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Die Welt · 1900-03-02 · 9 (2.3.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
9 (2.3.1900)
Article
Verständigungs-Conferenzen
Date
1900-03-02
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ,Die 2£ Welt« Nr. 9 fähigen Intelligenz der Juden. Es ist wahr, die Juden sind talentiert, unheimlich talentieit, aber was wird sie das alles nützen, wenn sich grosse nationale und wirtschaftliche Massenbewegungen gegen sie wenden? Mit allen unseren Talenten und Talentchen sitzen wir auf dem Trockenen, wenn wir uns in unser Gehirnmenschenthum einspinnen und nicht sehen wollen, dass mit Papier und Tinte allein Völkerkämpfe nicht ausgetragen werden. Hier hilft allein der Zionismus mit seiner Zusammenfassung der körperlichenKräfte und seinem agrarpolitischen Rückhalte. Friedrich Ratzel, der geistvolle geographische Historiker, sagte einmal irgendwo, dass der Herzmuskel viel mehr Geschichte gemacht habe, als die gescheitesten Gedanken des Gehirnes. Seit die Griechen hinter den geistig sich ihnen willig unterordnenden Römern zurückgeblieben sind, seit die Römer von den naiven Germanen unterjocht wurden,' weiss die Welt, dass ein Volk ebensowenig auf Grund seines Geistes allein gross wird als der einzelne Mensch. Der starke Wille darf der weltgeschichtlichen Grösse nicht fehlen. Die Ausdauer im Ertragen der Mühsale des Krieges, die Marschtüchtigkeit allein ist eine Völkereigenschaft von geschichtlicher Bedeutung. Griechenland ist in Rom geistig und künstlerisch auf dem Höhepunkte seiner Wirkung gewesen, als es politisch ein Nichts geworden war: es hat seinen politischen Einfluss durch seine intellectuelle Uebermacht nicht im geringsten gehoben. Was haben die Juden von ihrer Hypertrophie des Gehirnes, wenn sie nicht Manns genug sind, sich zu ihren Vätern zu bekennen. Die Geschichte hat unzähligemale gezeigt, dass an Selbstaufopferung, Entsagungsfälligkeit und straffer Disciplin aller decadente Culturstolz gescheitert ist. Aber es scheint, dass kein Volk aus seiner Geschichte lernen kann, es scheint, dass alle Katastrophen der Geschichte sich wiederholen müssen und dass bei solchen Völkerbewegungen nur kleine Theile der Völker dem Untergange ausweichen und ihre nationale Cultur fortpflanzen können. Jüdische Musik. „Musik ist die wahre, allgemeine Menschensprache." (C. J. Weber, Demokritos, VI, VUI.) »Was ist Musik?" Die Beantwortung dieser Frage, welche wohl schon so alt ist als die Kunst selbst, ist bis heute noch nicht in einer allgemein zufriedenstellenden Weise erfolgt. Lessing wollte zwar einen zweiten Theil zu seinem Laokoon schreiben, in dem er die Musik der Malerei und Dichtkunst gegenüberzustellen beabsichtigte — aber er kam nicht mehr dazu. Seither haben sich viele Berufene und Unberufene bemüht, es dem grossen Dichter- Philosophen gleichzuthun und die Grenzen der Musik festzustellen. Obwohl es nun nicht Zweck dieser Zeilen ist, eine Aesthetik der Tonkunst zu geben, so wird es doch nothwendig sein, ein wenig auf diese Frage einzugehen. Es mag sein, dass heutzutage jede Kunst um ihrer selbst willen geübt wird — sicher ist es jedenfalls, dass keine Kunst als solche entstanden ist; vielmehr repräsentiert jede Kunst nur die veredelte Form eines alsallgemeinnothwendiganerkannten menschlichen Bedürfnisses. Der Mensch braucht eine sichere Wohnstätte und gelangte durch Felsen- und Pfahlbauten zur Baukunst; er wollte ein greifbares Bild seiner Gottheit besitzen und wurde Bildhauer; er bezeugte der Gottheit endlich seine Verehrung,* indem er sie in begeisterter Dichtung pries. Und die Musik? Aus welchem Bedürfnisse ist sie entstanden? 