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Die Welt · 1900-03-09 · 10 (9.3.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
10 (9.3.1900)
Article
Der jüdische Docent
Date
1900-03-09
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Einem Privatdoeenten der Berliner Universität, Dr. Leo Arons, der physikalische und mathematische Vorlesungen hielt, ist die Venia legendi entzogen worden. Nicht, weil er Jude ist, sondern weil er »ich zur socialdemokratischen Partei bekennt. Schon seit fünf Jaiiren schwebte das Damoklesschwert über seinem Haupte. Da ihm auf anderem Wege nicht beizukowmen war, so setzte der frühere CuLtusminister Dr. Bosse die sogenannte Lex Arous durch, vermöge deren gegen Privatdoeenten ein Disciplinarverfahreu durchgeführt werden kann, wenn sie der Partei des „Umsturzes" angehören. Dieses Discipiinarveriahren hat zwei Instanzen zu passieren, zuerst die Facultät, dann einen Disciplinarrath, der aus elf Richtern und höheren Minis teriaibeamten zusammengesetzt ist Die Facultät erklärte, dass Dr. Leo Arons durch seine politische Parteisteilung nicht „unwürdig'" geworden sei, Vorlesungen' zu haiten; der Disciplinarrath fällte das entgegengesetzte Urtheii, und dem Dr. Leo Arons wurde oie Jülauhnis, Vorlesungen zu halten, entzogen, obgleich festgesteht worden war, dass er in seineu physikalischen und matnematischen Coilegien niemals irgendetwas gesagt oder gelehrt hatte, was mit seiner Zugehörigkeit zur sociaidemokratischen Partei im entferntesten Zusammenhange gestanden wäre. iNun wird das Urtheii, das über Dr. Leo Arons verhängt wurde, in der lineralen deutschen Presse der schärfsten Kritik unterzogen. Man erhuckt in ihm einen schweren Schlag gegen die Freiheit der VViasenschaft und die Freiheit der Lehre. Aber in den Kreisen der Universitätslehrer regt sich kein Lüftchen; da ist alles mäuschenstill, obgieicn man meinen soüte, dass gerade diese Kreise sich durch das Schicksal des Dr. Leo Arons sehr beunruhigt fühlen müssteu. Wie ist dieser Indifferentismus der akademischen Lehrer zu erklären? Hat er seinen alleinigen Grund in dem Umstände, dass Dr. Leo Arons sieh zur soeialdemokratisctien Partei hält und kein Universitäts-Professor im Deutschen Reiche uen Mutti hat, sich für einen Socialdemokraten einzusetzen? Oder kommt noch als zweiter Grund hinzu dass Dr. Leo Arons auch Jude ist? ' Diese Alternativfrage ist gewiss nicht unberechtigt. Und nur um ihretwillen hat der Fall Arons für uns seine specielle Bedeutung. Gegen die Socialdemokratie kehrt der Staat seine schärfsten Waffen, und dass für die Berliner Regierung das Bekenntnis des Dr. Leo Arons zur Socialdemokratie ganz allein sciion ausreichte, um ihn von der Universität zu entfernen, halten wir für ausgemacht. Aber die Facultät ist nicht der Staat, sie hat dies deutlich als erste Instanz mit ihrem freisprechenden Urtiieiie markiert. Warum nun hüllt sie sich dennoch jetzt in sonderbares Schweigen, wälirend es unerlässlich zu sein scheint, dass sie im Interesse der Freiheit der Wissenschaft und der Leiire gegen das gefährliche Präjudiz des Falles Arons ihre Stimme erhebe? Unter dem Titel der „UnWürdigkeitkann ja sehr bald auch auf andere Universitätslehrer das Fallbeil des Discipünarverlährens niedersausen, auf einen Naturforscher, der des Atheismus, auf einen liberalen Theologen, der der Unkirchlichkeit, auf einen Nationalökonomen, der socialistischer xNeigungen verdachtig ist. Warum aiso schweigt die Facultät:-' Dafür gibt es nur eine einzige Deutung: die Facultät will sich für den Juden nicul exponieren. Man wird vielleicht sagen, das sei eine ungeheuerliche Deutung. Aber leider ist sie trotzdem seiir nahehegend. Auf die Facultät drückt nicht nur der 6taat mit seiner rückhaltlosen Unbeugsanikeit gegenüber der Socialdemokratie, auf die Fakultät drückt noch mehr der Terrorismus der Gesellschaft, der sich unter stillschweigender Assistenz des ofticiellen Apparates gegen die Juden kehrt. Diesem Terrorismus wagt die Facultät keinen Widerstand zu ieisten, sie würde es wahrscheinlich auch einmüthig gar nicht können, weil unzweifelhaft Elemente genug in ihr vorhanden sind, die jenen Terrorist).us nicht nur nicht als solchen empfinden, sondern im Gegentheile sich selbst mit ihm solidarisch fühlen. Man erinnere sich nur, dass Heinrich von Treitschke eine massgebende Stellung unter den Lehrern der Berliner Universität einnahm. Treitschke hätte sich vielleicht auch zu der Mehrheit der Facultät gehalten, die, um einen Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft und der Lehre abzuwehren, die „UnWürdigkeit-4 eines socialdemokratischen Privatdoeenten zur Abualtung von Vorlesungen verneinte. Vielleicht, obgleich er vor Zorn

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