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Die Welt · 1900-03-09 · 10 (9.3.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
10 (9.3.1900)
Article
Der jüdische Docent
Date
1900-03-09
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite £ ,Die & Welt" Nr. 10 schäumte, sobald er von der Socialdemokratie sprach. Aber wenn er möglicherweise zugunsten eines christlichen Socialdemokraten seine politische Gesinnung dem Postulate der Wissenschaft untergeordnet hätte, um eines jüdischen Socialdemokraten willen würde er es sicherlich nicht gethan haben. Mindere Treitschkes aber, die ebenso zwischen dem jüdischen und dem christlichen Socialdemokraten auf dem Lehrstuhle unterscheiden, gibt es gewiss, denn es ist eine der traurigsten Erscheinungen, dass auch die Wissenschaft einer solchen Unterscheidung nicht hinderlich ist Deshalb schweigt die Universität, die als Alma mater ihre Stiefsöhne hat. Sie glaubt genug gethan zu haben, dass sie als erste Instanz das politische Disciplinarverfahren gegen den Privatdocenten Dr. Leo Arons verwarf; aber für den Juden sich einzusetzen, nachdem ihr Spruch umgestossen worden, dazu fehlt ihr nicht so sehr der Muth, wie die Lust. Dr. Leo Arons ist als ein ganz ausgezeichneter Gelehrter in seinem Fache anerkannt, er hat den Lehrstuhl, wie ausdrücklich zugestanden wurde, niemals zu sozialdemokratischer Propaganda missbraucht, sondern nur ein halbdutzendmal in socialdemokratischen Versammlungen gesprochen, er ist nach dem feierlichen Zeugnisse der Facultät nicht „unwürdig", physikalische und mathematische Vorlesungen zu halten; aber er ist Jude und — „der Jude wird verbrannt". Verhält es sich denn ausserhalb der Universität anders? Hat in den parlamentarischen Vertretungen der Liberalismus nicht längst darauf verzichtet, sich für die Juden einzusetzen, obgleich es ihn selbst sehr nahe angeht, dass die verfassungsmässige Gleichberechtigung für die Juden nur noch als ein leeres Wort auf dem Papiere fortbesteht? Was für die Professoren die Freiheit der Wissenschaft und der Lehre ist, das ist für die Liberalen die verfassungsmässige Gleichberechtigung. Ist jene durchbrochen, so ist, mag vorerst auch nur ein Jude davon betroffen sein, die wissenschaftliche Unabhängigkeit des Universitätslehrers in Frage gestellt, und wird die verfassungsmässige Gleichberechtigung den Juden vorenthalten, so ist der Ast, auf dem der Liberalismus sitzt, untersägt. Aber dennoch drücken sich die Liberalen in den Parlamenten scheu um die Verpflichtung herum, für die Juden einzutreten, und das Gleiche thun die Universitäten im Falle Arons. Wenn für die österreichischen Parlamentsliberalen der Fall Araten nicht vorhanden ist, so darf man sich nicht wundern, dass die preussischen Universitäts-Professoren keine Neigung zeigen, sich wegen des Falles Arons zu erhitzen. Wir wundern uns auch gar nicht darüber, wir zeigen nur wieder zum soundsovieltenmale an einem grellen Beispiele, wessen die Juden, sei es in welchem „Falle" immer, sich zu versehen haben. Der Fall Arons aber ist von schreiender Deutlichkeit. Der Berliner Universität sind die Juden nichts schuldig geblieben an Beisteuer zu dem Ruhme ihrer Lehre und Forschung. Der Kliniker Traube, der Historiker .Talle, der Philologe Steinthal waren Leuchten der deutschen Wissenschaft. Aber das ist verschollen und vergessen. Im Falle Arons wird der Socialdemokrat geschlagen und der Jude ist gemeint Der Jude ist immer gemeint. Wir haben keine Kenntnis davon, ob Dr. Leo Arons nicht mehr Socialdemokrat als Jude ist. Aber er ist eben auch Jude. Als Socialdemokrat ist er „unwürdig", an einer staatlichen Hochschule zu lehren, sagt der Staat. Als Jude wird er von der Universität fallen gelassen, nachdem sie schandenhalber ein schüchternes und unrespectiertes Votum zugunsten der Freiheit der Wissenschaft und Forschung abgegeben hat So ist das Bild des jüdischen Staatsbürgerthums und der jüdischen Gesellschaftsstellung beschaffen. War die Gleichberechtigung in der Wissenschaft noch ein letztes Asyl, so ist auch diese:« in Zukunft nicht mehr vorhanden. Welches Mass von Verblendung und leerer Illusion gehört dazu, vor dieser Thatsache die Augen zu