Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 11 (16.3.1900)
- Article
- Verwechslungen
- Date
- 1900-03-16
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315863-3367544--18453-3367682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaction und Administration: IX., Türkenstrasse Nr.! Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, EX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Heiter. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. Oesterreich-Ungarn: ganzjährig 12 Kronen, halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf.. England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten _ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 Doli. 40 Ct. Nr. Ii Wien, »6. März 1900. 4. Jahrgang Nachdem Ende des Monats viele Abonnements ablaufen, wird um rechtzeitige Erneuerung gebeten. Geldsendungen aus Russland erfolgen am besten in recommandierten Briefen. Papiergeld aller Staaten wird in Zahlung angenommen, anstatt kleiner Münzen wollen Briefmarken beigeschlossen werden. Verwechslungen. Von Robert Jaffe. Die Seele der Völker hat in ihrer Einfalt und Eingeschränktheit und ihrem Mangel an scharfer logischer Unterscheidungsgabe wunderliche, verschwommene Vorstellungen von den Grenzen, die unter den Menschen durch die Religionsbegriffe gezogen worden sind. In den deutschen Gegenden, wo die Bevölkerung zumeist aus Evangelischen besteht, bedauert ein Evangelischer wohl die Verschiedenheit der Religionen und die feindseligen Gesinnungen, die zwischen „Christen, Katholiken und Juden* herrschten, und zwischen den „Ghristen und Katholiken" noch mehr als „zwischen diesen und den Juden". In der preussischen, ehedem polnischen Provinz Posen werden die Begriffe „Polen" und „Katholiken" durchaus miteinander verwechselt, und es mag unmöglich sein, selbst den intelligenteren Leuten, als ob ihr Intellect und logisches Unterscheidungsvermögen gleichsam verhärtet wären, klar zu machen, dass das eine eine nationale und das andere eine religiöse Kategorie. Auch wenn man es ihnen in stundenlangen, mühevollen, feinen Deductionen auseinanderzulegen suchte, kommen sie endlich immer auf ihr ursprüngliches Missverständnis zurück. Die höheren Beamten, die etwa aus dem Rheinlande kommen und katholisch sind, aber ihre deutsche Nationalität natürlich durch eine steile Wand von der polnischen abgegrenzt halten, werden als „Deutsch-Katholiken" bezeichnet, und die etwa 12.000 protestantischen Polen, die — als Ausnahme und Bestätigung der Regel — im Fraustädter Kreise wohnen, bilden eine solche logische Schwierigkeit für die volksthümlichen Begriffe von Religion und Nationalität, dass ihre Existenz wie ein transcendentales Wunder gar nicht begriffen wird. So empfinden die weiten Kreise der christlichen Völker den Juden gegenüber in ihrem Bewusstsein, wenn gewisslich auch ein Rassengegensatz im Instincte vorhanden ist, nur den Gegensatz der „Confessionen". Anthropologische Fanatiker, die mit Schädelmessungen in einer politisch und confessionell einheitlichen Bevölkerung Grenzscheiden auf'reissen wollen, und fanatische Rassenantisemiten wie Dühring und Friedrich Lange werden gar nicht begriffen, bleiben vereinzelt und erscheinen wie krankhaft überhitzte Unnaturen. Es mag da nicht verwunderlich sein, dass diejenigen Juden, die so sehnlich um eine Assimilation an das deutsche Volk bemüht sind, sich mit überlegener Klugheit dieses naive Missverständnis gern gefallen lassen und es mit einer taschenspielermässigen Unbefangenheit ausnützen, die von bewusster Heuchelei schon nicht mehr weit entfernt ist. Sie constatieren einen Widerspruch, wenn Treitschke die Toleranz des weisen Nathan feiert und zugleich aus deutschnationalen Motiven politischer Antisemit wird. Sie halten sich nicht nur für „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" (was, wenn auch nicht nach dem allgemeinen wirklichen Empfinden, so doch nach der theoretischen Construction manchesterlicher Staatsrechtsprofessoren erlaubt ist), sondern auch für Deutsche jüdischen Glaubens. Der Besitzer und Cbefredacteur einer Berliner Zeitung, der ein getaufter Jude, aber zugleich der Schwiegersohn eines Juden ist, betonte anlässlich einer Polemik in einer ausdrücklichen Erklärung, dass an seinem Blatte nur Christen beschäftigt seien. Aber der Zionist, der doch gar keinen Grund hat, das Erschleichen einer Assimilation an fremde Völker zu unterstützen, wird mit strengerer Logik die Begriffe der „Religion" und der „Nationalität" auseinanderzuhalten wissen und am Körper seines eigenen Volkes — ohne Beziehung auf seine assimilatorischen Bestrebungen — die Folgen dieser Vermischungen und Verwechslungen spüren. Dabei wird er genöthigt sein, die feinsten Fäden und Zellen von einander zu scheiden. Wenn die Vermengung von Religion und Nationalität den die Assimilation um jeden Preis ersehnenden Juden zur Verhüllung der Grenzgräben fördersam sein kann, so mag sie für die Religion selber durchaus nicht von Nutzen sein. Sie legt es dem abtrünnigen Juden nahe, seine Assimilations-Bemühungen durch eine ostentativ zur Schau getragenen Gleichgitigkeit oder gar Feindseligkeit gegen die jüdische „Confession" zu beglaubigen. Sobald das Judenthum wirklich nur eine