Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Article
Die Rede des Herrn v. Egan
Date
1900-02-23
Page
5 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315860-3366881--18008-3367037
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8 „Die & Welt" Seite 5 der Selbstverteidigung greifen dürfen? Ja wohl, wir sprechen es laut und deutlich aus, dass der Staat nicht bloss von seinem guten Rechte Gebrauch macht, sondern auch seine Pflicht erfüllt, wenn er sein Gebiet einem Volkselement verschliesst, das durch sein sittliches und geistiges Niveau die Interessen der Nation nur schädigen kann." Eine Polemik gegen derartige erkünstelte Gehässigkeitsausbrüche ist wohl müssig. Unwillkürlich fällt uns aber die Argumentation des unvergesslichen Dr. Pinsker ein, der die russischen Assimilations-Apostel ad absurdum führte, indem er ihnen sagte: Ihr gebt vor, dem Culturfortschriite zu dienen, indem Ihr die Anähnlichung der Juden an ihre russischen Gastwirte fördert. Nehmen wir nun an, Ihr brächtet es dahin, dass ein grosser Theil der Juden dem russischen Muschik in Sitten und Lebensführung vollkommen gleich würde. Ihr wäret sicherlich ob dieses Erfolges hocherfreut Könnt Ihr aber leugnen, dass ein solcher Assimilations-Process einen gewaltigen Abstieg bedeuten würde, einen Niedergang von einem verhältnismässig hohen auf ein unvergleichlich tieferes Culturniveau? — Es mag dahingestellt bleiben, ob der ruthenische Kartoffelbauer des nordöstlichen Ungarn dem grossrussischen Muschik geistig und sittlich überlegen ist. Dass aber der osteuropäische Durchschnittsjude, er mag den „entsetzlichsten" Jargon sprechen, in seiner Gesittung thurmhoch über beiden steht, das muss uns jeder, der nicht voreingenommen ist, ohne jede Einschränkung zugestehen. Das schliesst freilich nicht aus, dass die geistige Bildung und theilweise auch die ethische Cultur dieser Juden manches zu wünschen übrig lässt Wir Zionisten sind die letzten, die uns und andere darüber hinwegtäuschen möchten. - Dass aber Juden mit satter Cultur und zahlungsfähiger Moral, anstatt an die Hebung des Gesittungsstandes ihrer zurückgebliebenen Brüder das beste ihrer Kräfte zu setzen, über die „Culturunfähigkeit" dieser ihrer Brüder mit billigem Bedauern den Stab brechen, das ist lieblos, das ist herzlos. Und dass wirtschaftlich hochgestellte Juden sich die Nothlage beliebiger Mitbürger nahe gehen lassen und nur den ärms *n der Armen, ihrem eigen Fleisch und Blut, Hilfe und Mitleid versagen, ja sogar diejenigen, die diesen Gehetzten und Gejagten eine Ruhestätte schaffen wollen, verdächtigen und antipatriotischer Gesinnung zeihen, das ist mehr als herzlos, das ist unklug. Die Woche. Wien, 21. Februar 1900. Boycott. Erst jetzt werden die Franzosen zur Erkenntnis gelangen, dass sie mit der Begnadigung des Dreyfus einen argen Bock geschössen haben, erst jetzt werden sie den dummen Streich im vollem Masse bereuen. Die tragischen Folgen der Affaire kommen erst jetzt drastisch zum Vorscheine, der leidige Dreyfus-Rummel, der schon längst erledigt schien, zeitigt neuerdings traurige Thatsachen. Der Bürgermeister von Wien, Dr. Lueger, erklärte dieser Tage einem Mitarbeiter der „Libre Parole", er werde entschieden nicht geruhen, die Pariser Weltausstellung mit seinem Besuche zu beehren, weil er unmöglich, ohne sich zu vergeben, mit einer Nation, die einen Dreyfus begnadigt habe, in persönlichen Verkehr treten könne. Armes Frankreich! Der Entschlüss Dr. Luegers ist ein bitterer Wermutstropfen in den Kelch der freudigen Ausstellungs-Stimmung, und man mag begierig sein, wie das vielgeprüfte Volk der Franzosen diese jüngste Schicksalsprüfüng hinnehmen wird. Die verschiedensten Gerüchte sind im Umlaufe: von einer Seite wird gemeldet, die Franzosen hätten unter dem Eindrucke der Wiener Hiobspost bereits die Frage in Erwägung