Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Article
- Jüdische Musik
- Date
- 1900-03-09
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 10 »Die & Welt" Seite 5 den Ruf nach Freiheit erschallen lässt. Und wie in den Juden der Nationalgedanke wieder wach geworden ist, so werden auch jene alten, längst verklungenen Weisen wieder erstehen und im Munde vieler tausender fortklingen. „National-Erinnerungen liegen tiefer in der Menschenbrust als man gewöhnlich glaubt. Man wage es nur, die alten Bilder wieder auszugraben, und über Nacht blüht auch hervor die alte Liebe!" (Heines Reisebilder aus Norderney I.) Jüdische Schädlinge. Aus dem Ghetto stammt meine Kenntnis des sicherlich über jeden Zweifel erhabenen Spruches: „Wer da redet auf seine Mischpochoh, an dem ist keine Brochoh". So gross und so intensiv entwickelt auch bei uns Juden der Familiensinn ist, was selbst unsere heftigsten Gegner zuzugeben sich bemüssigt sehen, so sind wir doch leider öfter, als uns lieb ist, in die unangenehme Lage versetzt, diesen Spruch unseren Glaubens- und Stammesgenossen vor Augen zu halten. Denn er gilt nicht nur für die Familie im engeren Sinne, sondern auch im weitesten und allgemeinsten Sinne, also für die Glaubens- und Stammesgenossenschaft. Bezeichnen wir doch alle Juden in unseren Gebeten als „Chaweiiin" und „Achim". Ich will damit gewiss nicht einen Angriff auf die Gewissen derer unternehmen, welche mit Aristoteles sagen : „Amicus mihi Plato. magis amica veritas", sondern nur diejenigen festnageln, welche, ohne Selbsterkenntnis zu üben, ohne zu denken, ohne über ihre Nase hinauszusehen, bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit Worte, Phrasen, Gemeinplätze im Munde führen, deren Tragweite sie nicht zu ermessen vermögen, miteinereiner besseren Sache würdigen Consequenz starr und unbeugsam an ihnen festhalten und einer Belehrung unzugänglich sind. Dadurch wird oftunheilbarer Zwist unter die Mitglieder sonst friedfertiger Familien getragen, sie werden einander entfremdet, denn wie könnten sich nüchterne, kühl erwägende Menschen am unrechten Orte der Toleranz befieissigen? Wie könnten sie sich gegenüber kurzsichtigen Leuton. welche sich und das Judenthum prostituieren, zu einem Sacrificio ilell" inteletto verstehen V Ich kenne jüdische Industrielle, die in unserer Zeit, in welcher Juden von Andersgläubigen meist einen Refus bekommen, sich beharrlich weigern, ihre Kinder von jüdischen Lehrern unterrichten zu lassen, weil die christlichen angeblich ein schöneres Benehmen, mehr Takt haben, — die sichnicht entschliessen könne, jüdische Buchhalter anzustellen, weil der Christ sauberer, reinlicher schreibe (sie!). Haben sie vielleicht die Erfahrung auf ihrer Seite? Beileibe nicht. Denn sie haben, als sie noch „kleine Leute" waren und sich mit e i n e m Buchhalter beschieden, Juden verwendet, welche ihnen vortreffliche Dienste leisteten, ihre vollste Zufriedenheit errangen und nur ungern entlassen wurden, als sie heirateten und sich infolge dessen nach besser bezahlten Posten umsehen mussten. Ein Verwandter eines dieser Herren Chefs, selbst ein Industrieller, erzählte mir, dass er ihn durch schlagende Gründe widerlegte und, als es nichts fruchtete, ihn durch dieses Argumentum ad hominem, durch den Appell an seine Vergangenheit eines Besseren zu belehren suchte. Doch auch dieser Appell blieb vergebens. Der Herr Chef bestand nun einmal auf seinem Sehein : er war eben mit seinen höheren Zwecken gewachsen und wollte an die Vergangenheit nicht erinnert sein, obwohl er sich mit seiner Frau in Uebereinstimmung befindet, dass sie ihre Einkäufe nicht bei Ariern macht, obwohl er am Passahfeste ungesäuerte Brote nicht verschmäht und an den hohen Feiertagen sich in der Rolle eines strenggläubigen Juden gefällt. Mein Gewährsmann aber hat sich mit seinem „objectiven" Verwandten zerschlagen: er verkehrt wohl noch