Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 10 (9.3.1900)
- Article
- Jüdische Musik
- Date
- 1900-03-09
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 »Die Welt" Nr. 10 erhalten. Jedenfalls bestand zwischen dem Gesang im Tempel und den Volksliedern kein grosser Unterschied: das beweisen die Ueberschriften vieler Psalmen, in denen offenbar dem Volke bekannte Gesänge als Grundlage der Sangesweise angegeben werden : so finden sich Bezeichnungen, wie nach „Hindin der Morgenröthe" (Ps. 22), nach „Stimme der Ferne" (Ps. 5(j), nach „Verdirb nicht" (Ps. 57, öS, 59 und 75) u. s. f. Dasselbe dürfte mit den Worten „bei oder nach der Hausweihe" (Ps. 30) nach der Erklärung de Wettes der Fall sein, der annimmt, es sei damit die Melodie eines Liedes, welches bei der Einweihung von Häusern gesungen wurde, gemeint; manche andere Bezeichnungen sind zweifelhaft, wie ..Sctvminith" zu Beginn des 6. Psalmes: Ibn-Esra behauptet daraus eine achtstufige Scala. wo Männerstimmen in der Octav mitsangen, während R. Sal. J a r c h i und mit ihm die meisten neueren Ausleger dies nur auf die Begleitung eines «ichtsaitigen Instrumentes beziehen : dasselbe ist bei dem Worte „Alomoth" (Ps. 4-G, Mädchenstimme oder Instrument) der Fall. Von älteren Zeugnissen über jüdische Musik verdient das des Thilo besonders hervorgehoben zu werden, weil er noch den lebendigen Klang der jüdischen Sprache gehört hat: er berichtet von den Therapeuten, „dass ein in ihrer Mitte Aufstehender einen Lobgesang anstimme, und zwar entweder einen von ihm selbst verfassten oder einen alten, von früheren Dichtern, welche Dichtungen in verschiedenen Versmassen hinterlassen hatten, trimetrische, Danklieder, Loblieder, Hymnen bei Trankopfern, Altar- und Chorlieder, wohlgemessene Gesänge mit abwechselnden Strophe n". Etwas Aehnliches berichtet der heilige Paulus von den ersten Christen; er nennt diese Gesänge ö>oot;?r/s!>uLcre:x&?, Sänge begeisterten Anhauches, im Gegensatze zu den überlieferten, daXjxot und uiivou Durch die Annahme einer vierstufigen Tonleiter erklärt sich die Eintönigkeit des Psalmodierens, welche von den Christen übernommen wurde; wie wir überhaupt annehmen können, dass die Anfänge christlicher Tonkunst an die der Juden anknüpften. St. Augustinus berichtet hierüber: „Tarn modico flexu vocis faciebat sonare lectorem psalmi, ut pronuncianti vicinior esset, quam canenti (Confess. X. Aehnlich: Isidorus de offic. 1,5). — Ob die alten Juden auch die Harmonie kannten, oder ob unisono gesungen wurde, darüber haben Speidel und Anton weitläufige Untersuchungen angestellt, sind aber zu keinem unanfechtbaren Resultate gekommen. Wie der christliche Kirchengesang anfangs manches von den Juden übernahm, so haben später umgekehrt die Juden von den Christen entlehnt; dies gilt namentlich von dem sogenannten „Trop", die B. J a k o b s o h n mit den Tropi des gregorianischen Gesanges vergleicht. Einige Tropi des St. Gallener Mönches T u o t i 1 o weisen thatsächlich, sowohl was die Behandlung des Textes als auch die der Stimmführung betrifft, grosse Aehnlichkeit mit unseren gebräuchlichen Trops auf. Obercantor Rosenh a u p t in Nürnberg machte die hochinteressante Mittheilung, dass in zwei Folien des Professors Dr. B e n g, welche aus dem 17. Jahrhundert stammen und Stücke von Palästina etc. enthalten, über jeder Messe oder sonstigen Composition das Motiv mithebräischenLetternstand, und diese Melodien stimmen genau mit unseren süddeutschen mj*n überein. Den letzteren gleichen auch die in dem Werke: „Musique r^ligieuse ancienne et morceaux en usage dans les temples consitoriaux de Paris" von Samuel David enthaltenen, und mit „C h a n t s traditionells" bezeichneten Melodien vollkommen. Alle diese Umstände weisen darauf hin, dass es einst eine jüdisch-nationale