Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 9 (2.3.1900)
- Article
- Verständigungs-Conferenzen
- Date
- 1900-03-02
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315861-3367123--18166-3367245- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaction und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14199. Erscheint jeden Freitag. Zuschritten sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 20 Meiler. Der Inseratentheil wird Dienstag abends geschlossen. Einzelne Nummern 30 Heller. B6ZU^Spr6iS6a ^esterre*cll"*In&arn: ganzjährig 12 Kronen, ganzjährig ' halbjährig 6 Kronen. Für das Ausland: Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6~Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland R., halbjährig 3 R. 50Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amerika ganzjährig 3 DolL 40 Ct. Nr. 9 Wien, 2. März 1900. 4. Jahrgang Yerständigungs-Conferenzen. Von Rudolf Kohn (Schlackenwerth). Seit mehreren Woehen tagen in Wien die Verständigungs - Conferenzen zwischen Deutschen und Czechen. Die Oeffentliohkeit interessiert sich für sie viel weniger, als für den Boerenkrieg und andere fernliegende Geschehnisse. Man hat den öden Sprachenstreit schon satt und will von den Bezirksgerichten, autonomen Behörden und so weiter nichts mehr hören. Alle Welt wünscht eine Einigung, alle Welt, sogar die Juden, von denen die Antisemiten so oft behaupten, sie hätten den Völkerstreit in Oesterreich entzündet um über die Streitenden zu herrschen. Unter den zahllosen Lügen unserer Gegner ist diese vielleicht die ärgste, sie wissen es alle: die streitenden Nationalitäten wenden sich viel weniger gegen einander, als gegen die vermittelnden Juden, nach dem alten Recepte: „Haust Du meinen Juden, so hau' ich Deinen Juden." Es mag wahr sein, dass die Juden an dem Nationalitätenstreite interessiert sind und dass noch schlimmere Zeiten für sie hereinbrechen, bis die Deutschen und Czechen versöhnt und vereint gegen die Juden neue Gesetze machen werden, nachdem sie bisher vereint nur die alten Gesetze gegen sie missbraucht haben. Aber nichts von alledem hat die Juden jemals gehindert, die Verständigung herbeizuwünschen und vorzubereiten. Sie sind auch so stark interessiert an der durch den politischen Niedergang herbeigeführten wirtschaftlichen Depression, dass ihr Wunsch nach einer endlichen Verständigung mehr ist als der Ausfluss eines allgemeinen ethischen Gefühls. Die Aussichten für einen Waffenstillstand der Nationalitäten sind jedoch noch lange nicht günstig. Die Feigheit der führenden Parteien und die Unfähigkeit ihrer Führer sind viel grösser als das drängende Bedürfnis nach einer Pause in dem Kampfe um die kleinlichsten nationalen Besitzthümer, um papierene Paragraphen und Bezirksabgrenzungen. Die deutschen Liberalen fürchten die Angeberei der Radicalen, die aus Concurrenzwuth alle Andersdenkenden bei denen, die nicht alle werden, als Volksverräther denuncieren, die czeehischen „Freisinnigen" befinden sich in einer ähnlichen Lage ihren jüngeren Concurrenzgründungen gegenüber. Gleichwohl kann man sich vorstellen, dass schliesslich, bis sich die Abgeordneten mit ihren Wählern in Uebereinstimmung befinden werden, vielleicht schon nach den nächsten Neuwahlen, das grosse Werk gelingen wird. Die deutsch sprechenden Halbslaven Nordböhmens werden sich vielleicht endlich einmal mit den czechisch sprechenden Halbgermanen der Sudetenländer einigen. Das alles ist möglich und sogar wahrscheinlich. Was aber ganz unmöglich und ganz unwahrscheinlich ist, das ist eine Verständigung zwischen den Juden und den Mitteleuropäern. Weshalb erscheint dieser Gedanke so utopistisch? Weshalb ist mit den Antisemiten über einen Ausgleich eine Unterhandlung gänzlich ausgeschlossen? Auch die Antisemiten wollen ja nicht alle Juden aufhängen, auch sie wollen ja, wenn man ihren Versicherungen glauben darf, nur den „übergrossen Einfluss" der Juden beseitigen und nicht alle Juden ausrotten. Für den Handel mit alten Kleidern, vielleicht sogar auch für seine Theater, seine Freudenhäuser, seine Zeitungen und seine Processe möchte auch der verbissenste Antisemit — oder nicht? — die Juden behalten. Er wendet sich nur dagegen, dass einige Juden sich auch in anderen Berufen bethätigen wollen. Was werden wir beginnen, wenn sie wirklich einmal über uns herfallen? . . . In diesem Lande der Halb- und Vierteicultur, in dem nur ein kleiner Bruchtheil dar Massen über seine wirtschaftlichen Interessen im klaren ist, werden unzweifelhaft Anlijudengesetze gemacht werden, bis die Volksvertreter Zeit dazu haben werden. Die stenographischen Protokolle sind heute schon voll von gesetzgeberischen Vorschlägen, der verschiedensten Parteien für die Bekämpfung der Juden. Die Liberalen werden uns, wenn sie überhaupt noch mehr als zehn Handelskammer-Mandate besitzen werden, wohl kaum halfen können, die öocialisten ebensowenig, die anderen Parteien sind ohnehin antisemitisch und asemitisch. Die Juden Oesterreichs sind für diese Möglichkeiten ebensowenig gerüstet, wie die- Juden Osteuropas gegen die russischen und rumänischen Ausnahmsgesetze gerüstet waren. Die Indifferenten und die Antizionisten, die zur Zeit die Majorität der österreichischen Juden bilden, verschliessen ihre Augen absichtlich, vor allen trüben Aussichten oder trösten sich mit .der anpassungs-