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Die Welt · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Article
Was in der Luft liegt
Date
1900-02-23
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ,Die z£ Welt4* Nr. 8 selbst das Recht und den Absprach einer Nation zu entdecken, laden sie von allen Seiten Gehässigkeit und Abneigung auf sich,\weil sie in den Kämpfen der Nationalitäten Partei ergreifen und als Parteigänger sich der Gefahr aussetzet), in einem Kample zerrieben zu werden, der mit ihrer eigenen Vitalität nichts zu schaffen hat. Wir wollen diese augenfällige Sachlage nicht weiter verfolgen, denn es seheint uns, dass jene Juden, welche sie leugnen, es nicht thun, weil sie ihnen verborgen ist, sondern weil sie sich einbilden, es sei für ihren Standard of life das Klügste, gleich dem Vogel Strauss den Kopf in den Sand zu stecken. Man kann das jüdischen Opportunismus oder auch jüdische Hypokrisie nennen; es kommt auf das Gleiche hinaus. Aber etwas anderes haben wir im Auge. Es ist innerhalb weniger Jahrzehnte mit der Welt eine ungeheure Wendung vor sich gegangen. Wir Juden brauchen uns nur in sie zu finden, um aus dem unseligen Ideenkrei-e der Assimilation herauszukommen. Die ungeahnten Dimensionen, welche der Weltverkehr annimmt, denen der Welthandel zusteuert, dann die gewaltigen Entdeckungen und Erfindungen, welche die Naturwissenschaft und namentlich die Technik gemacht hat, sind geeignet, uns Juden vom Belieben des Staates und der Gesellschaft zu emancipieren, wenn wir uns mit dem Geiste dieser neuen Zeit erfüllen. Wir sind ja die wahren Weltwanderer vermöge unseres Schicksals und unserer Zerstreuung. Wir vertragen jedes Klima und sind an jede Himmelsrichtung gewöhnt. Wenn wir nicht mehr unser Heil von der Stufenleiter abhängig machen, über welche der Staat und die Parteien verfügen, wenn wir im freien Wettlaufe unserer Emsigkeit und Begabung uns als Kaufleute, als Industrielle, als Techniker und Ingenieure an den grossen Erfolgen betheiligen, welche die Wandlung der Zeit draussen auf den Meeren und in fernen Ländern verheisst, so dürfen wir hoffen, dass die Schlacken der Assimilation von uns abfallen und dass wir in ehrlicher Arbeit uns das Rückgrat stärken, um bald als Nation für uns ansprechen zu können, was uns jetzt noch verweigert wird. In dem innerlichen Ghetto, dessen Mauern noch nicht gefallen sind — das Bild stammt von einem, dem wir es getrost nachsprechen dürfen — ersticken wir; die Weite muss unsere Sehnsucht sein. Auf dem Wege durch die Welt, durch die ganze, grosse Welt, wollen wir wandern, bis wir heimkommen, dorthin, von wo wir einst ausgegangen sind. Es ist die neue Wanderung durch das rothe Meer. Das ist's, was in der Luft liegt. Wer nicht das Leben einsetzt, dem wird es nie gewonnen sein, und für u »s Juden ist der Einsatz leichter als für die anderen, denn wir haben viel zu gewinnen und wenig zu verlieren. Unser „Ostwärts!" ist geheiligter, andächtiger, ergreifender als einst das „ Westward ho!* der Amerikaflüchtigen. Wir rufen es, indem wir uns mit allen Fasern dem neuen Weltgeiste ergeben, der in der grossen Weite seiner Ziele allen den Raum gewährt, sich zu stählen, und uns vor allen anderen, um uns bewusst zu werden, dass wir ein Volk sind und das Recht auf eine Heimat haben. Die galizische Frage. (Schluss.) Es soll hier nicht von der landschaftlichen Vertheilung gesprochen werden, obwohl ja auch die von grosser Bedeutung ist. Es ist gewiss nicht gleichgiltig für das Gedeihen von Ackerbaucolonien, ob sie dort angesiedelt werden, wo bereits jedes Stück Bodens der Cultur unterzogen ist, oder dort, wo der Boden noch weniger ausgebeutet wurde oder noch ganz jungfräulich ist. Auch die Art des bisherigen Anbaues, ferner, ob Roggen oder Hafer, Mais oder Tabak etc. angebaut