gezogen, ob es nicht doch thunlich wäre, die verpfuschte und sozusagen gegenstandslos gewordene Ausstellung jetzt gänzlich abzusagen. Von anderer, wohlinformierter Seite wird behauptet, Labori hätte in eigener Person unter Hinweis auf die Absicht Luegers in der „Aurore" die Wiederaufnahme des Dreyfus-Processes und die neuerliche rücksichtslose Verurtheilung und Deportation des Capitäns angeregt Und eine Menge andere Gerüchte. Thatsache ist, dass in den Strassen von Paris eine Unzahl von Triumphpforten, die für irgendeinen hervorragenden Gast schon bereit gestanden, wieder eingerissen werden. Dr. Lueger hat dem Mitarbeiter der „Libre Parole" auch erklärt, er würde in Pariser Privatzirkeln mit seiner Meinung über das französische Ministerium nicht zurückhalten können, und das könnte leicht zu „Verwicklungen zwischen Frankreich und Oesterreich" führen. Das stimmt! Wie leicht könnte nicht ein blutiger Krieg zwischen Frankreich und Oesterreich entbrennen, weil Lueger in irgendeinem Boulevardkiosk bei einem Gläschen Wein im Kreise mehrerer Assumptionisten einige abfällige Bemerkungen über den viel zu geringen Antisemitismus Loubets gemacht hat Nein, nein, er soll nur in Wien bleiben, der Doctor Lueger — ein Krieg mit den modernen furchtbaren Waffen — eine schauderhafte Vorstellung! Der Entschlüss Luegers ist übrigens eine derbe Ohrfeige für weitere Wiener antisemitische Kreise, welche bekanntlich schon seit längerer Zeit eifrige Vorbereitungen zu „antisemitischen Gesellschaftsreisen" nach Paris treffen. Dieser Tage gelangte an Lueger aus Paris ein Telegramm folgenden Inhaltes: Theurer Karl! Besinne Dich anders! Zwei hebende Arme strecken sich Dir hier entgegen. Willst Du mich unglücklich machen? Deine schmerzgebeugte Gyp. — Am nächsten Tage bekam die schmerzgebeugte Gräfin aus Wien folgendes Telegramm: Unverschämtheit! Der Karl gehört unser. Haben's nicht genug an die vielen Assumptionisten? Alte Schachtel, Sie! — Therese Ruzicka, Präsidentin der Wiener christlichen Frauen. Ein Gesuch. Die „Katolick6 lisiy" melden, Fürsterzbischof Doctor Kohn habe ein Majestätsgesuch überreicht, in welchem für die anlässlich der mährischen Demonstrationen verurtheilten Excedenten um Amnestie gebeten wird. Das Gesuch ist im Wege des Justizministeriums überreicht worden. Jeder Jude kann sich mit dem Gesuch einverstanden erklären. Das Einsperren solcher Excedenten. hat ja, wie schon öfter erwähnt,, nur wenig Sinn. Krawallen beugt man damit nicht vor, denn die ganze nichtjüdische Bevölkerung kann man ja doch nicht einsperren, und bekanntlich ist fast jeder auf freiem Fusse befindliche Gevatter Schneider und Handschuhmacher jederzeit zu judenfeindlichen Revolten aufgelegt, die Eingesperrten werden durch die Hafk auch nicht erheblich „gebessert", wenigstens ist nicht leicht einzusehen, wieso das fleissige Dütenkleben oder das regelmässige Schlafen auf einer Pritsche einen Häftling in eine besonders judenfreundliche Stimmung bringen könnte. Der antisemitische Excedent ist sozusagen ein Gewohnheitsverbrecher, das Plündern von Judenläden entspringt einer weitverbreiteten eingewurzelten Kleptomanie, und wenn die Leute ihre Strafe abgesessen haben und wieder in Freiheit sind, so sind sie ebenso krawallsüchtig wie früher. Man müsste die meisten Landeskinder zu lebenslänglichem Kerker verurtheilen, das ist aber nicht recht durchführbar, schon mit Rücksicht auf die ungenügende Anzahl der vorhandenen Räumlichkeiten. Also das Beste ist, man lässt die Leute laufen; die Juden verzichten darauf, dass die Excesse „gesühnt" werden. Die Juden werden die nicht „geahndeten" Ausschreitungen in jenes grosse Schuldbuch schreiben, indas sie schon seit Jahrhunderten eine reeht ansehnliche Menge ungesühnter Erlebnisse von der Art der Holleschauer Ereignisse ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.