Musik thatsächlich gegeben hat. Allerdings sind die Spuren derselben nicht allzu zahlreich; wenn man aber bedenkt, welche Stürme über das kleine, Jahrhunderte hindurch geknechtete Volk dahingebraust sind, wird man noch darüber staunen, dass dieses wenige gerettet wurde. — Es gibt zwar Leuteweiche an dem Bestehen einer, jüdischen Musik zweifeln, wie Professor Berlaud, der in einer vor kurzem erschienenen Schrift sehr viel sagt, aber sehr wenig beweist: dies ist aber kein Wunder, denn es fehlen heute noch die wichtigsten Vorbedingungen zu einer eingehenden Untersuchung, das eigentliche Material, ohne welches der Forscher nichts beginnen kann : es existiert bis heute noch keine einzige halbwegs umfassende Sammlungjüdischer Melodien! Und solange wir eine solche nicht besitzen, wird jedes Urtheil auf Sand gebaut sein. „Zuerst gesammelt und dann geprüft!" sagen unsere Weisen, und auf nichts könnte man diese Worte mit mehr Recht anwenden, als auf den bestehenden Streit über nationale Musik. Der richtige Zeitpunkt für eine solche Sammlung ist jetzt gekommen; das jüdische Volk hat den Nationalitäts- Gedanken wieder seiner ganzen Bedeutung nach erfasst, es arbeitet an der Wiederherstellung seiner nationalen Einigkeit; unter den vielen Dingen, die bereits jetzt in Angriff genommen werden, verdient die Sammlung jüdischer Melodien gewiss einen hervorragenden Platz: das Material hierzu ist reichlich vorhanden. An einzelnen Orten wurde mit der Sichtung bereits begonnen. So liess Herr Oberrabbiner Dr. Imanuel L ö w eine grosse Anzahl von Gesängen altfranzösischer Herkunft an Ort und Stelle copieren. Was dergestalt einem einzelnen möglich war, müsste, von einer Vereinigung, welche eigens zu diesem Zwecke gebildet wird, unternommen, unbedingt ein günstiges Resultat ergeben. — Als das erstemal durch L u b o r eine Herausgabe jüdischer Tempelgesänge erfolgte, war der Erfolg ein ungeheurer; fast das gesammte Judenthum nahm dieselben in seinen Gottesdienst auf. Wichtiger aber als dieser Erfolg erscheinen uns die Worte des grossen Meisters Liszt in seinem Werke: „De Bohemiens et de leur musique' : er habe bei Sulzers Tempelgesang das erste- und einzigemal den Eindruck einer wirklich nationalen jüdischen Musik empfunden. Wenn nun eine verhältnismässig kleine Sammlung solche Resultate erzielt, was müssen wir alles von einer solchen erhoffen, welche alle Denkmäler jüdischer Kunst vereinigen soll'? Nicht nur, dass der Streit der Gelehrten ein Ende fände, nein, es würde auch eine Wiedergeburt der nationalen Musik erfolgen; das an musikalischen Talenten so reiche Volk würde seine Kräfte nicht im planlosen Herumtappen zwischen halb falschen und halb erfundenen Grundsätzen über jüdische Musik, zwischen verminderten und übermässigen Intervallen vergeuden, sondern von den Vorfahren lernend, zu einer künstlerischen Reife emporsteigen, die auf wahrhaft nationalem Boden wurzelt. Nicht nur in den Tempel, sondern auch ins Volk müssen die jüdischen Weisen dringen, denn wie Goethe sagt: „Die Heiligkeit der Kirchenmusik, das Heitere und Neckische der Volksmelodien sind die beiden Angelpunkte, um die sich die wahre Musik herumdreht" (Sprüche in Prosa: Maximen und Reflex. I, 34). Dann werden wir aber auch nicht befürchten müssen, dass die jüdische Jugend, welche vor allem berufen ist, thätig an dem Wiederaufbau theilzunehmen, in ihren Zusammenkünften und Versammlungen jüdisch -n ationale Bundeslieder auf die Melodie der „Wacht am Rhein" und ähnlicher deutschn ationaler Gesänge anstimmt. Es gibt wenig Dinge, welche ein Volk so begeistern, so zur Einigkeit rufen können, als ein Lied. Dieses Lied aber muss aus dem Herzen, aus dem innersten Mark heraus erklingen, es muss ein Stück der Volksseele sein, weiche, auf den Schwingen des Gesanges emporgetragen,