wurde, ist gewiss von Wichtigkeit Alle diese Fragen sind aber bei aller Wichtigkeit doch von untergeordneterer Bedeutung. Mit der nöthigen Kenntnis der Verhältnisse ausgerüstet, kann da ein ehrlicher Organisator keine schweren Fehler machen. Weitaus wichtiger'ist die Frage, in wessen Händen der Ackerboden ist. Und. da ist hervorzuheben, dass (nach P i 1 a t 189:2) auf den Grossgrundbesitz 4,453.430 Joch oder 32-64% der Landesfläche entfallen. Dabei werden als Grossgrundbesitzer nur die Eigenthümer gerechnet, die über 1000 Joch besitzen. Der mittlere Besitz (200—1000 Joch, wie der Grossgrundbesitz fast durchaus landtäfliche Güter), beträgt im ganzen 831.959 Joch oder 6-1%. Auf den Kleingrundbesitz (unter 25 Joch, zum grössten Theil 2—8 Joch) entfallen 7,380.000 Joch oder 54% der Landfläche. „Die Vertheilung des Grundbesitzes", führt P i 1 a t aus. „leidet somit an dem sehr bedeutenden Uebelstande, dass die beiden extremen Grössenkategorien % der ganzen Area besitzen, während der mittlere Besitz sehr spärlich vertreten ist." Dazu kommt noch die Tendenz des Grossgrundbesitzes durch Zukäufe aus dem mittleren Besitze sich zu vergrössern, andererseits werden die Mittelbesitze durch fortwährende Parcellierungen zu Kleingrundbesitz. Um die stets wachsende Menge der Kleingrundbesitze zu verstehen, sei an die bis ins Extrem getriebenen Erbtheilungen erinnert. So kommt es, dass der Kleingrundbesitz 74% der Gesammtfläche des Ackerlandes inne hat, während auf den landtäfiiehen Grundbesitz 26°/0 entfallen. Was diese Ziffern bedeuten, wird sofort klar, wenn man bedenkt, welcher Besitz für die zu gründenden jüdischen landwirtschaftlichen Betriebe überhaupt bei etwaigen Ankäufen in Frage käme. Schon Lazarus bemerkt darüber in seiner kleinen Broschüre („Juden als Ackerbauern. Ein Beitrag zur Lösung der socialen Frage der Juden in Galizien") Folgendes: „Als Grundsatz wird aufgestellt, dass sowohl für Anlage der Schule, als auch für die Colonisierungen es strenge vermieden werde, irgendeinen Bauerngrund zu verwenden. Der christliche Bauernstand darf keinesfalls von seiner Scholle verdrängt werden. Im Gegentheile wollen wir nur unter Ausscheidung einzelner Parc eilen *) aus dem Grossgrundbesitze dazu gelangen, den Bauernstand zu vermehren etc." Auch der jüngste Propagator der i n n e r e n Colonisation, Dr. Tuch, wehrt sich entschieden dagegen, dass etwa der Kl«ingrundbesitz für diese Colonisation herangezogen werde. Die gegenwärtige Action des Humanitätsvereines für die galizischen Juden kann ebenfalls nicht auf Erwerbung solcher Kieingüter gerichtet sein. Abgesehen von den materiellen Nachtheilen, verbietet dies auch die Anschauung des polnischen Bauers, der wie ein Verzweifelter um seine Scholle kämpfe und ungeheuere Anstrengungen macht, um sich auf ihr zu behaupten. Es ist auch gar nicht auszumalen, was für einen Ausbruch der ohnedies gegen die Juden erbitterten Volksstimmung ein derartiges Beginnen nach sich zöge. Wie die galizischen Bauern in diesem Punkte denken, erhellt zur Genüge aus den Beschlüssen eines galizischen Bauern-Meetings, das erst vor kurzem unter dem Vorsitze des Landtags-Abgeordneten Zardecki zu Przeworsk stattgefunden hat. Bei diesem Meeting wurde gegen die von der Schlachta projectierte Untheilbarkeit der Bauerngüter ein Beschluss gefasst und zugleich gegen die Verpachtung von Grund und Boden an die Juden entschieden protestiert. Es bliebe also nur die käufliche Erwerbung des Grossgrundbesitzes übrig, da ja der *) Mit welchen Gefahren eine solche Parcellierung des Grossgrundbesitzes verbunden ist und mit welch grossen Schwierigkeiten, erörterte erst jüngst wieder in überzeugender Weise Dr. Franz Oppenheimer in seinem Werke: „Grossgrundeigenthum und sociale Frage".

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