0> sie ist alt, und weit» weit zurück liegt ihr Ursprung; ja, sie ist zugleich mit dem ersten Menschen geschaffen worden, und für die, welche glauben, der erste Mensch sei nicht „geschaffen" worden, sondern er sei „abgestammt", füge ich hinzu: Das erste Exemplar, das wir in die Gattung Homo sapiens, einreihen können, ist jenes, das die Urform der Musik sein eigen nannte : die Sprache — oder noch hesser die Musik, die Urform der Sprache. „Eine Nation", sagt Herder, „in ihrem ersten wilden Ursprünge starret wie ein Kind alle Gegenstände an; Schrecken, Furcht und alsdann Bewunderung sind die Empfindungen, deren beide allein fähig sind, und die Sprache dieser Empfindungen sind — Töne...... Man sprach nicht, sondern t ö n e t e . .. man sang also, wie viele Völker es jetzt noch thun und wie es die alten Geschichtsschreiber durchgehends von ihren Vorfahren behaupten: man sang im gemeinen Leben, und der Dichter erhöhte nur seine Accente in einem für das Ohr gewählten Rhythmus; da es noch keine Schriftsteller gab, so verewigten sie die merkwürdigsten Thaten durch Lieder .. Aus diesem Anfange der tönenden Sprache wurde dann die vertonte Sprache, die Musik. Halten wir uns diese Entstehungsweise der Tonkunst vors Auge, so wird es uns auch einleuchten, warum der Aesthetiker solchen Schwierigkeiten begegnet: es geht ihm wie dem Mathematiker, — je einfacher ein Satz ist, je mehr er sich dem Axiom nähert, desto leichter wird das Begreifen und desto schwerer das Erklären. Musikalische Schönheiten fühlt nahezu jeder Mensch — aber darüber befragt, was ihm eigentlich an einem Tonstück gefallen habe, wird er nicht wie bei einem Bilde oder einer Statue sagen können: dies oder jenes, sondern er wird sich in ungefähr derselben Lage befinden, wie jemand, dem man die Frage stellt: „Warum gefallt Ihnen die ungarische Sprache?" Die ursprüngliche, modulierende und tönende Sprache wurde auch gerade dort allmählich zur Kunst umgestaltet, wo der Mensch am längsten das natürliche, gläubig-empfängliche Kind geblieben ist: in der Religion, beim Gottesdienste; dort, wo wir unsere innersten und ursprünglichsten Gefühle zum Ausdrucke bringen, thun wir es auch in der ursprünglichsten Sprache. Und speciell jenes Volk, dessen ganzes Leben und Empfinden so innig mit der Religion verknüpft ist, wurde durch das in seinen Satzungen enthaltene Verbot: „Du sollst Dir kein Bild machen und keine Gestalt . ..!" auf die Musik hingewiesen, als einzige Vermittlerin eines persönlichen Verhältnisses zu Goti. So hat die Musik im Leben und in der Geschichte des jüdischen Volkes stets eine hervorragende Rolle gespielt Bei Betrachtung jüdischer Musik dürfen wir also nie vergessen, dass sie in alter Zeit nicht Kunst, sondern Gottesdienst war; und soweit wir noch Ueberreste derselben vorfinden, fallen diese nicht unter die Kritik des Aesthetikers, sondern unter die des Historikers. Die Bibel bietet dem Forscher nicht viel und er ist meistentheils auf Vermuthungen angewiesen; sie erwähnt Jubal als ersten Harfen- und Flötenspieler* was insoferne von Bedeutung ist, als daraus hervorgeht, dass man bereits in früherer Zeit gestimmte Instrumente kannte; nun müssen diese aber in bestimmten, stets gleich bleibenden Intervallen gestimmt sein, daher gab es schon damals eine festgesetzte S c a 1 a» An vielen Stellen ist von Gesängen die Rede, so z. B. Mirjams Siegesgesang, den wir uns von der Vorsängerin und einem Chor vorgetragen denken müssen, oder Deborahs und Baraks Zwiegesang. Von einzelnen wird das „Hohe Lied" für ein Singspiel, ein musikalisch-declamatorisch.es Schäferspiel gehalten. Für die Möglichkeit einer derartigen Aufführung spricht das Vorhandensein noch älterer Singspiele bei anderen orientalischen Völkern, etwa

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