verschliessen! Die Juden in Böhmen. Von Karl Fischl. Bis vor V/2 Jahren gab es in Böhmen nur sehr weniir Zionisten. Der Grund, warum trotz der günstigen Bahnverbindung mit Wien der Zionismus so wenig Fortschritt.' machte, liegt vorerst in den für die Juden so ungünstigen politischen Verhältnissen und in der geringen politischen Reife der Juden. Die deutschen Steinwürfe von Eger uml Saaz hätten die deutschen Juden überzeugen können, dass eine krumme Nase und die „Wacht am Rhein" im contradictorischen Gegensatze stehen, der Feldzug der ('zechen (die mehr den praktischen Antisemitismus lieben und bethätigen), welcher im Jahre 1897 in Prag und auf einigen Nebenkriegsschauplätzen, wie Nachod, Pilsen stattfand, konnte andererseits den czechischen Juden vor Augen führen, dass das begeisterte Absingen des „Kde domov muj" einen beträchtlichen ironischen Beigeschmack besitze, und dennoch hiengen die Juden ihren respectiven Nationalitäten mit grosser Liebe an. Erst als sich das Gespenst des Blutmärchens erhob und auch der chronische Antisemitismus, namentlich unter den Czechen, rohe Formen annahm, da gieng ein Ruf der Erbitterung durch das ganze Land, und es machte sich die Strömung geltend, Juden und nichts als Juden zu sein. So ist es begreiflich, dass der Zionismus jetzt einen günstigen Boden vorfand, dass seit wenigen Monaten in Prag ein Zionsverein von mehr als <>00 Mitgliedern besteht, der mit glänzenden Erfolgen thätig ist, und dass nicht nur in Prag, sondern auch in Landstädten, wie in letzter Zeit zum Beispiel in Kolin, unsere Ideen mit Enthusiasmus aufgenommen werden. In Böhmen sind ungefähr 100.000 Juden, davon in Prag und Vorstädten allein 35.000. Bei der Besprechung der Lage der Juden könnte ich analog der Sprachenverordnung vorgehen und müsste deutsche, czechische, deutsch-czechische und czechisch-deutsche Juden unterscheiden. Vorerst möchte ich jedoch einiges über die Juden im allgemeinen sagen. Die böhmischen Juden sind ungemein reich und steuerkräftig, sind meist Kaufleute, Aerzte, Advocaten, auf dem Lande auch Gastwirte und Krämer. Der Gewerbestand ist sehr wenig vertreten; zu erwähnen wäre vielleicht, dass man in Prag überraschend viel jüdische Dienstmänner findet. Der Antisemitismus hat in Böhmen weniger wirtschaftliche als vielmehr gesellschaftliche Formen angenommen; es ist selbstverständlich, dass die acut auftretenden Wuthausbrüche des Judenhasses, die mit zerschlagenen Fensterscheiben und geplünderten Läden einhergehen, auch eine tiefe wirtschaftliche Wirkung ausübten. Die Vereine, in denen sich Juden befinden, kann man aufzählen, die Vertretungskörper, die israelitischen Cultusvorstände ausgenommen, in denen Juden sitzen, gehören zu den Ausnahmen. Natürlich wird auch in den Zeitungen beider Landessprachen gegen die „fremden Helfer" losgezogen und da kann man denn die Beobachtung machen, dass der deutsche Antisemit dem czechischen Judenfresser ähnlich sieht wie ein faules Ei dem andern. Man mag den „Deutschen Volksboten", der in Prag erseheint, die „Deutsch-' Wacht an der Miesa" oder ein ähnliches Provinzblättchen einerseits, und andererseits die „Politik", „Hlas Narodti" und selbst die „Narodni listy" hernehmen, überall dieselbe Kampfesweise. Den eigenen Juden werden die anderssprachigen zum Vorwurfe gemacht und so bewiesen, dass sie keine Deutschen oder Czechen sein können, natürlich wird auch auf die eigenen Juden wacker geschimpft un<l der Boycott mit allen Mitteln propagiert. Bei der Besprechung der Lage der Juden muss man Prag einen besonderen Absatz widmen. Die Juden in Prag haben lange Zeit das Deutschthum daselbst gehalten. Das deutsche Casino, der Mittelpunkt des deutschen Elementes in Prag, bestand zum grossen Theil aus Juden, in den Ortsgruppen der deutschen Schutzvereine, des Deutschen Schulvereines und Böhmerwaldbundes gaben Juden ihr Geld für deutschnationale Zwecke her, im deutschen Turnverein Juden, in den deutschen Gymnasien 70 % Juden, an den Hochschulen Juden, das Deutsche Haus und die Turnhalle mi: jüdischem Geld erbaut, in den deutschen Zeitungen und an den deutschen Theatern Juden, kurz, Prag war das Doradu

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