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Die Welt · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Article
Die Rede des Herrn v. Egan
Date
1900-02-23
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die j& Welt" Nr. 8 in Europa entzieht sich heute nichts Jüdisches. Denn wir sind im Verlaufe, der Reiten furchtbar interessant geworden. In der Landesenqu§te,. die. über die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage des ungarländischen Ruthen envolkes zurathe sitzt, referierte am 12. d. M. der vom ungarischen Ackerbauministerium mit der Leitung dieser Sanierungsaction betraute Regierungscommissär Eduard v. Egan über die geplanten Wohlfahrtsmassnahmen der Regierung. Im Zusammenhange damit besprach er mit Freimuth und Umständlichkeit die Judenfrage. Er hat damit einige Verblüffung im Lande hervorgerufen, selbst unter den Antisemiten. Denn obschon der Antisemitismus in Ungarn innerhalb der Grenzen, des Wohlstandes oder ausserhalb derselben von jeher cultiviert worden ist, so hatte er doch wesentlich einen gesellschaftlichen, privaten Charakter. Zu einer sozusagen mit Oeffentlichkeitsrecht ausgestatteten „Judenfrage", zu einem ernst dissutierbaren politischen und wirtschaftlichen Problem hat er sich eigentlich niemals auszuwachsen vermocht Die Magyaren haben von Ludwig Kossuth gelernt, dass die Politik „die Wissenschaft der Exigentien" ist, und sie hahen gefunden, dass die Aufrollung der Judenfrage unnöthig, also unpolitisch sei. Ungarn hat an seinen alten Nationalitätenfragen mehr als genug, es hütete sich daher wohlweislich, eine neue hinzuzuzüchten. Nun hat Herr v.Egan den Stein ins Rollen gebracht Er hat die wirtschaftliche Thätigkeit der Juden in Ungarn scharf kritisiert und als in vielfacher Beziehung gemeinschädlich hingestellt Dass der schwächlich entwickelte Handel sowohl, wie die hoch in den Windeln liegende Industrie des Landes auf die Pflege der Juden angewiesen ist und dieser Pflege schon jetzt gar vieles verdankt, musste der Abgesandte der Regierung zugeben. Allein das hinderte ihn nicht, gerade die handeltreibenden und gewerbfleissigen Juden als den Krebsschaden der Nation zu bezeichnen, der das ganze wirtschaftliche Leben verseuche und alle Gesetzgebung, alle Justiz zersetze. Immerhin ist Herrn v. Egan der reiche Jude der bessere Jude, ja der-einzig wahre Jude. Wohl kann man, wie der Herr Regierungs-Commissär sagte, im Lande keine drei Schritte machen, ohne dass man den jüdischen Geldmenschen in Anspruch nehmen müsste, andererseits hat dieser aber auch seine guten Eigenschaften: er ist schmiegsam, unterwürfig, anpassungsfähig und zu mancherlei Zwecken wohlverwendbar. Er ist der Typus des „echten Juden aus Judäa*, und wenn er sich nur dazu bequemt, „die besondere confessionelle Zone abzustreifen* und mit dem Magyaren vollständig in eins zu verschmelzen, so wird er niemandem mehr im Wege stehen. Hingegen müssten die jüdischen Proletarier der östlichen Grenzcomitate „tüchtig durchgesiebt" werden; denn das sind eigentlich gar keine Juden. Herr v. Egan beschäftigt sich nämlich in der Zeit, die ihm die patriotische Besorgnis um das Schicksal der Ruthenen übrig lässt, mit anthropologischen Studien. Er hat herausgefunden, dass die aus Galizien eingewanderten Proletariermassen dolichocephal schlichthaarig, blond, von kräftigem Gliederbau, muthig, ja tollkühn, fast gewaltthätig sind, also ganz und gar nicht so, wie man sich die Juden insgemein vorstellt Ein anthropologisch minder geschulter Sterblicher hätte sich freilich die von dem Aeussern der Budapester Boulevardkaufherren so sehr abweichende Aussenansicht eines Munkäcser jüdischen Kutschers oder Packträgers, oder sagen wir eines ehemaligen galizischen Bergarbeiters oder Holzfällers, anders ausgelegt Und auch das im Vergleiche zu der Behäbigkeit und dem gesetzten, bescheidenen