üusserlich mit ihm, aber die Wärme ist verflogen. Wieder andere Juden steifen sich darauf, bei jüdischen Professionisten nicht arbeiten zu lassen. Sie entlehnen ihre Gründe dafür der Rüstkammer der raffiniertesten Sophistik. Sie geben vor, dass die glaubensgenössischen Handwerker die antisemitische Strömung ausbeuten, mit ihr wuchern werden. Sie würden, gestützt darauf, dass es Ehrensache und Pflicht eines jeden Juden sei, unter den gegenwärtigen Zeitläuften nur bei Juden arbeiten zu lassen, auf die Bestellungen nicht die nothwendige Sorgfalt verwenden, im Bewusstsein ihrer Unentbehrlichkeit nachlässig zu Werke gehen. Anstatt es darauf ankommen zu lassen, dass ihr Calcül sich nicht bewahrheitet, dass die jüdischen Professionisten sich nicht als Menschen einer anderen Kategorie erweisen, wollen sie sozusagen den „Oberchochom" spielen und nicht warten, bis sie durch Schaden klug werden. Jüngst war ich Zeuge einer höchst unerquicklichen und peinlichen Scene. Ich war bei einer liebwerten jüdischen Familie zu Besuch und wurde unter anderem einem Vetter und einer Base der Haustrau vorgestellt. Man kam auf die Sommerfrischen zu sprechen, in denen man die verflossenen Ferien zugebracht hatte. Der Hausherr nannte den Ort, in dem er mit seiner Familie den Sommer über geweilt hatte. Da Hess sich der Herr Vetter vernehmen, er würde um keinen Preis dahin gegangen sein, weil er die jüdischen Protzen nicht ausstehen könne. Dei Hausherr, der ein guter Jude ist, wies ihm haarscharf nach, dass er gedankenlos einem leeren, hohlen Schlagworte folge, setzte ihm auseinander, dass die Christlich-Socialen, von denen es in seiner Sommerfrische wimmelte, die eigentlichen und wahren Protzen seien, da sie unter dem Aushängeschilde der Religion der Liebe mit frommem Augenaufschlage wenig liebenswürdige Thaten verrichten, und nannte ihn in edler Aufwallung einen Antisemiten. Der so Zurechtgewiesene wollte dies nicht gelten lassen, da er sich wegen der Polnaer Affaire mit einem christlichen Collegen überworfen habe, die Frau Base kam ihrem bedrängten Gatten zu Hilfe und Hess es sich nicht nehmen, dass die Juden übermässigen Aufwand treiben, zur Bestreitung desselben auch häufig auf schwindelhafter Grundlage Geschäfte ins Leben rufen und rasch dem Concurse anheimfallen. Bei allen sittlichen Vorzügen stellen die Juden das grösste Contingent bei den Bankerottenren. Der Hausherr fuhr sie darauf etwas heftiger an, woher sie dies wisse, ob sie dies etwa belegen könne, wie sie die Stirne habe, ein so grosses Wort gelassen auszusprechen, da sie keine statistischen Studien betreibe, und der Schlusseffect war. dass das Ehepaar beleidigt von dannen gieng und seither schmollt. Und nun noch ein Pendant dazu. Das Ehepaar hat einen Onkel, dessen Herz warm für das Judenthum erglüht. Er hat zwei Söhne, von denen der eine akademischer Bürger, der andere ein Bankbeamter ist. Jener hängt mit Leib und Seele an der zionistischen Idee, dieser beschäftigt sich in seinen Mussestunden mit Theosophie und mystischen Problemen. Er ist Vegeterianer aus Ueberzeugung, weil er an die Seelen Wanderung glaubt, er ist in den Buddhismus vertieft, hält ihn für den Gipfelpunkt aller Cultur und vermisst sich, die jüdische Religion, deren elementarste Kenntnisse er sich am Gymnasium aneignen musste, weil er sonst durchgefallen wäre, als eine inferiore zu bezeichnen. Allabendlich gibt es scharfe Conflicte zwischen den Brüdern, und der arme Vater sieht mit Wehmuth, wie der Beamte sich ihm und dem Glauben seiner Väter entfremdet hat. Vergebens mahnt er ihn, statt in die Veden sich in die Bibel und Graetz' ..Geschichte der Juden" zu vertiefen. Es ist zu spät. Er hat den jungen Mann zu lange sich selbst überlassen, als dass er jetzt noch aaf ihn Einfluss nehmen könnte. Ich begnüge mich mit diesen wenigen Beispielen, obgleich ich ein ganzes Füllhorn ausschütten könnte. Sic sind