten ihre Nationalität mit einem fremden Mäntelcben verhüllen. Der Feind aber Hess sich nicht täuschen und verfolgte sie als Volk. — Den Juden fallen nun die Schoppen von den Augen; sie erkennen den Ernst der Lage und appellieren durch die Königin Esther an die Humanität, an die Barmherzigkeit des Königs. „Wenn wir als Sclaven und Sclavinnen verkauft worden wären, hätte ich nichts gesagt," sprach sie zum König Ahasverus, „aber es ist beschlossen worden, uns zu vernichten, und das würde auch dem Staate Schaden bringen." Die Humanität ist hier der Hamanität entgegengetreten : die erstere hat gesiegt. Der König liess sich erweichen, die Juden wurden vom Tode errettet. Und jetzt, nachdem die Juden zur Besinnung gekommen waren, nach dem Tode Hamans, erwachten allmählich die jüdischnationalen Gefühle im Volke; Sie wurden zur Volksidee. Esra und Nehemia konnten dann später an diese Ideen anknüpfen und das Volk aus Babylonien in die alte Heimat Palästina hinausführen, wo ein neues, Jahrhunderte währendes jüdisches Reich erstand. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein unterdrücktes, geknechtetes Volk sich nicht in der Verfassung befindet, an die Wiederherstellung der nationalen Selbstständigkeit, an die Wiederkehr ins eigene Land zu denken; aber auch die Zeit, da man den Juden eben die Menschenrechte verliehen, war für die Entwicklung der jüdischnatioDalen Gefühle nicht sonderlich günstig gewesen^ Das