Benehmen der wohlgenährten, kleinen und rundlichen „Juden aus Judäa" geradezu tollkühne, verzweifelt entschlossene Gehabender östlichen Proletarier könnte man schon ohne besseres anthropologisches Wissen irgendwie erklärlich finden. Aber Herr v. Egan ist mit den neuesten Errungenschaften der Anthropologie wohlvertraut und gibt sich mit laienhaft primitiven Erklärungsversuchen nicht zufrieden. Er weiss es sehr genau, dass nur die reichen, nützlichen, schmiegsamen, unterwürfigen, mit einem Worte brachycephalen Juden als die wahren Israeliten zu betrachten sind, die der ungarische Nationalorganismus in sich aufnehmen kann, wenn sie erst „die besondere confessionelle Zone abgestreift" haben. Hingegen sind die aus Galizien herübergekommenen Habenichtse und „Luftmenschen", die mit allen Mitteln der Verwegenheit, ja fast gewaltthätig nach der härtesten Arbeit und dem kümmerlichsten Verdienste haschenden Proletarier, kurz dieDolichoeephalen, gar keine wirklichen Juden, sondern minderwertige „Abkömmlinge chazarischer Renegaten", gewissermassen Kunstjuden, für den gesunden magyarischen Volksmagen ebenso unverdaulich und nachtheilig wie etwa Margarine oder Kunstwein. Und der ungarische Regierungs-Commissär steht mit seiner Ansicht von der Inferiorität der ostungarischen Judenproletarier durchaus nicht vereinzelt da. In dem heurigen Jahrbuch der „Ungarisch-Israelitischen Literatur- Gesellschaft* (Izraelita Magyar Irodalmi Tärsulat), das vor einigen Wochen erschienen ist, finden sich, in einer „Studie" des Secretärs der Pester „Chewra Kadischa" Dr. Franz Mezei über diese Unglücklichen, unter anderem folgende merkwürdige Sätze: „Dieses Volk hat nichts gelernt; zu nützlicher Arbeit war es nicht zu bewegen. Die Wunderrabbis haben der Thätigkeit des Bauers nachgestellt, indem sie lehrten, der Landwirt könne nicht fromm und gottgefällig sein. Sie predigen auch Verachtung gegenüber dem Handwerker. Noch heute glauben sie, es sei ein Misstrauensvotum für Gott, wenn jemand der Arbeit nachgeht* — In diesem Stile geht es durch einige Spalten weiter. Von einem Antisemiten entworfen, könnte ein derart gehässiges Zerrbild der thatsächlichen Verhältnisse uns, die wir derartiges längst mit stiller Resignation hinzunehmen gewohnt sind, höchstens ein wehmüthiges Lächeln entlocken. Der Feder eines Juden entflossen, jagt uns diese liebedienerische Anklageschrift, nein, Selbst anklageschrift, die Schamröthe ins Gesicht Vollends zerknirscht vor Scham stehen wir da im Angesichte der von Juden bedienten ungarischen Presse. Der jüdische Chefredacteur eines Budapester magyarischen Tagblattes hat sogleich nach dem Bekanntwerden derEganschen Rede triumphierend die erwähnte „Studie* des Chewrah-Kadischa-Secretärs aus dem Dunkel hervorgeholt und zu einem sensationellen Leitartikel verarbeitet. In dem betreffenden Leitartikel wird gesagt: „Jawohl, dieser unselige Volkshaufe ist arbeitsscheu und darum in wirtschaftlicher Beziehung schädlich, moralisch aber verdorben. Er steckt bis über den Hals in crassem Aberglauben und in körperlichem Schmutze, daher ist er culturunfähig und verabscheuungswürdig. Er klammert sich krampfhaft an seinen entsetzlichen fremden Jargon, ist also auch von nationalem Gesichtspunkte besorgniserregend. Alledem zufolge muss man gegen seine sittliche und geistige Verkommenheit ankämpfen. Das verkündet der eine (Egan) hasserfüllt, der andere (Mezei) mit Bedauern, aber beide mit gleicher Bestimmtheit* Weiterhin sagt der jüdische Artikelschreiber: „Möge man die Einwanderung auf legislativem Wege regeln. Wenn dies in der Heimat des Freisinnes, in Amerika, geschehen konnte, wenn sogar England zur Zeit der Vertreibung der russischen Juden mit einem solchen Plane umgi eng, warum sollte gerade Ungarn nicht zu diesem Mittel

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